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Special

Zurück zu den Hausmitteln

Von Theresa Steininger

Kann man Gesundheitsjournalismus auch anders machen als mit Grippe-Geschichten im Herbst und Sonnenschutz-Storys im Sommer? „Gesünder leben“ hat sich unter dem neuen Chefredakteur Ralf Strobl einen Relaunch verordnet und bringt zumindest in der Aufmachung neue, frische Ideen – was die Themen betrifft, komme man um einige eben nicht herum, sagt Strobl.

So schützen Sie sich vor Schnupfen im Winter! So entkommen Sie im Sommer dem Hautkrebs! Essen Sie das, verbrauchen Sie bei jenem Sport so und so viel Kalorien, essen Sie Kartoffel, essen Sie keine Kartoffel … dazu die ewig selben Sujetfotos: ein zähneputzendes Kind zur Zahngeschichte, eine die Stirn haltende Frau zur Migräne-Story … Kann man ein populärwissenschaftlich-medizinisches Magazin wirklich immer nur mit denselben Geschichten füllen und diese mit den ewig gleichen Motiven bebildern? Fast scheint es so. Wie das obligatorisch täglich grüßende Murmeltier sieht man jahrein, jahraus je nach Saison ähnliche Storys in den Gesundheits-, Wellness- und Medizin-Publikumsmagazinen wie „Medizin populär“, „News Leben“, „Wellness Magazin“, „Gesünder leben“ und wie sie alle heißen.

Einen Neustart macht nun „Gesünder leben“ – mit neuem Chefredakteur, dem vielerprobten Blattmacher Ralf Strobl („tv media“, „Österreich“, „name it“ …), jugendlicherer Aufmachung als zuvor, frischer Fotosprache und auch neuen Herangehensweisen.

Vor allem in Layout und Bildsprache wirkt das Magazin nach dem Relaunch runderneuert. „Unser Vorsatz ist es, die Geschichten nicht auf die naheliegendste oder banalste Art und Weise umzusetzen“, sagt Strobl. Das neue Layout ist demnach weniger statisch, Layouterin Eva Urthaler, in der Branche wahrlich auch keine Unbekannte und einst „Woman“-Gestalterin, hat das Cover übersichtlicher gestaltet und mit Schriften gespielt, um die Aufmachung dynamischer und jünger zu machen. Bild-Text-Scheren und „tote Seiten“ ohne Information wurden verbannt. Die bisherige Ressorteinteilung wurde auf vier verknappt, die Startseiten, auf denen früher nur ein riesiges Foto und wenig Text prangte, führen nun schon ins jeweilige Fachgebiet ein und liefern unterschiedliche Kurzinformationen zu den jeweiligen Themengebieten. Nicht neu, aber eben neu für „Gesünder leben“.

In der Bildsprache will man überraschen, Hingucker kreieren – was mit unkonventionellen Fotos gelingt, wenn beispielsweise neben der Zahngeschichte Münder in Riesenaufnahmen und beim Vernaschen von Zitronen, Erdbeeren und Äpfeln gezeigt werden und eine Story über ewige Liebe kein kuschelndes Paar, sondern nur deren nackte Füße auf einem Badesteg als Aufmacher hat.

Dass ein Gesundheitsmagazin Ärzte zurate zieht, ist natürlich nichts Neues, „Gesünder leben“ bringt nun mehr Mediziner als zuvor und zumindest neue Gesichter, indem man auch solche aus den Bundesländern mit einbezieht. „Wir wollen weg vom Wasserkopf Wien, auch anderswo gibt es hoch qualifizierte Ärzte – außerdem haben wir einen Großteil der Leser in den Bundesländern“, so Strobl. Zwar hat man diese auch in der Altersgruppe 50plus, doch das soll sich jetzt ändern: „Wir wollen durch die jüngere, frischere Optik auch jüngere Leser ansprechen, ohne die älteren zu vergraulen.“ Auch durch Radiospots und weitere Marketingmaßnahmen soll das Magazin bekannter werden.

Lesernähe möchte man anhand von Experten und Autoren aus den Ländern geografisch, aber natürlich auch thematisch erzeugen, Strobl verspricht sich dies durch mehr informative Kästen und mehr Tipps. Nicht zuletzt wurde der Relaunch auf Basis einer großen Leserbefragung und auch mit dem Ziel, neue Abonnenten zu gewinnen, gemacht.

