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Praxis

Wie Inserate helfen, „Österreich“ zu planen,wie man im ORF Landesdirektor wird und was aus der Hausdurchsuchung bei WoFe wurde

Welche Geschichten sind für WoFe wirklich wichtig?

Dr. Media: Es war ein Thema, das sich Mitarbeiter der „Österreich“-Chronik-Redaktion gar nicht vorzuschlagen trauten, dachten sie doch, dass Wolfgang Fellner sie in der Sitzung für verrückt erklären werde: Als Doris Bures eine Pressekonferenz zur Erste-Hilfe-Karte-Initiative des Verkehrsministeriums gab – eine Karte, die auf einen Blick vermitteln soll, wie man eine Unfallstelle richtig absichert und welche Notrufnummern zu wählen sind –, war kein Mitglied der „Österreich“-Redaktion vor Ort. Am nächsten Tag das Donnerwetter. „Die Chronik-Mitarbeiter wurden zur Sau gemacht, weil sie den Bericht nicht im Blatt hatten, es sei superwichtig und man müsse sofort eine ganze Seite dazu machen“, erzählt ein Redaktionsmitglied. Verwunderung machte sich breit – bis man in der Ausgabe des nächsten Tages ein Inserat über die Erste-Hilfe-Karte sah. Und das ist, wie man hört, wahrlich kein Einzelfall: „Oft werden Kinkerlitzchen große Geschichten – und dann kommt das dazu passende Inserat“, heißt es aus Redaktionskreisen.

Apropos Anzeigen: Bei „Österreich“ hat man ja doch etwas für die Mitarbeiter des Hauses übrig. Als sich immer mehr abzeichnete, dass der Kantinenbetreiber ob des Mitarbeiterschwunds in der Redaktion kaum mehr über die Runden kommen kann, wurde er prompt als Anzeigenkeiler zusatzbeschäftigt, wohlgemerkt eher für Gourmet-Anzeigen, das Bures-Inserat ist sicher nicht auf seinem Küchentisch, äh, Mist gewachsen.

Was steckt hinter der Berufung der neuen ORF-Landesdirektoren in Salzburg und Vorarlberg?

Dr. Media: Jedenfalls die Tatsache, dass es für beide Funktionen exzellente Frauen gegeben hätte, deren Namen ja auch nicht zuletzt deshalb lange Zeit kursierten. Doch, wie man weiß, zum Zug kamen wieder zwei Männer, denen die in Rede gestandenen Frauen zumindest in nichts nachstehen. Es sei denn, es waren andere Entscheidungsgründe als jene der Professionalität und Leistungsfähigkeit ausschlaggebend. In Salzburg zum Beispiel habe sich nicht Landeshauptfrau Gabi Burgstaller durchgesetzt, sondern – so Insider – SP-Bundesgeschäftsführerin Laura Rudas. Diese habe sich bei Wrabetz für Roland Brunnhofer, SP-Betriebsrat und ehemaliger Sportreporter im Landesstudio, starkgemacht. Und zwar deshalb, so das Ondit, weil Burgstaller mit Gerhard Zeiler als ORF-Generaldirektor spekuliert habe. Strafe muss sein. Und in Vorarlberg sei es ähnlich gelaufen, nur andersrum. Weil Raphaela Stefandl, stellvertretende Chefredakteurin im Landesstudio und langjährige Moderatorin von „Vorarlberg heute“, öfter auch mal die schwarzen Landesoberen kritisch ins Visier genommen hat, sei sie vom Vorarlberger Landesparteisekretär der ÖVP verhindert worden. Dazu komme überdies, dass sich der künftige Landesdirektor Markus Klement mit dem ÖVP-Sekretär besonders gut verstehe. Kenner der Vorarlberger Medienszene prophezeien zudem, dass angesichts des ausgefuchsten Geschäftsführers des Vorarlberger Medienhauses Eugen Russ der Neuling Klement die Position des ORF-Vorarlberg schwächen werde.

Ist Springer besser als die WAZ?

Dr. Media: Nachdem der deutsche Medienkonzern Axel Springer seine Mitbewerber von der WAZ-Gruppe in Essen mit einem pauschalen Kaufangebot ihres Unternehmenskomplexes nervös gemacht hatte, sickerte gegen Ende Oktober Genaueres darüber durch. Es gehe den Herrschaften von Springer in Wirklichkeit nur um bestimmte Rosinen aus dem großen Germteigkuchen, wusste die Nachrichtenagentur Reuters sinngemäß zu berichten, nämlich: um Online, TV-Zeitschriften und „Kronen Zeitung“. Schau, schau, die „Krone“ beziehungsweise deren 50-Prozent-Hälfte ist also doch noch immer ein Gustostück für Expansionisten. Das Problem dabei ist bloß, dass nicht nur die WAZ den Anteil verkaufen, sondern die Familie Dichand in Wien irgendwie zustimmen müsste. Sie hat schon laut Nein gesagt. Gewiss nicht aus Anhänglichkeit zur WAZ, die dem zum Herausgeber gewordenen Chefredakteur Christoph Dichand bis zur Beilegung von Differenzen die Auszahlung einer Apanage von 12 Millionen Euro verwehrt. Vielleicht nimmt man aber in Wien realistischerweise an, dass nie etwas Besseres nachkommt. Und dass die hypothetischen Preisgespräche zwischen WAZ und einem Outsider nur dazu führen könnten, dass 50 Prozent „Krone“ immer teurer werden. Und das ist wirklich nicht im Sinne der Dichands, die die Hälfte selbst zurückkaufen wollen.

