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Beruf und Medien

… und tot bist du

Von Martin Staudinger

In keiner Stadt auf der Welt leben Journalisten gefährlicher als in Ciudad Juarez: Die Berichterstattung über Mexikos Drogenkrieg ist ein täglicher Drahtseilakt, bei dem jedes falsche Wort das Leben kosten kann.

Eine tote Frau, kopfüber in einem Kanalrohr. Klick. Zwei Leichen im Straßengraben, Rücken an Rücken aneinandergefesselt. Klick. Ein abgetrennter Kopf am Gehsteig. Klick.

Wie viele Tote haben Sie schon fotografiert, Herr Soria?

„Mehr als 3.000.“

Zählen Sie noch mit?

„Ach was!“

Merken Sie sich die Namen?

„Wo denken Sie hin? Bloß zwei werde ich nie vergessen: Armando Rodríguez und Luís Carlos Santiago. Sie haben mit mir gearbeitet.“

Ein Auto mit zerschossener Windschutzscheibe, an der Gehirnmasse klebt. Klick. Ein blutverschmiertes Gesicht in Nahaufnahme. Klick.

In der Redaktion der Tageszeitung „El Diario“ läuft die Klimaanlage auf vollen Touren, es ist kalt wie in einer Aufbahrungshalle. Lucio Soria, Fotoreporter, klickt sich durch sein Bildarchiv, eine Galerie des Schreckens. Tag für Tag dokumentiert er das Sterben in Ciudad Juarez, Bundesstaat Chihuahua, Mexiko – und damit in der derzeit gefährlichsten Stadt der Welt.

Im vergangenen Jahr wurden in Juarez, direkt an der Grenze zwischen Mexiko und den USA, mehr als 3.100 Menschen umgebracht: zwischen acht und neun pro Tag. Das sind bei einer Bevölkerung von geschätzten 1,6 Millionen 193 Morde pro 100.000 Einwohner, also rund 180-mal so viel wie in Wien. Das Gemetzel hat komplexe Ursachen. Im Wesentlichen ist es eine Folge zweier Kriege, die in Mexiko toben: einer, den die Regierung gegen den Suchtgifthandel führt, und ein zweiter, den Kartelle um die besten Marktanteile ausfechten. Wobei Teile von Polizei und Armee selbst in das Geschäft verwickelt sind, gemeinsame Sache mit den Drogenbaronen machen oder gar eigene Kartelle betreiben.

Zwischen die Fronten geraten dabei die Zivilgesellschaft und in besonderem Maße die mexikanischen Journalisten. Ihre Arbeit ist ein täglicher Drahtseilakt, bei dem ein falscher Satz den Tod bedeuten kann. Mehr als 70 Journalisten wurden seit dem Jahr 2000 in Mexiko ermordet, die meisten von ihnen hatten zuvor über Drogenkriminalität und Behördenkorruption geschrieben.

Zu dieser psychischen Belastung kommt eine zweite – die Konfrontation mit Sterben und Leid, der gerade die Polizeireporter andauernd ausgesetzt sind. In einer Stadt wie Juarez beginnen sie jeden Arbeitstag mit der Gewissheit, entstellte Leichen zu sehen. Und zwar nicht bloß einen oder zwei, sondern ein halbes Dutzend oder mehr.

Der Rekord in Ciudad Juarez liegt derzeit bei 16 Leichen an einem Tag: Teenager, die bei einer Geburtstagsparty erschossen wurden. Später stellte sich heraus, dass den Killern eine Verwechslung passiert war.

Schneller als die Polizei

Fotograf Lucio Soria am Steuer, im Radio das Gedudel einer Mariachi-Band, am Beifahrersitz Luz Sosa: Die 41-Jährige ist eine Legende unter den Polizeireportern in Mexiko. Damit läuft die zweifache Mutter Gefahr, selbst zur Zielscheibe zu werden. Auf die Hoffnung, durch ihre Bekanntheit zumindest ein wenig geschützt zu sein, kann sie sich kaum verlassen.

Es ist frühmorgens und es geht hinaus in die Wüste südwestlich von Juarez. Bei einer verlassenen Farm draußen vor der Stadt wurde ein narcofosa entdeckt: So nennt man die Gräber, in denen die Opfer des Drogenkrieges verscharrt werden.