Neu erfunden wurde der Gesundheitsjournalismus natürlich auch bei diesem Neustart nicht. Der neue Chefredakteur Strobl rechtfertigt das so: „Es gibt Themen, die musst du einfach machen, eine November-Ausgabe ohne Schnupfen und Grippe geht nicht und es ist schwierig, Neues zu finden. Die Themen, die auf der Hand liegen, muss man machen, weil sie die Leute jetzt bewegen.“ Aber zumindest neue Formen wolle man finden. „Wenn man schon Themen macht, die naheliegen, so wollen wir zumindest in der journalistischen Form Abwechslung bringen – eine Zahnstory kommt bei uns als zwölf Fragen an den Zahnarzt unter, wir machen Tests, weisen auf Selbsthilfegruppen hin und bringen nicht die 100. Brustkrebsgeschichte, sondern einmal eine über den psychologischen Hintergrund dazu – denn wie es den Leuten mit ihrer Erkrankung geht, darüber spricht niemand.“

Vor allem wolle man sich mehr auf die Schiene „bewusster und natürlicher leben“ verlegen, eine Zeitschrift zum Thema Wohlbefinden werden, durchaus auch durch mehr Hinweise auf alternative Gesundheitspflege, was von anderen Gesundheitsmagazinen, die sich Strobl nach eigener Aussage „gar nicht angeschaut hat, um nicht zu kopieren“, abgrenzen könnte. „Das reicht vom Covermodel, dessen Foto nicht retuschiert wird, bis zur selbstgemachten Maske, die wir im Schönheitsteil empfehlen. Bei uns darf man so sein, wie man möchte, im ersten Starinterview nach dem Relaunch hat ORF-Schauspielerin Lilian Klebow auch über Schwächen gesprochen und ihre Falten wurden nicht wegretuschiert. Wir wollen keine Schönheits-OPs oder teure Schickimicki-Kosmetik, sondern möchten unsere Leser zurück zu Hausmitteln bringen.“ Zudem wird ein Kräuterpfarrer eine eigene Seite haben, auf der er vermittelt, was man aus dem, was man im Wald und auf der Wiese findet, herstellen kann. Durch eine eigene Seite einer Apothekerin wird auch Expertise aus dieser Sparte einbezogen.

Der erste große Schritt in Richtung Anders-Sein ist getan. Nette und praktische Ideen sind beispielsweise eine neu eingeführte Serie dazu, welche Obstsorten es derzeit saisonal frisch auf dem Markt gibt, und eine Geschichte darüber, welche Lebensmittel besonders glücklich machen.

„Uns geht es darum, in allen Geschichten zu sagen: Achten Sie auf sich, leben Sie bewusster!“, sagt Strobl, der dem „Das darfst du/das darfst du nicht-Journalismus“ eine klare Abfuhr erteilt: „Wir werden nicht sagen, was man nicht tun soll – ich schätze es nicht, wenn in Artikeln das ewige Leben versprochen wird, aber nur unter der Voraussetzung, dass man alle Regeln befolgt. Ich will auch keinen Panikjournalismus. Wir wollen vermitteln, wie das Leben freudvoll sein kann, wir wollen eine Grundhaltung erzeugen, bei der mehr Bewusstsein für die Gesundheit da ist. Unser Ziel ist Journalismus, der den Menschen guttut.“ Nicht von ungefähr steht jetzt auf jeder Startseite der Ressorts sogar „Achten Sie auf sich!“. Passend dazu wolle man auch einen freundlichen Gesamtauftritt haben: „Auch wenn wir eine Krebs-Geschichte machen, werden wir sie nicht am Cover haben, das Heft soll Freude machen.“ Was sich schon am Verkauf des ersten neuen Heftes zeige: „Wir waren plötzlich am ersten Verkaufstag am Flughafen ausverkauft, dort kaufen einen nicht die Stammleser, sondern jene, die denken,, das Produkt ist mir sympathisch‘.“

Und auch wenn die erste Ausgabe mit Geschichten zu Themen wie Wandern im Herbst und Immunsystem-Stärken mit Sauna und Sport, der doch soooo wetterunabhängig ist, den Konkurrenzprodukten über weite Strecken noch sehr ähnlich ist, für die nächste Zukunft hat sich Strobl vorgenommen, „noch origineller zu werden in den Zugängen, uns zu fragen, wie Themen, die schon oft da waren, noch nie präsentiert wurden – und optisch zu überraschen“.

Erschienen in Ausgabe 10+11/2011 in der Rubrik „Special“ auf Seite 90 bis 91 Autor/en: Theresa Steininger. © Alle Rechte vorbehalten. Der Inhalt dieser Seiten ist urheberrechtlich geschützt. Für Fragen zur Nutzung der Inhalte wenden Sie sich bitte direkt an die Redaktion.

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