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Special EU

Die Griechen und der Horror

Von Theresa Steininger

Fast kein Tag vergeht, an dem der Boulevard nicht auf die „Horror-Griechen“ haut. Wolfgang Waldner, Staatssekretär im Außenministerium, wünscht sich die Präsenz von ständigen Korrespondenten vor Ort mit gutem Hintergrundwissen und Kontakten für eine objektive und seriöse Berichterstattung.

Herr Staatssekretär, was waren jene Schlagzeilen in heimischen Berichten über Griechenland, die Sie von der Formulierung her am meisten schockiert haben?

Wolfgang Waldner: „Mein Tag im Eurokrieg von Athen“ in „Österreich“ oder „Schlachtfeld Athen“ ebendort haben mich schockiert, auch „Untergangsstimmung: Panik nach Randalen in Athen …“ in der „Krone“ oder „Protest legt erneut ganz Griechenland lahm“.

Wo fanden Sie positive Beispiele für faire Berichterstattung über Griechenland?

Es gab gute Hintergrundberichte österreichischer Printmedien, zum Beispiel im „Standard“, aber auch gute Reportagen im Fernsehen, etwa dem ORF, die die Situation in Griechenland objektiv dargestellt haben.

Beurteilen Sie die Berichte insgesamt als überwiegend fair oder überwiegend unfair?

Es handelt sich vielmehr um die Frage: objektiv oder nicht objektiv. Leider waren viele Berichte sehr vereinfachend, nicht auf den Kern der Sache, sondern nur auf Sensationsmeldungen eingehend und daher nicht objektiv und oft nicht den Tatsachen entsprechend.

Wie beurteilen Sie Fernsehberichte über die Krise – was transportierten die Bilder dabei?

Transportiert wurde mehrheitlich Negativstimmung. Fernsehbilder zeigten meist Momentaufnahmen und gaben Augenblicke wieder. Bei der Berichterstattung wurde weniger auf die Finanzkrise an sich eingegangen, sondern – auch nach Einschätzung unserer Botschaft in Athen – viel mehr die allgemeine Situation in Zusammenhang mit Demonstrationen oder Streiks übertrieben und unrealistisch dargestellt. In vielen Fällen wurde der Eindruck vermittelt, dass „ganz Athen brennt“ oder das ganze Land völlig zum Stillstand kommt und keine Fähre, keine Taxis, keine U-Bahn … funktioniert. Tatsächlich waren aber sogar bei Generalstreiks meist nur Teilbereiche und nur das innerste Zentrum, also Syntagma-Platz und Umfeld des Parlaments, betroffen. Meist hat sich die TV-Berichterstattung auf diese Gegenden konzentriert.

Wurde in der heimischen Berichterstattung zu schnell gerichtet?

Die Gründe für die derzeitige Krise Griechenlands sind vielschichtig – Bürokratie, geringe Wettbewerbsfähigkeit der Wirtschaft, Korruption …, aber auch Zeitfaktor und innenpolitische Konstellationen und Traditionen. Dies sollte in einer seriösen Berichterstattung nicht übersehen werden. Es wurde in der Berichterstattung zum Beispiel über Demonstrationen überwiegend auf die Haltung einzelner Demonstrationsorganisatoren und -teilnehmer eingegangen, aber zu wenig auf die betroffenen Bürger und die Hintergründe. So wurden unter anderem die jährlich in Griechenland am 17. November stattfindenden Demonstrationen, bei denen dem Ende der Militärjunta in den 1970er-Jahren gedacht wird, fälschlich als Demonstration gegen die neue griechische Regierung – deren Regierungschef, Lucas Papademos, hat sehr hohe Zustimmungsraten in der griechischen Bevölkerung erzielt – dargestellt.

War diese zu schnelle Verurteilung auch in Qualitätsmedien der Fall?

Teilweise ja. Die Präsenz von ständigen Korrespondenten vor Ort mit gutem Hintergrundwissen und Kontakten wäre essenziell für eine objektive und seriöse Berichterstattung.

Wie konnten die Griechen so rasch Buh-Männer der EU werden, wenn „der Grieche“ nun sogar schon als Sinnbild verwendet wird: „Wer jetzt einen Streik plant, ist ein Grieche“, schrieb „Österreich“ …?

Obwohl Demonstrationen und Ausschreitungen auch in Spanien, Frankreich, Italien, Großbritannien und anderen Staaten stattfanden, war Griechenland das erste Land, das ohne Unterstützung von außen faktisch zahlungsunfähig wurde. Damit bekam Griechenland das Image umgehängt, schuld an der europäischen Finanzkrise zu sein – vor allem in den Europa-kritischen Medien. Ein weiterer Grund könnte auch sein, dass es in Griechenland seit jeher Demonstrationen und Ausschreitungen gibt, es gibt eine ganz andere Demonstrations-„Kultur“ als bei uns, Demonstrationen stehen dort fast jeden Tag an, und die Griechen daher zu einem Synonym von „Streik“ wurden. Geschadet haben dem griechischen Image auch wiederholte Streiks der Fähren und teilweise der Flughafenbediensteten, weil damit Touristen direkt betroffen waren. – Und das, obwohl sich Europa immer wieder solidarisch erklärt hat. In diesem Zusammenhang wäre eine differenziertere Berichterstattung hilfreich gewesen: wer streikt, warum und wie repräsentativ diese Streikenden sind.

