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Special Kärnten

Das Tschuschenkind ist ORF-Landesdirektorin

Von Peter Plaikner

Das Landesstudio Kärnten fällt auf – weil es nicht auffällt. Anders als die anderen ORF-Zweigstellen beruht es auf keiner der ursprünglich großzügigen Planungen von Gustav Peichl, sondern drängt sich in die dicht bebaute Klagenfurter Innenstadt. Das Landesstudio Kärnten fällt auf – weil es nach Wien die erste ORF-Filiale mit einer Direktorin ist bzw. wird. Noch aber sitzt Karin Bernhard in ihrem gewohnten Zimmer im 3. Stock der Sponheimer Straße 13. Das Chefbüro liegt einen Gang weiter.

„Ich bin nicht unpolitisch, sondern unabhängig. Als unpolitischer Mensch wäre ich die Falsche für diesen Job“, stellt die künftige Direktorin klar, die unter dem Manko der bösen Vorrede leidet, noch bevor sie sich schlechte Nachrede zuziehen kann. Grund dafür ist eine OTS, die so beginnt: „Der Kärntner Landeshauptmann Gerhard Dörfler und ORF-Generaldirektor Alexander Wrabetz haben sich heute, Dienstag, endgültig auf eine neue Führung des ORF-Landesstudios geeignet. Die langjährige ORF-Mitarbeiterin Karin Bernhard wird Willy Haslitzer in seiner Position als Direktor des Landesstudios folgen.“

Damit verschriftlicht Dörfler am 13. September, was längst ohne vorgehaltene Hand als österreichische Realmedienpolitik gilt. Doch schwarz auf weiß ein paar Tage vor der definitiven Ernennung ist das immer noch ein Tabubruch – und das denkbar schlechteste Entree für die neue Chefin. Die sitzt unterdessen im Büro des „Treffpunkts“, der das seit ihrer Bestellung noch mehr geworden ist, und erklärt: „Unabhängig heißt, dass ich nicht der verlängerte Arm des Landeshauptmanns bin. Das habe ich auch im Stiftungsrat gesagt, als ich gefragt wurde, wie ich denn mit der Situation umgehen will: Jeder, der die Berichterstattung verfolgt hat, weiß, dass meine Kandidatur in der FPK nicht gerade Jubelstimmung hervorgerufen hat.“ Auch mit Dörfler, der lieber den Programmchef Martin Weberhofer als Direktor gesehen hätte, hat sich Karin Bernhard mittlerweile ausgeredet: „Er hat dann gemeint, er diskutiere und streite ja ohnehin ganz gern – und das kann er mit mir ganz gut.“

Sie hat ja ihre Erfahrungen mit der Politik – zum Beispiel als Chefin vom Dienst für „Kärnten heute“, dem mit mehr als 20 Prozent Reichweite auch 2010 quotenstärksten Bundesländer-Abendmagazin des ORF: „Jeder fühlt sich immer irgendwie benachteiligt. Auf solche Beschwerden soll man eingehen, doch dem Druck darf man nicht nachgeben. Eines kann ich in dieser Hinsicht versprechen: Hofberichterstatter wird der ORF Kärnten unter meiner Leitung nicht.“ Das Selbstbewusstsein basiert auf Erfolg. Denn nicht nur das Radioprogramm aus der Sponheimer Straße hat die prozentuell höchste Reichweite aller ORF-Regionalsender. Bernhard ist mit „Treffpunkt Kärnten“ ein TV-Format gelungen, das immer wieder für Quotenrekorde sorgt. Am 26. November 2011 erzielte sie damit 55 Prozent Marktanteil – am Nachmittag des ersten langen Einkaufssamstags im Advent. „Dabei hat man mir anfangs gesagt, ich soll bloß nicht zu viel darüber reden, weil wir die Einzigen sind, die das noch so machen. Natürlich finanzieren wir das mit Ach und Krach. Aber noch geht es irgendwie.“

Karin Bernhard sprudelt. Da ist nicht die vorsichtig-abtastende Zurückhaltung, die künftige Chefs in Interviews zur neuen Aufgabe sonst meistens walten lassen. Sie sagt, dass die Situation seit ihrer Bestellung nicht angenehm ist. In einer Etage mit ihrem Vorgänger Willi Haslitzer, der dort durchaus noch länger bleiben wollte. Da ist zwar das „Treffpunkt“-Büro schon der Hauptanziehungspunkt für alle, die Neuland wittern, aber die künftige Direktorin muss unterdessen mit der Bahn nach Wien fahren, weil es noch keinen Dienstwagen gibt und das Kilometergeld für Privat-Pkw nicht auf dem Sparplan des Hauses steht. Seit 1986 schon ist sie im Landesstudio, seit 1980 bereits beim ORF. Als 19-Jährige hat sie sich unter Emil Breisach und Günther Ziesel in der Steiermark beworben, wurde sofort genommen und ist trotzdem nach sechs Jahren gegangen – eine Knittelfelderin mit Kärntner Vater, die dann 20 Jahre als Karin Guggl Karriere macht, bevor sie den Namen ihres Mannes annimmt, der Amtsleiter in Heiligenblut ist. Seitdem pendelt sie zwischen Klagenfurt und ihrem Wohnort Großkirchheim/Döllach. Das wird sich auch mit Jahreswechsel nicht ändern, wenn sie die Verantwortung für 140 Mitarbeiter und 14 Millionen Euro Budget übernimmt.

