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[Praxis]

Bitte weiterzappen!

Rom. Eigentlich fehlt nur noch die Hoffnung, dass bald auch alle Italiener übers Wasser gehen können. Es ist der erste Tag nach der Regierungserklärung des neuen italienischen Ministerpräsidenten Mario Monti und die Zeitungen überbieten sich darin, den bisherigen Universitätsprofessor mit Lob und Erwartungen zu überschütten. Ob „La Stampa“, der „Corriere della Sera“ oder „La Repubblica“ – Monti und seine Experten, so die große Hoffnung, werden nun schaffen, worin Politiker bislang versagt haben: Italien zu reformieren.

Inmitten der vielen Arbeit gibt es ein gewaltiges Projekt von besonderer Bedeutung: Die Reform des staatlichen Fernsehens der RAI – „Radiotelevisione Italiana“. Nicht nur, dass die Sendergruppe trotz Rundfunkgebühr rund um die Uhr Werbung zeigt und Programme wie das „Dschungelcamp“ dort zur besten Sendezeit laufen – nein, vor allem ist die RAI eine Sendergruppe der Parteien: RAI 1 gehört der Rechten, RAI 2 den Gemäßigten, RAI 3 der Linken. Gut, auch anderswo ist der Einfluss der Parteien auf das öffentlich-rechtliche Fernsehen hoch. Aber Zensur gibt es nicht. Anders in Italien: Über Berlusconi-Skandale, die um die Welt gingen, schwiegen sich die RAI-1-Nachrichten regelmäßig aus.

„Ich bitte Sie, endlich die Waffen niederzulegen“, hat Mario Monti im Parlament gesagt und die politischen Gegner zum Dialog aufgefordert. Kann Monti mit seiner Expertenregierung schaffen, was noch keiner geleistet hat? Sollte es möglich sein, dass in Zukunft in den Nachrichtensendungen der RAI unabhängig berichtet wird? Tatsächlich könnte Monti es schaffen, den Knoten zu zerschlagen. Denn alle Parteien wissen, dass sie mit der RAI im jetzigen Zustand ihr eigenes Volk verdummen. Was allerdings Silvio Berlusconi nicht daran hindern wird, dies mit seinen drei privaten Fernsehsendern Italia 1, Rete 4 und Canale 5 weiterhin zu tun. „Das schwerste Erbe, das Berlusconi hinterlässt, sind die 14-jährigen Mädchen, die keinen anderen Traum haben, als Showgirl zu werden“, schimpfte die Anti-Berlusconi-Zeitung „Il Fatto Quotidiano“, „Die tägliche Tatsache“, nach seinem Rücktritt. Tatsächlich: Regierungen kommen und gehen in Italien, aber die Gehirnwäsche, die Berlusconi seit den 80er-Jahren mit dem Schönheits- und Spaßwahn in seinen privaten Fernsehsendern betreibt, ist unumkehrbar und wird unabhängig von seinem Rücktritt als Politiker die Jugend Italiens vergiften.

www.ilfattoquotidiano.it

Erschienen in Ausgabe 12/202012 in der Rubrik „[Praxis]“ auf Seite 122 bis 122. © Alle Rechte vorbehalten. Der Inhalt dieser Seiten ist urheberrechtlich geschützt. Für Fragen zur Nutzung der Inhalte wenden Sie sich bitte direkt an die Redaktion.

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