Der Geländewagen holpert über eine Bodenwelle, Luz Sosa telefoniert am Handy. Kurz fürchten die beiden, sich im Gewirr der Sandpisten verirrt zu haben. Soria hält an und versucht, sich zu orientieren. Weit und breit ist niemand zu sehen. Ein ungutes Gefühl.

Bis vor nicht allzu langer Zeit betrachteten es die Journalisten hier als sportliche Herausforderung, schneller als die Polizei zu sein. Es ist schon vorgekommen, dass sie am Tatort auf Killer trafen, die noch dabei waren, ihr blutiges Handwerk zu verrichten, und die unwillkommenen Augenzeugen unter Beschuss nahmen. Inzwischen lassen sich viele Reporter lieber ein bisschen Zeit und sprechen sich mit Kollegen ab, um erst nach der Rettung und den Ermittlern und schon gar nicht allein anzukommen.

Jetzt taucht eine Staubfahne auf: Ein Fahrzeug der Polizei mit schwer bewaffneten Beamten auf der Ladefläche ist ebenfalls am Weg zum Tatort. Soria gibt Gas, wenig später halten die „El Diario“-Leute vor den inoffiziellen Wahrzeichen von Juarez: rote und gelbe Absperrbänder mit Aufschriften wie „Peligro“ (Gefahr) oder „Precaucion“ (Vorsicht). Jeden Tag tauchen sie an anderen Stellen in der Stadt und ihrer Umgebung auf, erzwingen Umwege oder blockieren Durchfahrten und bilden damit so etwas wie flüchtige Mahnmale für die Toten, die hinter ihnen liegen.

Nach und nach treffen jetzt alle ein, die Ermittler der Staatsanwaltschaft, die Reporter der lokalen Fernsehstationen: TV-Azteka, Canal 5, Canal 44, Milenio. Die Fotografen der anderen Zeitungen: „El Mexicano“, „El Norte“. Sie stehen an der Absperrung in der Hitze und dokumentieren, wie Arbeiter eine Leiche freilegen – den ersten von insgesamt sieben Toten, die an diesem Tag im Sommer 2011 in Ciudad Juarez gefunden werden.

Luz Sosa telefoniert jetzt gleichzeitig mit zwei Mobiltelefonen und gibt Informationen an die Redaktion durch, Lucio Soria kauert schon im Wagen und schickt über Internet Bilder für die Website von „El Diario“ ab.

15 Minuten vergehen, 20, 25. Dann packen alle zusammen. Besser nicht zu lange bleiben, das gilt drinnen in der Stadt noch viel mehr als hier draußen in der Wüste: Man weiß nie, wer beobachtet, sich Gesichter merkt, Autonummer notiert. Juarez ist voll von halcones (Falken), den Spähern im Dienst der Kartelle. Und die Killer verfolgen genau, was Zeitungen schreiben, TV-Sender und Radiostationen senden. Manchmal liegt ihnen daran, dass über einen Mord berichtet wird, weil sie damit eine Botschaft an ihre Gegner senden wollen. Manchmal ist ihnen Publizität nicht recht – aber das kann im Vorhinein niemand abschätzen. Nur an den Folgen.

Doch nicht nur von den Drogenbaronen droht Mexikos Journalisten tödliche Gefahr.

„Tot wie eine Kuh“

Wen er sich zum Feind gemacht hat, weiß Luis Chaparro bis heute nicht genau. Er kann sich nachträglich bloß zusammenreimen, dass er etwas geschrieben hat, das jemanden mächtig geärgert haben muss. Sonst wäre er im vergangenen Frühjahr nicht am Heimweg abgepasst, zusammengeschlagen und gefesselt in einen Kleinlastwagen geworfen worden.