Doch sie will dem Team noch mehr Mobilität verordnen: „Wir sollten noch mehr hinausgehen. Manche Menschen scheuen sich immer noch vor Radio und Fernsehen. Das weiß ich aus meinen vielen Interviews. Doch das müssen wir abbauen. Ich habe ja die Gesellschaftsrubrik, Dabei‘ fürs Fernsehen aufgebaut. Da waren wir die Ersten in Österreich, alle anderen haben es dann nachgemacht. Denn es hat, Kärnten heute‘ schlagartig 5 Prozent mehr Reichweite gebracht“, ist Karin Bernhard stolz auf ihre bisherigen Innovationen und ärgert sich über herablassende Kollegen aus dem Politikressort, „für die ich mehr oder weniger in der Abteilung Schwachsinn tätig war. Ich habe dem, und tue das noch immer, entgegengehalten: Wie wichtig ist denn jede Worthülse eines Politikers?“, hat sie dem Internet-Magazin paparazzi1.net in einem Interview anvertraut. Nicht nur der „Kleinen Zeitung“ erzählt sie unterdessen, was sie noch weniger mag: „Leute, die Veränderungen mit den Worten verhindern wollen:, Das haben wir noch nie so gemacht.‘“ Sie ist bereits voller Pläne.

„Wir sagen immer, wir sind ein Tourismusland. Dabei wird die Wirtschaftskompetenz viel zu wenig beachtet“, kündigt Karin Bernhard zumindest indirekt eine Schwerpunktsetzung an, die nicht unbedingt aus der Erfahrung mit dem „Treffpunkt“ kommt. „Ich glaube schon, dass ich durch meine 30 Jahre im Unternehmen heute den notwendigen Rundblick habe, um das Landesstudio erfolgreich weiterzuführen“, sagt sie mit Verweis auf ihre früheren Erfahrungen als CvD für „Kärnten heute“. Am Beispiel Wirtschaft scheut sie sich auch nicht, das Heile-Welt-Klischee zu hinterfragen: „Der Tourismus hat sich, wie auch immer, etwas aufgebaut, dass wir nur noch davon reden, wie schön Kärnten ist. Das ist ja gut und recht, wir haben aber auch tolle Firmen. Nehmen wir zum Beispiel Infineon: Da sagt mir die Vorstandsdirektorin: Es nutzt nichts, nur schön zu sein. Sie kriegt keine guten Leute her. Wenn du mit jemandem über Kärnten redest, sagt er: Ja, da habe ich Urlaub gemacht. Aber er sagt nicht: Ja, da kommt diese Erfindung her.“ Dafür will Bernhard mehr Öffentlichkeit schaffen.

Ein bisschen Wehmut ist aber auch dabei, wenn sie sich nun vom operativen Journalismus verabschiedet: „Da geht es natürlich mehr um betriebswirtschaftliche Verantwortung. Ich muss dann herumschaukeln mit den Posten und schauen, wie ich am besten einsparen kann. Dabei kann ich das Wort, Sparen‘ schon nicht mehr hören. Aber es ist halt so. Die goldenen Zeiten sind vorbei. Willi Haslitzer hat schon erklärt, er wird mir zum Abschied einen Sack Steine geben. Denn jetzt kommen die härtesten fünf Jahre der ORF-Geschichte.“

Inklusive Personalbaustelle. Denn Michael Götzhaber, bisher technischer Leiter in Klagenfurt, ist zum technischen Direktor des gesamten ORF aufgestiegen. Dafür setzt Karin Bernhard sonst auf Kontinuität: Gleich zweimal erwähnt sie, dass „wir ja über einen guten Chefredakteur verfügen“, und betont auf Nachfrage noch dieses gute Verhältnis zu Bernhard Bieche, erklärt aber im gleichen Atemzug, dass sie auch mit ihrem Gegenkandidaten um den Direktoren-Posten, Programmchef Martin Weberhofer, gut weiter arbeiten kann: „Das beginnt schon mit dem Radio-Frühling, in den wir beide unsere Ideen einbringen. Dann müssen nur noch die Quoten stimmen. Ich vertraue meinen Abteilungsleitern.“ Dazu zählt auch ein Bereich, den es nur in Kärnten gibt. Zu diesem slowenischsprachigen Programm hat Karin Bernhard einen durchaus besonderen Bezug: „Ich glaube zwar nicht, dass ich noch Slowenisch lerne. Denn meine Mutter, die von unten war, hat es leider nie mit mir geredet. Das war halt damals nicht so in den 1960er-Jahren. Vor allem nicht in der Steiermark, da war ich das Tschuschenkind.“ Es wirkt heute ziemlich geerdet in Kärnten.

Peter Pl
aikner

ist Medienberater, Politikanalyst und Publizist mit Standorten in Wien, Innsbruck und Klagenfurt.

pp@plaikner.at

Erschienen in Ausgabe 12/202012 in der Rubrik „Special Kärnten“ auf Seite 94 bis 95 Autor/en: Peter Plaikner. © Alle Rechte vorbehalten. Der Inhalt dieser Seiten ist urheberrechtlich geschützt. Für Fragen zur Nutzung der Inhalte wenden Sie sich bitte direkt an die Redaktion.

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