Beschlagnahmte Kripo Uschis Hutschachteln?

Dr. Media: Da es neuerdings Freisprüche dort gibt, wo Korruption vermutet wurde, und wir es mit der Unschuldsvermutung immer sehr ernst nehmen, legt sich Dr. Media für Wolfgang Fellner ins Zeug. Es wird ja bald ein Jahr her sein, dass die Staatsanwaltschaft am 27. Jänner 2011 mit einem Rudel Sicherheitsbeamten mehrere Hausdurchsuchungen bei den Fellner-Brüdern machte und schachtelweise Akten davonschleppte. Hinter der Aktion stand der „Verdacht der Beihilfe zur Untreue“ in der Causa Immofinanz. Was ist daraus eigentlich geworden, man hört nichts mehr. Und wenn wir schon beim Fragen sind – geht auch bei der Immofinanz und ihrem einstigen Chef Karl Petrikovics nicht bald etwas weiter? Ist ja unangenehm, wenn Petrikovics und ein oder zwei Fellners ständig mit der Unschuldsvermutung herumlaufen müssen. Also zugegeben, dass die Hausdurchsuchungen gleich auch eine Verletzung des Redaktionsgeheimnisses bei „Österreich“ gewesen seien, haben wir dem Medienzaren Wolfgang Fellner nicht abgenommen. Aber jetzt wollen wir endlich wissen: Was ist in den Schachteln, die plombiert beim Oberlandesgericht verstauben? Hochbrisantes Beweismaterial oder etwa nur die Hüte-Kollektion, die Uschi Fellner in ihrer „Madonna“ mit deren beliebter Beilage „Österreich“ vorstellen wollte? Das wäre dann allerdings schon eine massive Verletzung des Redaktionsgeheimnisses.

Hat Brandstätter sein Gewinnziel bald erreicht?

Dr. Media: Eigentlich interessiert uns das nicht, aber besorgt darf man ja sein. Denn im Vielfrontenkrieg, in den der „Kurier“-Chefredakteur Helmut Brandstätter seit Monaten verstrickt ist, kennt sich bald niemand mehr aus, obwohl das Recht natürlich immer auf Brandstätters Seite ist. So war das zweifellos auch mit den Briefen an das Landesverteidigungsministerium, die vom Verteidigungsminister Norbert Darabos untergriffig verwechselt und in einer „Pressestunde“ zur Affäre gemacht wurden. Gut, Darabos hat sich entschuldigt. Aber übrig bleibt doch ein Brandstätter, der mit dem redaktionellen Projektleiter und dem Gesamtanzeigenleiter des „Kuriers“ bereits sechshändig am Kooperationsklavier gespielt hat, um Geld für eine nationale Wirtschaftssache aufzutreiben. Auch das war bloß Big Business und nichts Unanständiges, aber wir fragen, wann der „Kurier“ endlich das Geld beisammen hat, für dessen Beschaffung Brandstätter gerufen wurde. Mit Raiffeisen-Inseraten allein wird das nicht gelingen. Vielleicht sollte er Wolfgang Rosam beratend ins Haus holen, dem er seine eigene Agentur BBC verkauft hat, bevor er Chefredakteur wurde.

Wie wäre Hochegger als Bundespräsident?

Dr. Media: Einfach klass, selbst Rudolf Kirchschlägers „saure Wiesen“ würden gegen seine brodelnde Gesellschaftsethik dürr wirken. Seit dem 20. Oktober wissen wir endlich, wie das neue „News“ aussieht, und dank dem darin enthaltenen Interview mit dem Star-Lobbyisten Peter Hochegger auch, wie es um unsere Gesellschaft bestellt ist. Ziemlich übel, denn: „Es geht um unser System, in dem sich Eliten, angetrieben von maßloser Gier, mit Kontakten und Wissensvorsprung Vorteile verschaffen“, erzählte er. Das ahnte bisher niemand, schon gar nicht, dass Hochegger so etwas sagen würde und es einen Skandal nennt, „der uns alle betrifft“. Man
muss an das Gute im Menschen Hochegger glauben, der sich zwar in die Gier verrannt hat, aber nichts strafrechtlich zuschulden kommen ließ. Sagt er. Außerdem hatte er es mit Geschäftsfreunden zu tun, die leider „geschäftlich eine beschränkte Ahnung“ hatten wie beispielsweise Walter Meischberger oder Ex-Verkehrsminister Hubert Gorbach, der „brave Vorschläge machte“, ohne dass die Kosten-Nutzen-Relation stimmte. Das ist Schicksal. Wohl auch, dass ohne Meischberger „Alexander Wrabetz nie ORF-Generaldirektor geworden“ wäre.

Alle Achtung, Herr Hochegger, Ihr kritischer Blick könnte für die politische Gewaltenteilung Wunder wirken. Die zwei Großparteien sind auf der Suche nach je einem Präsidentschaftskandidaten. Herr Hochegger, vermitteln Sie sich!

Erschienen in Ausgabe 10+11/2011 in der Rubrik „Praxis“ auf Seite 128 bis 129. © Alle Rechte vorbehalten. Der Inhalt dieser Seiten ist urheberrechtlich geschützt. Für Fragen zur Nutzung der Inhalte wenden Sie sich bitte direkt an die Redaktion.

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