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Titel

Wir wollen wachsen

Von Interview: Engelbert Washietl

Die Geschäftsführerin von derStandard.at, Gerlinde Hinterleitner, über das Geheimnis, im Internet Geld zu verdienen.

Die meisten Zeitungsverlage Österreichs finanzieren ihre Online-Aktivitäten noch immer aus dem Printgeschäft. Bei Ihnen ist das anders. DerStandard.at hatte 2010 ein EGT von 2,1 Millionen Euro bei einem Umsatz von 10,8 Millionen. Wollen Sie mit Online allmählich auf die Überholspur einschwenken und den gedruckten „Standard“ ausbremsen?

Gerlinde Hinterleitner: Nein, das ist definitiv kein Ziel, aber wir wollen auf alle Fälle weiter wachsen, beim Umsatz, bei den Zugriffen und den Mitarbeitern.

Ist das 2011 der Fall, trotz Finanzkrise?

Wir werden sicher ein Umsatzwachstum von 25 Prozent schaffen. Beim Ertrag wird man sehen, denn die Monate Oktober, November, Dezember entscheiden das Spiel. Außerdem haben wir sehr viel ins Personal investiert, viele neue Leute aufgenommen. Der Abstand zur Zeitung ist noch immer sehr groß, da werden noch einige Jahre vergehen, bis wir so groß sind wie die Zeitung. Aber das strategische Ziel ist ja, das beste Onlinemedium Österreichs zu sein.

Branchenmäßig betrachtet ist die Erfolgskurve von derStandard.at aber aussagekräftig, weil sich die meisten Medienunternehmen auf dem digitalen Weg noch unsicher fühlen. Die entscheidende Frage für alle ist: Wie viel Geld kommt herein?

Viele Medienhäuser sind eben noch nicht ernsthaft auf dem digitalen Weg.

Sie tun nur so?

Man kann das Onlinegeschäft nicht nebenbei betreiben. Das funktioniert nicht, wenn man nur Agenturmeldungen hineinstellt und keinen originären Inhalt anbietet.

Heißt das, auch für den erfolgreichen Einstieg ins digitale Geschäft ist ähnlich wie bei Print ein entsprechendes Anfangskapital vonnöten? Da wären Sie aber kein treffendes Beispiel – Sie starteten mit 10.000 Schilling.

Da wurde schon einiges nachgelegt. Man braucht Geld, auch bei anderen als medialen Plattformen. Styria zum Beispiel hat enorm viel in willhaben.at investiert, bis es groß wurde. Ob sie schon Geld verdienen, ist mir nicht bekannt.

DerStandard.at war am 1. Februar 1995 das erste Online-Newsportal einer Zeitung im deutschsprachigen Raum. Wenn das Printgeschäft immer schwieriger wird, wie fast alle Verleger fürchten – vielleicht wird derStandard.at noch einmal das erste Onlinemedium sein, das einen Zeitungsverlag vor dem Defizit bewahrt?

Ich halte nichts von bedrohlichen Szenarien. Wichtig ist, dass alle das Beste unter gegebenen Rahmenbedingungen machen. Die Lage von Print ist nicht so schlecht, wie getan wird.

Sie glauben an die gedruckte Zeitung?

Ich glaube, dass es die gedruckte Zeitung noch einige Zeit geben wird, wie lange, weiß ich nicht. Der Transformationsprozess braucht länger als vorhergesagt. Es gibt noch immer Zeitungen mit steigenden Leserzahlen und auch solche, die sich wunderbar verkaufen.

Brauchen Digital und Print einander? Manche Zeitungen wie soeben „France Soir“ stellen die Druckmaschine still und werden 100-prozentig digital.

Das Leser- und User-Verhalten verändert sich. Wann nimmt man sich Zeit zu lesen, wann will man Nachrichten abrufen? Das Aktualitätsbedürfnis wird immer stärker von Onlinemedien gestillt. Andere greifen nach der Tageszeitung, die hat etwas Haptisches. Wer die Zeitung gelesen hat und zuklappt, hat das Gefühl, etwas erledigt zu haben, das ist befriedigend. Die Behauptung, dass Zeitung für Hintergrund und Kommentar zuständig ist und Online für die Aktualität, stimmt freilich auch nicht. Kommentare, Analysen, Hintergründe finden auch online Platz. Der Hintergrund bleibt viel länger online, kann verlinkt und verteilt werden. Wir haben obendrein kein Platzproblem.

