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[Praxis]

2012 – das missdeutete Jahr

Von Sophia-Therese Fielhauer-Resei

Ein Füllhorn von Katastrophenszenarien ergießt sich seit Jahrhunderten über die Menschheit, doch selten war das Angebot so fantastisch wie für das Jahr 2012. Eine Umschau, wie Medien mit der Vorsehung umgehen.

Glaubensfragen entzweien. Tief in geheime Höhlen wollte sich eine befreundete Journalistin, der das Leben übel mitgespielt hatte, vor dem 21. Dezember 2012 flüchten – zeitgerecht zum Weltuntergang. Maya-Kalender, Sonnensturm, Polsprünge, Planeten auf Kollisionskurs. Gepaart mit Bankencrash und Klimakatastrophen. Nebulöse Theorien bleiben rundherum bestehen. Ein Beispiel ist das französische Dorf Bugarach – der dazugehörige Berg ist kolportierter Ufo-Landeplatz für den Dezember 2012 –, das jedem Medium eine Geschichte wert war. Angeblich von Sekten überrannt, konnte ein BBC-Radio-Reporter im Juli keinerlei Anzeichen außergewöhnlicher Zusammenkünfte finden – bloß vier RTL-Journalisten, ebenfalls auf der Suche.

Emmerich und die Wissenschaft

Offiziell ist Florian Freistetter, 34, kein Journalist. Aufgewachsen im niederösterreichischen Furth bei Göttweig, wohnhaft in Jena, unterwegs im All. Der promovierte Astronom (Uni Wien) war an der Sternwarte der Universität Jena und dem Astronomischen Rechen-Institut in Heidelberg tätig, ist heute selbstständiger Wissenschaftsautor und betreibt auch den Science-Blog „Astrodicticum Simplex“ ( www.scienceblogs.de/astrodicticum-simplex/). Der Blog (benannt nach einem astronomischen Gerät) soll den Lesern „meine Faszination für die Astronomie und die Sterne näherbringen“. Gestartet 2008, riefen wenige Zeilen über Regisseur Roland Emmerichs Trailer zum Film „2012“ solch Interesse und Informationshunger hervor, dass Freistetter seither parallel zur Astronomie und dem Alltag in Jena gegen die „Weltuntergangshysterie“ schreibt. Seither sind viele Artikel erschienen, u. a. auf Focus Online, ist der Astronom Ansprechpartner für Medien wie etwa den „Standard“. Sämtliche Untergangs-Thesen hat Freistetter akribisch aufgereiht und verständlich entmystifiziert. „Zugespitzt gesagt, ist Roland Emmerich an der Hysterie mit schuld. Meine These ist, ohne den Actionporno mit seiner riesigen PR-Maschinerie wäre das Thema 2012 nie so gepuscht worden. Wald- und Wiesenesoteriker sind auf den Popularitätszug aufgesprungen und alle Verschwörungstheorien, die vorher isoliert auf dem Markt waren, wurden in das Jahr 2012 hineinintegriert und -interpretiert.“ Der Blog „Astrodicticum Simplex“ verzeichnet rund 300.000 Zugriffe pro Monat. „Wenn man Wissenschaft vermitteln will, muss man auch auf die Leute eingehen, die Fragen haben, und auf jene, die im Namen der Wissenschaft Unsinn verbreiten.“ Eine „Format“-Titelgeschichte, „Magische Manager“, erschien im Oktober, und ein damit verbundenes Interview mit dem deutschen Autor Dieter Broers (Buch „(R)Evolution 2012“) hat den Wissenschaftler Florian Freistetter verärgert. Zusammengefasst: Dank der Sonnenaktivität wird sich 2012 „ein Bewusstseinssprung vollziehen, quasi vom Menschen zum Übermenschen“ (Broers). Unter dem Titel „Ist die Sonne unser Schicksal?“ veröffentlichte „Hörzu“ bereits 2008 ein ähnliches Interview mit Broers. Selbst eine Kolumne der zuständigen „Format“-Journalistin Silvia Jelincic (http://silvias-montag.vienna.at) kann Freistetters Glauben an die „(R)Evolution“ nicht stärken: „Es gibt nun einmal Dinge, die der Durchschnittsbürger mit seinem Verstand nicht – oder nur schwer – begreifen kann. So sagen Naturwissenschaftler tatsächlich, dass es kein Zufall ist, dass es gerade jetzt zu politischen und wirtschaftlichen Krisen auf der ganzen Welt kommt …“ Meinungsfreiheit und Irreführung: „Herr Broers hat jede Freiheit, alles zu behaupten, was er möchte. Da die Behauptungen in seinem Fall aber falsch sind, hat es mich gestört, dass sie im ‚Format‘-Interview unkritisch, ohne jede Recherche und als Resultat angeblicher wissenschaftlicher Forschung wiedergegeben wurden.“ Zwischen Freistetter und Broers entbrannte ein unfreundlicher Diskurs. Doch der komplette Briefwechsel zwischen den beiden und alle Kommentare, die sich darauf bezogen haben, wurden von Broers Facebook-Seite gelöscht. „Es heißt, Esoterik ist offen für Anderes und Neues, aber Kritik ist nicht gerne gesehen.“ Kommentare auf Esoterik-Foren spart sich der Astronom mittlerweile gänzlich: „Es ist, als würde ein Mensch zum Kirchentag gehen und Atheismus predigen.“ Geht es nach dem Blog „Zeitenwende“, so ist es „bereits 5 vor 12 für die Vorbereiteten und 5 nach 12 für die Ahnungslosen“ – dabei handelt es sich nicht um den direkten Weltuntergang, sondern bloß um den „Tag X“ des absoluten Bankencrashs. Da „Zeitenwende“ nun beendet wird, schreibt Dieter Broers in einer Facebook-Danksagung: „Die Zeit der Märtyrer ist vorbei, … aber die Zeit der Quantenkrieger ist gekommen. Schaffen wir eine neue Matrix.“ Was das bedeuten soll, steht nicht einmal in den Sternen. Florian Freistetter wundert sich: „Je nach Verfassung kann man das absurd oder bedenklich finden. Aber es zeigt zumindest schön, in welche seltsame, sektenähnliche Richtung die ganze Geschichte geht.“ Freistetters Tipp: Wettbewerb „Schreiben gegen den Weltuntergang“ ( www.kultura-extra.de, Einsendeschluss 31.12.2011).