Die Männer, die Chaparro eine Pistole an den Kopf hielten, hatten Funkgeräte dabei: „Es ist der Journalist, ich habe ihn“, gab einer von ihnen durch. „Morgen werden sie dich finden, tot wie eine Kuh“, sagte ein anderer. Chaparro, Mitte 20, schloss an diesem Abend mit seinem Leben ab. Als ihn seine Kidnapper dann doch laufen ließen, packte er seine Sachen und flüchtete über die Grenze nach El Paso, Texas. „Bis zu dieser Nacht hatte ich keine Angst“, sagt er heute. „Aber die Typen, die mich geschnappt haben, waren keine Kriminellen, sondern Polizisten.“

Es ist im Norden Mexikos oft nicht klar, mit wem man es zu tun hat, wenn ein Uniformierter auftaucht. Im besten Fall kann es ein echter Polizeibeamter sein, der sich noch dazu an die Gesetze hält; im Normalfall ist es eher einer, der zumindest die Hand aufhält. Es kann aber auch sein, dass er gemeinsame Sache mit einem der Kartelle macht – oder überhaupt ein Krimineller, der sich bloß als Polizeibeamter verkleidet hat.

Die Behörden spielen im Drogenkrieg ihr eigenes, schmutziges Spiel. In Juarez munkelt man, dass ein Teil der Morde auf ihr Konto geht: Es wäre nicht das erste Mal in der Geschichte Mexikos, dass Todesschwadronen aus den Reihen von Polizei oder Armee auf dem kurzen Dienstweg für das zu sorgen versuchen, was sie unter Ruhe und Ordnung verstehen. Es wäre auch nicht das erste Mal, dass sie selbst Interessen im Suchtgiftgeschäft haben und mit Gewalt verteidigen.

Alles hier scheint einen doppelten Boden zu haben, und überall
verlaufen rote Linien, die man besser nicht überschreiten sollte – zu viele, als dass man sich noch wirklich bewegen könnte. „Wir stehen zwischen allen Fronten. Und das Tragische ist: Wir können auch den Behörden nicht trauen“, sagt Luz Sosa in der Kälte der „El Diario“-Redaktion: „Ehrlich gesagt: Ich fürchte mich inzwischen mehr vor der Regierung als vor den Kartellen.“ Sie sagt, sie sehe ihre Aufgabe darin, den Opfern und ihren Angehörigen eine Stimme zu geben. Und: „Nein, es ist nicht so, dass ich dauernd Angst um mein Leben habe.“

Schräg hinter ihr steht ein leerer Schreibtisch, der mit Blumen geschmückt ist, am Computer hängen das Foto eines lächelnden Mannes und ein Zettel: „El Choco was here“. Das „was“ ist durchgestrichen und durch „is“ ersetzt.

„El Choco“ war der Spitzname von Armando Rodríguez, der im November 2008 vor seinem Haus ermordet wurde.

Bilder triefend voll Blut

Arturo Chacon stand unter der Dusche, als er die neun Schüsse hörte. Ein paar Minuten später erfuhr er am Telefon, dass sie Armando Rodríguez gegolten hatten, der ein paar Häuser von ihm entfernt wohnte.

Arturo arbeitete damals für „El Norte“ und bewunderte den um 15 Jahre älteren Kollegen von „El Diario“, der als einer der besten Polizeireporter im Norden Mexikos gleichzeitig Freund und Konkurrent war. Nach dem Mord an Rodríguez schaffte es Chacon noch eine Weile, weiterzumachen. Dann gab er seinen Job bei „El Norte“ auf. Jetzt verdingt er sich als Stringer für ausländische Medien.

Zwei Stunden nach dem Leichenfund in der Wüste lenkt er seinen zerbeulten Wagen durch ein Arbeiterviertel von Juarez. Gerade hat ihn ein Fotograf, mit dem er zusammenarbeitet, über einen Doppelmord informiert. Es geht an kleinen, bunt bemalten Häusern vorbei, Fenster und Türen sind mit schweren Eisengittern gesichert. Ein paar Mal um die Ecke, dann kommen die roten und gelben Absperrbänder in Sicht.