Pushen die Tablets den Vormarsch im digitalen Newsgeschäft?

Nicht in erster Linie Tablets, sondern die Smartphones. Dort verdoppeln sich die Zugriffe innerhalb eines Jahres. Die Menschen konsumieren auf ihren Mobilgeräten schon um fünf Uhr früh Nachrichten und das hält an. Das iPad wird tagsüber nicht so intensiv genutzt, bei ihm steigert sich die Zahl der Zugriffe ab 19.30 Uhr. Man nutzt es zu Hause am Sofa.

Woher kommen bei Ihnen die Gewinne? Für Inhalte, also Contents, verlangen Sie ja nichts.

Sie kommen einerseits aus der Onlinewerbung, also von den Image-Sujets auf dem Schirm, andererseits von den Immobilien- und Karriereanzeigen. Die erste Werbung hatten wir 1997, sie war von der Creditanstalt, ein einfaches Logo, man konnte nicht einmal draufklicken. Nach einigen Jahren, also sehr zeitig, haben wir einen eigenen Werbeverkauf aufgebaut. Wir arbeiten auch nicht mit Vermarktern. In Deutschland wird fast nur mit Vermarktern gearbeitet, die Websites verkaufen. Wir haben anders entschieden und das hat sich bezahlt gemacht, weil wir unser Produkt durch Eigenarbeit bestmöglich darstellen und auch die Wünsche der Kunden optimal erfüllen können. Wir bieten auch interessante Sonderprodukte an.

Die Erträge wären wohl bedeutend höher, wenn Sie von Usern der News-Sites in irgendeiner Form Eintrittsgeld verlangen würden?

Wir würden Reichweite verlieren, und das drückt die Anzeigenumsätze.

Wenn Sie jetzt nachdenken, „sollen wir oder sollen wir nicht“ – wie ist Ihre Antwort bezüglich der „paywall“?

Die Vorstellung, wenn eine Million User je einen Euro zahlen, ist verlockend, erfüllt sich aber nicht. Solange es kein System gibt, das die Abrechnung ganz einfach abwickeln kann, wird es das mit Sicherheit nicht spielen. Die Abrechnung ist eine der großen Hürden. Abgesehen davon bin ich der festen Überzeugung, dass wir als General-Interest-Medium kein Geld verlangen können. Ich glaube nicht, dass wir mit der Reichweite schon am Plafond sind. Und wir wollen auch ein offenes Medium sein und haben deshalb die größte Community in Österreich.

Nicht einmal der ORF schafft mehr?

Ich glaube nicht, seit er das Forum nicht mehr so offen halten darf wie früher.

Zum Rekord bei den Zugriffen tragen die Postings bei, von denen bei Ihnen pro 24-Stundentag rund 16.000 ankommen. Da ist sicher manch Wertvolles dabei, aber auch vieles, von dem nicht jedermann begeistert ist – Untergriffiges oder bloß sehr Dummes. Wie versuchen Sie, das Problem zu lösen?

Das Medium ermöglicht, dass User und Leser mit geringstem Aufwand auch ihre Meinung sagen. Das ist medienimmanent. Es gibt für sie nichts Spannenderes, als die Ereignisse zu kommentieren oder zumindest ihren Senf dazuzugeben. Das Internet ist ein Kommunikationsmedium, wir ermöglichen Kommunikation.

Das ist die gute Seite, die schlechte ist die Selbstdarstellung vieler Poster.

Es gibt viele gute Seiten. Es gibt immer jemanden, der mehr weiß als der Redakteur oder die Redakteurin, die den Artikel geschrieben hat. Der Betreffende ist vielleicht Insider oder beschäftigt sich privat mit dem Thema. Das ist viel positives Feedback für unsere Arbeit. Das Negative trachten wir mit viel Aufwand zurückzudrängen. Im Netz muss eine einigermaßen gesittete Diskussion möglich sein.

