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Special Tirol

Der Medien-Reichtum im Glockner-Schatten

Von Peter Plaikner

Osttirol ist der viertgrößte Bezirk Österreichs, aber die Region mit dem drittkleinsten Bruttoinlandsprodukt. Ausgerechnet dieses strukturschwache Gebiet verfügt über einen der vielfältigsten Medienmärkte der Nation. Am Abhang des Großglockners sorgt gerade die Randlage ohne direkte Grenze zu Nordtirol für eine wettbewerbsintensive Sondersituation.

Hubert Patterer, mittlerweile Chefredakteur der „Kleinen Zeitung“, hat sich hier seine ersten Sporen als Leiter der Lokalredaktion in Lienz verdient. Dort matchen sich seit jeher die „Kleine“ und die „Tiroler Tageszeitung“ – mit überproportional hohem Aufwand. Einen Grund dafür liefert die Media-Analyse, die Kärnten lange mit und Tirol ohne den Bezirk Lienz erhoben hat. Erst seit 1999 weist sie die Bundesländer auch komplett aus – plus den traditionellen Spezialkategorien „Kärnten mit Osttirol“ und „Nordtirol“.

Geteiltes Leid ist für „Kleine“ und „TT“ aber nicht halbes Leid, sondern doppelter Aufwand: Sie müssen diesen Vorposten jeweils gut besetzen, damit ihre Media-Analyse-Daten in der Kategorie mit Osttirol nicht abstürzen. Kein leichtes Unterfangen. Denn die unangefochtenen Platzhirschen ihrer Bundesländer stoßen ausgerechnet hier auf härteste Konkurrenz – und das ist ausnahmsweise nicht der Österreich-Meister mit Weltrekordanspruch. Die „Krone“ spielt hier wenig Rolle, für die „Bezirksblätter“ ist ausgerechnet dieser Flecken in ihrer Tiroler Heimat Neuland. Sie haben diese Herausforderung länger als alle anderen Regionen gescheut.

Hier regiert „im Verhältnis zum Verbreitungsgebiet Österreichs mit Abstand erfolgreichste Kaufzeitung“. So preist sich der „Osttiroler Bote“ auf seiner Homepage an. Das fällt außerhalb des Bezirks zwar niemand auf, erscheint aber angesichts von 15.000 verkauften Exemplaren bei 50.000 Einwohnern als sehr plausibel. Nun nimmt der „Bote“ zwar nicht an der Media-Analyse teil, doch wer diese Zahl aus der Auflagenkontrolle mit einem sehr unterdurchschnittlichen Mitlesefaktor von 2,8 hochrechnet, kommt auf eine Reichweite von 100 Prozent bei den 42.000 über 14-jährigen Osttirolern. Das ist wahrhaft weltrekordverdächtig. Mehr schafft nicht einmal der „Osservatore Romano“ im Vatikanstaat.

Ein Hauptgrund für dieses Erfolgsgeheimnis – de facto erreicht der „Bote“ 95 Prozent der Haushalte – ist Kontinuität: Erst mehr als vier Jahrzehnte unter der Schriftleitung von Peter Duregger, nun bereits seit 1990 unter Robert Hatzer. Seitdem Gottfried Rainer bei der „TT“ in Pension ist und nur noch als Kolumnist agiert, ist der Chefredakteur des Platzhirsches auch der Nestor der Journalisten vor Ort. Für die „Tiroler Tageszeitung“ bringt nun Catharina Oblasser weibliche Aspekte in die ursprünglich sehr männlich geprägte, aber längst geschlechtlich durchmischte Medienszene: Günther Hatz leitet die Redaktion der „Kleinen Zeitung“, die gerade neue Räume bezogen hat. Für das hier gänzlich neue „Bezirksblatt“ schreibt Johann Ebner. Martina Holzer versorgt die „Krone“ mit Nachrichten aus Osttirol.

Hörfunk-Verstärkung für den Papier-Boten

Sie alle haben sich längst daran gewöhnt, dass der Wettbewerb um den lokalen Informationsvorsprung nicht mehr nur auf Papier ausgetragen wird. Dafür sorgt nicht bloß Robert Hippacher, der Korrespondent des Innsbrucker ORF-Landesstudios, von wo aus auch „Südtirol heute“ koordiniert wird, der TV-Export der Schutzmacht Österreich nach Italien. Der Lienzer Mann fürs Öffentlich-Rechtliche teilt sich den Anspruch auf den längstdienenden Journalisten im Lande mit Hatzer. Dessen „Osttiroler Bote“ ist mittelbar im Besitz einer Stiftung im Einflussbereich der Bezirkslandwirtschaftskammer, und sorgt mittlerweile auch für direkte ORF-Konkurrenz: Er ist zu 91 Prozent an „Radio Osttirol“ beteiligt, das durch einen für Privatsender ungewöhnlich hohen Redaktionsanteil auffällt.