Hilfreiches Wissen

Spiritualität, Wissenschaft und Lebenskunst vermittelt das Online-Magazin Mystica ( www.mystica.tv) seit 2009. Für Gründer Thomas Schmelzer, 44, ist es ein „Herzensprojekt“. Der gebürtige Münchner war Schauspieler, TV-Moderator – „So gehen die Geschäfte“ (BR), „Klugbeißer“ (Super-RTL) –, trat als Gastmoderator in „Welt der Wunder“ (Pro7) auf, drehte 2004 eine Doku über das japanische Nô-Theater für Arte. Schmelzer ist ein „Medienmensch“ – Autor, Journalist, Moderator, Regisseur (siehe „Seinswelten“, www.thomas-schmelzer.com). Auf Mystica TV werden „Brückenbauer, Grenzgänger, Experten und spirituelle Persönlichkeiten“ interviewt: „In all meiner Medienarbeit will ich hilfreiches Wissen auf originelle Art vermitteln. Mystica ist ein offenes Portal, wir wollen ja selbst keine Botschaft verkünden, das machen meine Talkgäste.“ Mit 25 Jahren hat Schmelzer Lymphkrebs überlebt: „Ich habe damals mein Herz und Bewusstsein geöffnet, irgendwann war ich nahe, alles zu glauben, habe es auf mein eigenes Leben projiziert. Heute meine ich, alle Menschen stehen woanders, haben andere Sorgen. Es ist ein Wunschdenken der Esoteriker, dass sich alle Menschen lieb haben, eine bunte Fantasiewelt, die aber einen Teil der tatsächlichen Buntheit des Lebens ausblendet.“ Schmelzer muss Grenzen ziehen: „Alle zwei bis drei Tage will sich jemand bei Mystica TV vorstellen. Leute, die glauben, sie haben die Wahrheit gepachtet. Doch ich möchte nur Menschen zu den Interviews einladen, die zumindest seit zehn Jahren vertieftes Wissen vermitteln.“ Kommenden Juli wird Thomas Schmelzer den Kongress „2012 – Neubeginn“ in München leiten. „Es wird kein esoterischer Kongress, es geht um die Veränderungen in der Gesellschaft. Ich will nicht auf den Hype 2012 aufspringen, aber es ist wichtig, Experten zusammenzubringen. 2012 ist das Symbol für eine Wendezeit. Ob man sich die Klimakatastrophen oder die Finanzwelt ansieht, wir sind an einem Punkt, wo es entweder krachen wird oder sich gewisse Strukturen verändern müssen.“ Dass sich die Welt bald verändert, davon ist Schmelzer überzeugt. „Immer mehr wissenschaftliche Belege bestätigen, was alte Kulturen bereits vorher gesehen haben. Es gibt tatsächlich viele Prophezeiungen, die von einer Wendezeit sprechen. Vertreter indigener Völker wenden sich verstärkt an die Öffentlichkeit, um klarzumachen, dass wir uns auf Mutter Erde zurückbesinnen müssen.&#x2
01C; Angst will Mystica keinesfalls verbreiten: „Ich mag keine Panikmache. Dieter Broers sieht darin auch eher normale Entwicklungsstufen des Lebens, Evolution findet eben überall statt. Das finde ich faszinierend, doch überprüfen kann ich es nicht – ich bin kein Wissenschafter.“