Sie haben eine eigene Maschine, die vorsortiert und die schlimmsten Dinge ausmerzt. Sie funktioniert aber nicht in jedem Fall.

Das deshalb, weil die Menschen wahnsinnig kreativ und klug sind. Sie unterlaufen die Maschine. Aussagen haben je nach Zusammenhang unterschiedliche Bedeutung. Mein Beispiel ist immer wieder, als Hans Dichand gestorben ist, posteten viele: „Das ist der schönste Tag meines Lebens.“ Die Aussage ist nur bezogen auf den konkreten Anlass pietätlos.

Vor Kurzem witzelte nach einem Interview mit einem prominenten Industriellen und Expolitiker jemand über dessen Bier-bauch. Beschweren sich die Interviewten nicht darüber und fragen, wie sie dazu kommen?

Wir haben mehrere Kontrollmechanismen. Dennoch beschwert sich manchmal jemand.

Das ist für uns dann ein Anlass, noch mehr auf Ordnung im Forum zu dringen, und wir löschen das sofort.

Sie könnten Foren, in denen jeder seine Meinung anonym abladen kann, überhaupt sperren.

Dann würden wir das offene Medium nicht adäquat zu
r Verfügung stellen.

In etwa einem Jahr zieht der „Standard“ in ein neues Quartier in Wien-Landstraße. Es soll auch einen „Newsroom“ geben. Wie werden Print und Online ihre Zusammenarbeit räumlich und im Workflow gestalten?

Es gibt im Erdgeschoß einen sehr schönen, hohen Raum, das ist die ehemalige Kassenhalle der Bank Austria. Das wird der große Newsroom werden. Es werden beide Redaktionen in diesem Raum sein, wir werden aber weiterhin zwei eigenständige Redaktionen bleiben. Wir sind schon jetzt in beiden Häusern sehr erfolgreich, und es gibt keinen Grund, das erfolgreiche Konzept zu verändern.

Vielleicht geht die Entwicklung so rasch voran, dass Sie eine Art Regisseur für beide Redaktionen einsetzen müssen, der ständig entscheidet, welche Story wie und auf welcher Plattform verbreitet wird?

Unsere Devise ist, jedes Medium soll egoistisch agieren. Wir agieren in völlig unterschiedlichen Märkten. Der Konkurrent von derStandard.at ist nicht die gedruckte Zeitung, sondern es sind andere Onlinemedien im In- und Ausland. Wir wollen haben, dass Leute, die eine Nachricht lesen wollen, sie bei uns lesen. Jedes Medium muss auf sich schauen.

Liste

Die Medienmanager des Jahres

2003: Horst Pirker

2004: Harald Knabl

2005: Eva Dichand

2006: Oliver Voigt

2007: Wolfgang Vyslozil

2008: nicht vergeben

2009: Reinhold Gmeinbauer

2010: Horst Pirker

Vita

Gerlinde Hinterleitner

Studium der Geschichte und Politikwissenschaft in Wien. Seit 1991 bei der Tageszeitung „Der Standard“ im Textarchiv, 1995 Gründerin und Projektleiterin des „Online-Standards“, der ersten deutschsprachigen Tageszeitung im Internet. 2000 bis 2009 Vorstandsmitglied der Bronner Online AG, zuständig für Redaktion und Content-Solutions und seit 2000 Chefredakteurin von derStandard.at und dieStandard.at und seit 2010 daStandard.at. Seit Juni 2009 Geschäftsführerin derStandard.at GmbH und seit 2008 Präsidentin der Österreichischen Webanalyse.

Erschienen in Ausgabe 10+11/2011 in der Rubrik „Titel“ auf Seite 32 bis 35 Autor/en: Interview: Engelbert Washietl. © Alle Rechte vorbehalten. Der Inhalt dieser Seiten ist urheberrechtlich geschützt. Für Fragen zur Nutzung der Inhalte wenden Sie sich bitte direkt an die Redaktion.

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