Der Tatort ist ein kleiner Supermarkt, drinnen liegen zwei Angestellte, einem fehlt der halbe Schädel. „Wir sehen hier die typische Dynamik am Schauplatz eines Mordes in Juarez“, sagt Chacon: Angehörige der Opfer weinen, Nachbarn stehen scheinbar ungerührt vor ihren Häusern und plaudern. Ein Fotograf schraubt ein wuchtiges Teleobjektiv auf seine Kamera. Er arbeitet für „PM“, das von derselben Verlagsgruppe herausgegeben wird, in der auch „El Diario“ erscheint, und zu einer Zeitungsgattung gehört, die man in Mitteleuropa nicht kennt: „La nota roja“ (Die rote Notiz) nennt man in Mexiko jene wüsten Boulevardblätter, die sich auf besonders grausige Kriminalberichte spezialisiert haben. „PM“ druckt vorzugsweise jene Bilder, die der honorige „El Diario“ seinen Lesern nicht zumuten will.

Maskierte Bundespolizisten mit Sturmgewehren sichern die Zufahrten, Kriminalisten in weißen Overalls fotografieren Einschusslöcher und Austrittswunden, tunken Wattestäbchen in Blutlachen, nehmen Fingerabdrücke.

Die Ermittler wirken geschäftig und professionell, aber dennoch weiß jeder hier, dass hier bloß Rechtsstaatlichkeit vorgespielt wird. Nur rund 5 Prozent der Mordfälle in Mexiko werden tatsächlich untersucht, der Rest landet bei den Akten: Karteileichen im wahrsten Sinne des Wortes, wenn man so will.

Und bei den Journalisten hat sich dabei eine Selbstzensur entwickelt, die auf den ersten Blick gar nicht richtig auffällt. Sie berichten zwar über jedes Verbrechen, gehen aber nur in Ausnahmefällen auf die Hintergründe ein.

Der Tod von Armando „El Choco“ Rodríguez ist nach nunmehr drei Jahren noch immer nicht geklärt. Ebenso wenig die Ermordung des „Diario“-Fotografen Luís Carlos Santiago, der im September vergangenen Jahres in einer Tiefgarage neben der Redaktion erschossen wurde. Ein zweiter Bildreporter, der mit ihm unterwegs war, überlebte den Anschlag schwerst verletzt.

Der Chefredakteur von „El Diario“ nahm dieses Verbrechen zum Anlass, auf der Titelseite der Zeitung einen Appell an die Kartelle zu richten: „Meine Herren der verschiedenen Organisationen, die um die plaza (den Drogenmarkt, Anm.) von Ciudad Juarez streiten“, begann sein Text: „Wir hätten gerne, dass Sie uns erklären, was Sie publiziert sehen möchten und was nicht, damit wir wissen, wie wir uns verhalten sollen. Sie sind zum gegenwärtigen Zeitpunkt de facto die Autoritäten in dieser Stadt.“ Das sei nicht als Kapitulation zu verstehen, beeilte sich der Chefredakteur festzustellen – sondern „als Versuch zu verstehen, was die Regeln sind – denn Regeln gibt es sogar in einem Krieg“.

Eine Antwort darauf hat er nie erhalten.

Job und Morden gehen weiter

Luz Sosa musste nach ernstzunehmenden Drohungen im Spätsommer in den USA untertauchen. Inzwischen macht sie wieder Dienst.

Arturo Chacon versucht, als freier Journalist über die Runden zu kommen und sein Studium abzuschließen.

Luis Chaparro lebt in Texas. Er arbeitet dort für die englischsprachige Ausgabe von „El Diario“ und kommt nur stundenweise in seine Heimatstadt Juarez.

Lucio Soria ist inzwischen 60 Jahre alt und rückt weiterhin jeden Tag aus, um das Morden in der Stadt zu dokumentieren: Eine Frauenleiche an einem Baum. Klick. Ein Paar, das sich weinend neben zwei Toten in den Armen liegt. Klick.

Machen Sie Ihren Job eigentlich noch immer gerne, Herr Soria?

„Sicher, sonst wäre ich nicht hier.“

Ein Erschossener, mit Handschellen an einen Maschendrahtzaun gefesselt. Klick.

Erschienen in Ausgabe 10+11/2011 in der Rubrik „Beruf und Medien“ auf Seite 66 bis 69 Autor/en: Martin Staudinger. © Alle Rechte vorbehalten. Der Inhalt dieser Seiten ist urheberrechtlich geschützt. Für Fragen zur Nutzung der Inhalte wenden Sie sich bitte direkt an die Redaktion.

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