Mündige Leser

Viermal jährlich erscheint das Magazin „Wege“ ( www.wege.at) im gleichnamigen oberösterreichischen Verlag, der aus nur einem Ehepaar besteht: Eva und Roman Schreuer, beide knapp über 50. Mit ihren fünf Kindern im Alter zwischen 19 und 26 Jahren sind sie eine große Patchworkfamilie. „Da sitzen zwei Wahnsinnige im Hausruckviertel und machen ein Magazin für den gesamten deutschsprachigen Raum, mit dem sie schon seit 20 Jahren ihren Lebensunterhalt bestreiten.“ Das Magazin wird nicht im Zeitschriftenhandel verkauft – die gesamte Auflage (8.000) wird zur Gänze an Abonnenten und Interessenten verschickt. Das Prädikat „Wahnsinnige“ wurde den Schreuers von Günther Nenning verliehen. „Er hat damals, vor 15 Jahren, einen Artikel für uns geschrieben. Kurz darauf saßen wir in seinem Wiener Wohnzimmer und fragten ihn um Rat, wie man denn als vollkommen unabhängige Zeitungsmacher gut leben und wachsen kann. Nur zwei Wahnsinnige, die zwar wirklich gute journalistische Arbeit machen, aber aus reinem Idealismus – das wird wirtschaftlich nicht funktionieren, prophezeite er uns damals“, erzählt Eva Schreuer. Zum Journalismus kam die ehemalige Hebamme „wie die Jungfrau zum Kind“, zeichnet heute für die ganze Redaktion verantwortlich, arbeitet mit Gastautoren aus der Wissenschafts-, Literatur- und Therapeuten-Szene zusammen. Als „ganzheitliches“ Magazin hat „Wege“ seit dem Start 1993 einen Qualitätswandel vollzogen: „Unsere Themen reichen von Gesellschaftspolitik, Philosophie, Psychologie und Lebenshilfe bis hin zu Spiritualität. Ganzheitlich bedeutet, dass wir die Themen von allen Seiten beleuchten, so tolerant und offen wie möglich.“ Speziell bei „ganzheitlichen“ Inseraten stößt Eva Schreuer manchmal an Grenzen. „Auch wenn Engelkarten oder Aurasprays natürlich genauso ihre Werbe-Berechtigung haben, als Magazin wird man mit solchen Inserenten schnell in die, Eso-Ecke‘ abgeschoben. Meistens ist es eine intuitive Bauchentscheidung, welche Inserate wir noch im Blatt haben wollen.“ Schwierig für ein Magazin, das ohne jegliche Förderung auskommt. Den Theorien um Maya & Co. wird sich „Wege“ nicht weiter annähern, bereits im Frühling 2010 ist der Artikel „2012 – Morgen, Kinder, wird’s was geben!? Der Hype um einen aktuellen Mythos der Esoterik“ (Autor Thomas Schmelzer) erschienen. „Damit hat sich das Thema für uns erledigt. Wir werden nicht weiter über 2012 berichten. Unsere Leser sind so gescheit, dass sie die Hysterie ohnedies durchschauen.“

Ein Blick zurück

Wie das mit der Vorsehung ist, hat sich der „Journalist“ im Winter 2007 schon einmal angesehen. Wir befragten Rosalinde Haller, mediale Beraterin und Hellseherin, nach den Zukunftsperspektiven österreichischer Medien (ermittelt mit Astrologie und Numerologie). Damals: „ORF 2 läuft aus, ab spätestens 2014 wird es keine zwei Programme mehr geben. Der gesamte ORF wird von einer Art Agentur geleitet, allerdings unter öffentlich-rechtlicher Aufsicht. Endgültiger Verkauf der Institution um 2023.“ Unser Fazit: Mit ORF III und ORF Sport+ erlebten wir Zuwachs statt Schwund. Dass sich vier Programme auf eins reduzieren, ist derzeit höchst unwahrscheinlich. Bleibt nur: Schaun mer mal!

Weltuntergang 2012:

Die Stimmungsmache für den Weltuntergang boomt – nicht nur in Eso-Magazinen.

Florian Freistetter: „Wenn man Wissenschaft vermitteln will, muss man auch auf die Leute eingehen, die Fragen haben, und auf jene, die im Namen der Wissenschaft Unsinn verbreiten.“ (l.)

Thomas Schmelzer: „Alle zwei bis drei Tage will sich jemand bei Mystica TV vorstellen. Leute, die glauben, sie haben die Wahrheit gepachtet. Doch ich möchte nur Menschen zu den Interviews einladen, die zumindest seit zehn Jahren vertieftes Wissen vermitteln.“

Sophia-T. Fielhauer-Resei

ist freie Journalistin in Wien.

sophia.fielhauer@chello.at

Erschienen in Ausgabe 12/202012 in der Rubrik „[Praxis]“ auf Seite 116 bis 119 Autor/en: Sophia-Therese Fielhauer-Resei. © Alle Rechte vorbehalten. Der Inhalt dieser Seiten ist urheberrechtlich geschützt. Für Fragen zur Nutzung der Inhalte wenden Sie sich bitte direkt an die Redaktion.

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