Das verschafft dem ambitionierten Programm seit Jahren sowohl Tagesreichweiten als auch Marktanteile von mehr als 20 Prozent im Bezirk Lienz. Er ist fast so groß wie Vorarlberg, hat nicht einmal ein Siebtel von dessen Einwohnerschaft und ist dennoch ganz im Gegensatz zum Ländle ein Schauplatz heftigen Wettbewerbs der vier größten österreichischen Medienhäuser (ORF, Mediaprint, Styria und Moser Holding). Doch sogar im Quartett scheinen die Goliaths den David auch im Rundfunksektor lediglich anzuspornen: „Um unser Verbreitungsgebiet abzudecken, benötigen wir acht Sendeanlagen. Mehr brauche ich auch nicht für Wien und Niederösterreich“, schildert Christine Brugger die besonderen technischen Herausforderungen in jenem Land, wo der „Osttiroler Bote“ das Gipfelkreuz des Großglockners im Titelschriftzug trägt. Die Geschäftsführerin bestärkt ihre Chefredakteurin Karin Stangl seit mehr als einem Jahrzehnt in der starken journalistischen Prägung des Programms. Das reicht von acht Mal täglich Lokalnachrichten bis zum monatlichen Europamagazin, für das mitunter auch vor Ort in Brüssel recherchiert wird. Dafür gibt es dann mitunter auch höhere Anerkennung. Der Beitrag „Wald und Mensch“ wurde soeben für den internationalen Schutzwaldpreis 2011 nominiert, und Christine Brugger fühlt sich in ihren Ambitionen erneut bestärkt.

Privatradio mit

großen Ambitionen

Dabei hatte das Kapitel Rundfunkliberalisierung für Osttirol noch aberwitziger begonnen als ohnehin in Österreich. Von den zehn Lokalradio-Lizenzen, die neben der Regionalradio-Legitimation allein für Tirol vergeben wurden, gab es 1995 gleich zwei für jenen Bezirk Lienz, der sicher nicht genügend werbetreibende Wirtschaft aufwies, um diesen weiteren medialen Zuwachs finanzieren zu können. Also begann die Restrukturierung nahezu mit dem Start. Nach „einem enormen Geschäftsführer-Verschleiß, dem Anfangsschicksal fast aller Privatradios in Österreich“ (so die aus Deutschland stammende Brugger), konsolidierte sich ein Anbieter für den kleinen Markt, der „den Mikro- und Makrokosmos landestypisch bedient“. Das erinnert bei aller Tirolität dann oft eher an Kärnten – und hat auch deshalb Erfolg, wie das eigene Eishockey-Magazin im Winterprogramm von Radio Osttirol beweist.

Dass die inhaltlichen Ambitionen mitunter durchaus positiv an jene von freien Radios erinnern, hat seine Ursache wohl auch in der Vergangenheit von Brugger. Vor ihrem Engagement in Lienz war sie im steirischen Liezen bei FreequEnns 100.8 im nicht kommerziellen Rundfunk tätig. Möglich wird eine solche Programmgestaltung mittlerweile auch durch öffentliche Förderung, die sich nicht auf den sogenannten freien Rundfunk beschränkt. Radio Osttirol erhält mittlerweile fast 90.000 Euro Bundessubvention. Es beschäftigt immerhin sieben fix angestellte Mitarbeiter neben einigen Freelancern.

Unterdessen expandiert die dahinter stehende GmbH durchaus in Richtung Medienhaus: Und das auch noch international. Die seit 1999 erscheinende Gratis-Wochenzeitung „Oberkärntner Volltreffer“ hat mittlerweile eine Verbreitung von 33.000 Stück – und seit 2006 ein Schwesterblatt in Südtirol, den „Pustertaler Volltreffer“. Jeweils mit eigenen Redaktionen, aber gemeinsamer Anzeigenabteilung in der Lienzer Zentrale. Diese Ausweitung in die Homebase von Styria/Carinthia und Athesia wird wie der „Bote“ selbst auch längst durch die entsprechenden Online-Informationsportale begleitet.

Während er dorthin expandiert, wo die Zeitungen von „Kleine Zeitung“ über „Kärntner Woche“ und „Do Puschtra“ bis zu den „Dolomiten“ die Heimatmärkte der ehemals katholischen Pressvereine absichern sollen, erwächst auch dem „Boten“ an seinem Ursprung Konkurrenz aus dem Internet. Was unter www.dolomitenstadt.at virtuell offenbar nicht ganz ohne Erfolg begonnen hat, findet seit Dezember 2011 auf Papier seine Fortsetzung – „Dolomitenstadt“, ein Lifestyle-Magazin, das künftig viermal jährlich erscheinen soll.

Peter Plaikner

ist Medienber
ater, Politikanalyst und Publizist mit Standorten in Wien, Innsbruck und Klagenfurt.

pp@plaikner.at

Erschienen in Ausgabe 12/202012 in der Rubrik „Special Tirol“ auf Seite 108 bis 111 Autor/en: Peter Plaikner. © Alle Rechte vorbehalten. Der Inhalt dieser Seiten ist urheberrechtlich geschützt. Für Fragen zur Nutzung der Inhalte wenden Sie sich bitte direkt an die Redaktion.

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