Kam die heimische Presse von bestimmten Worten einfach nicht mehr los?

Die „griechische Eurokrise“ wurde von gewissen Medien zur Verstärkung ihrer euroskeptischen Haltung benützt.

Was lösen solche Worte für die Griechen, auch jene, die in Österreich leben, aus: Europa geschockt, Stoppt die teure Griechen-Hilfe, Krise, Pleiten-Premier, Damoklesschwert …?

Aus persönlichen Gesprächen habe ich das Gefühl bekommen, dass sich viele Griechen für ihre Politiker und ihr politisches System schämen. Gleichzeitig empfinden sie aber die Pauschalisierung als unfair. Dies vor allem deshalb, weil in den österreichischen Medien kaum herauskommt, wie viele Maßnahmen bereits getroffen oder eingeleitet wurden, beziehungsweise weil man in Österreich nicht weiß, wie sehr der Durchschnittsbürger und vor allem ärmere Bevölkerungsschichten von den Maßnahmen betroffen sind: 30 bis 40 Prozent Lohnkürzungen im öffentlichen Bereich; Herabsetzung der steuerfreien Jahreseinkommen von 12.000 auf 5.000 Euro Jahreseinkommen; Versetzung in die Personalreserve im öffentlichen Dienst mit nur 60 Prozent des Gehalts und drohender Kündigung nach einem Jahr; 20 bis 30 Prozent Pensionskürzungen; Einhebung von Sondersteuern über Stromrechnung mit drohender Stromabschaltung, die vor allem ärmste Schichten trifft. Angesichts dieser Maßnahmen sind daher viele Griechen enttäuscht, ja sogar erbost und wütend, dass sie pauschal als „Schmarotzer Europas“ dargestellt werden. Die griechische Bevölkerung erhofft sich Solidarität, Geduld, Verständnis und „gerechtere“ Maßnahmen.

Welche Rolle spielen Medien gerade, wenn sich wohl kaum ein Leser selbst ein Bild davon gemacht hat, wie es in Griechenland zugeht, sondern man gerne auf die Faulen, die uns Fleißigen das Geld nehmen, schimpft?

Wesentliche Aufgabe der Medien wäre, komplizierte Sachverhalte klar darzustellen. Die aktuelle Situation im Euroraum und in Griechenland sind Beispiele hierfür. Verkürzte Aussagen und der teilweise Rückgriff auf Archivbilder führen zu Desinformation und falscher Beurteilung der Situation.

Sehen Sie die Beziehung zwischen Griechenland und Österreich auch wegen der Medienberichterstattung angespannt?

Österreich wird grundsätzlich mit jenen Ländern assoziiert, die auf strenge Regeln und Einhaltung dieser Regeln pochen. Gleichzeitig sieht man aber Österreich weiterhin als „Freund“, der sich auch in schwierigen Zeiten solidarisch verhält. Die Beziehungen sind deswegen auch nicht angespannt, sondern weiterhin freundlich. Auch die im heurigen Sommer wieder höhere Zahl an österreichischen Touristen – vorläufige Schätzungen sprechen von plus 10 Prozent; gemessen an der Bevölkerungszahl Österreichs hat Österreich mit den höchsten Anteil an Touristen in Griechenland.

Was erwarten Sie von den Medien in der nächsten Zukunft im Hinblick auf Griechenland-Berichterstattung – ein Problem ist wohl, dass ein Thema, das nicht mehr brennt, fallen gelassen wird, eine Rehabilitierung, selbst wenn sie gewünscht und gerechtfertigt wäre, wohl nicht stattfindet …?

Generell – nicht nur im Zusammenhang mit Griechenland – ist hervorzuheben, dass regelmäßige Berichterstattung auch ein Mehr an Sachlichkeit und Objektivität bringen würde. Entsendung von Jou
rnalisten mit Backgroundwissen sowie gegebenenfalls auch Kontaktaufnahme mit der Botschaft – wozu ich im Namen des Außenministeriums gerne einladen möchte – kann ebenso zu einer differenzierten und objektiven Berichterstattung beitragen.

Theresa Steininger

ist freie Journalistin in Wien.

tsteininger@gmx.at

Erschienen in Ausgabe 12/202012 in der Rubrik „Special EU“ auf Seite 96 bis 99 Autor/en: Theresa Steininger. © Alle Rechte vorbehalten. Der Inhalt dieser Seiten ist urheberrechtlich geschützt. Für Fragen zur Nutzung der Inhalte wenden Sie sich bitte direkt an die Redaktion.

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