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Beruf und Medien

Die Tricks der Link-Schleuderer

Von Umfrage: Martin Langeder

140 Zeichen. Maximal. Twitter bietet ganz schön wenig Platz für Menschen mit großem Mitteilungsbedürfnis. Trotzdem begeistern sich immer mehr Journalisten für den Online-Kurznachrichtendienst. Warum eigentlich? Auskunft geben die zehn Journalisten mit den meisten Followern. Erstaunlich: Einer der Kollegen schlägt auch skeptische Töne an.

1. Was macht Ihnen Spaß am Twittern?

2. Wie wirkt sich Twitter auf Ihren journalistischen Alltag aus?

3. Wer ist Ihr aktueller Lieblings- Twitterer?

Armin Wolf,

ORF, @ArminWolf,

twittert seit 2009, 32.204 Follower

1. Mir gefällt der unmittelbare Kontakt mit Zusehern, das rasche Feedback und die vielen Infos, die ich via Twitter bekomme, das für mich mittlerweile zu einer der wichtigsten Nachrichtenquellen geworden ist.

2. Ich wende in Summe etwa eine Stunde pro Tag dafür auf und erfahre jeden Tag mehrere Geschichten, die mir sonst wahrscheinlich entgehen würden – einfach weil ich interessanten Leuten folge, die spannende Dinge verschicken. Ich bekomme Instant-Reaktionen auf meine Arbeit und ich glaube, meine Twitterei hat die „ZiB 2“ in einer bestimmten – noch recht kleinen – Community interessanter gemacht.

3.@AmirKassaei, der Kreativchef der Werbeagentur DDB, weil er ein unerschöpflicher Quell interessanter Links ist. @HubertSickinger, weil er zeigt, dass auch ein „spröder“ Politikwissenschafter ein solches Medium hochintelligent nützen kann.

Robert Misik,

freier Journalist, @misik,

twittert seit 2008,

7.429 Follower

1. Eigentlich habe ich nicht ausgesprochenen Spaß daran. Ich bin auch ein schlechter Twitterant. Ganz warm bin ich mit Twitter nie geworden. Ich bewege mich lieber auf Facebook, hier habe ich auch mehr Dialoge mit „Friends“ und „Fans“. Twitter ist nicht mein Favorit. Der Grund? Keine Ahnung. Ist mehr eine Gefühlssache.

2. Kaum. Twitter ist für mich keine Form des Journalismus, eher eine Form der Informationsverbreitung. Besonders nützlich ist das in unübersichtlichen Lagen, in denen sich schnell Situationen ändern. Es ist da zwar kein verlässliches Medium, aber doch eines, das einen ein Gefühl für die Dynamik einer Situation gibt.

3.Ich nütze es nicht so intensiv, dass ich das wirklich sagen könnte.

Martin Blumenau,

FM4, @martinblumenau,

twittert seit 2009,

5.610 Follower

1. Spaß ist nicht unbedingt das richtige Wort; es geht eher um Forscherdrang. Zuerst war es Neugier, dann – nach der Erkenntnis, dass man hier ein Info-Füllhorn und eine Link-Schleuder vorfindet – auch reine Lust am Entdecken.

2. Ich vertwittere meine Texte; und ich nehme gern Anregungen, Links, Ideen auf – es ist eine Inspirationsquelle. Wenn ich an einer bestimmten Pressekonferenz nicht teilnehmen kann, aber weiß, dass ein verlässliches Fachmedium von dort twittert, nütze ich das wie ein Medium.

3.Immer noch @ArminWolf. Vor allem in Anbetracht seiner nicht digitalen Grundeinstellung macht er das toll.

Florian Klenk,

„Falter“, @florianklenk,

twittert seit 2010,

5.167 Follower

1. Twitter ist schneller und intelligenter als Facebook. Es raubt mir kaum Zeit. Ich kann sehr einfach Debatten auslösen und exklusive Geschichten verbreiten. Des Weiteren kann ich bei internationalen Ereignissen sehr spezielle Informationen beziehen. Während des arabischen Frühlings folgte ich einigen ägyptischen Dissidenten. Sie twitterten, während sie das Gefängnis des Geheimdienstes befreiten.

2. Ich erhalte hin und wieder Informationen. Ich werde öfter in TV-Debatten eingeladen. Ich bekomme Literaturhinweise, die für meine Arbeit wichtig sind.

3.@reporterforum, weil ich dort immer wieder wunderbare Inspirationen für Reportagen erhalte. @NickKristof von der „New York Times“ ist ebenfalls ein spannender Twitterati.

Corinna Milborn,

„News“,

@corinnamilborn,

twittert seit 2009,

5.164 Follower

1. Eine gut gepflegte Twitterliste ist aktuellste Information, Live-Berichterstattung, Small Talk und exzellente Satire zugleich. Wie eine Party mit besonders informierten und witzigen Leuten, die sich allerdings dabei im Nebenzimmer, in Tripolis und in New York befinden.

2. Twitter ist zu einer persönlichen Nachrichtenagentur und einem wertvollen Recherchetool geworden. Bei Großereignissen – Erdbeben, Fukushima, Revolutionen – stelle ich mir Listen mit Reportern und Akteuren vor Ort zusammen, die gemeinsam einen akkuraten Nachrichtenticker ergeben. Ich nütze Twitter auch, um Fragen zu stellen, Feedback zu bekommen, Interviews vorzubereiten, Menschen zu bestimmten Themen zu finden. Selbst twittere ich Artikel, die mir aufgefallen sind, Aperçus, kleine Kommentare und Ankündigungen. Bei „Club 2“-Sendungen ist die intensive Begleitung durch die Twitteria ein wertvolles Feedback – und oft zum Schreien komisch.

3.Der Taubenvergrämer (@Vergraemer) – eine Kunstfigur des deutschen Schriftstellers Jan-Uwe Fitz – erheitert mich mit seiner Misanthropie täglich.

Georg Holzer,

freier Journalist, @georgholzer,

twittert seit 2007,

4.431 Follower

1. Ich habe aufgehört, regelmäßig alle Tageszeitungen zu lesen, weil die Themenvielfalt irgendwann spürbar abgenommen hat. Ich liebe an Twitter, dass hier sehr viele Links mit interessanten und unerwarteten Geschichten hochkommen. Zudem erlaubt Twitter eine sehr schnelle Kommunikation. Ich kann auf einmal ein paar Tausend Leute um ihre Meinung fragen.

2. Es beschleunigt die Recherche und die Themenfindung enorm. Ich sehe es primär als erweiterte Recherchemöglichkeit, aber auch zur Bewerbung von Inhalten, die ich erstelle. Blogposts über Twitter zu verbreiten ist deutlich besser, als dies gar nicht zu tun. Und: Ich habe mit ein paar Tausend Followern gleich ein paar Hundert Leser mehr für meinen Blog.

3.@ArminWolf

Dieter Bornemann,

ORF, @DieterBornemann,

twittert seit 2008,

3.995 Follower

1. Ich schätze die Unmittelbarkeit und Geschwindigkeit. Beim letzten EU-Gipfel in Brüssel etwa war ich mit meinen Tweets viel schneller als die internationalen Nachrichtenagenturen. Und es gibt oft interessante Hinweise zu Geschichten, die ich sonst nie gefunden hätte. Außerdem ist es eine wunderbare Art, fade Wartezeiten zu überbrücken.

2. Es vergrößert den Druck: Zum einen das dauernde Folgen aller für mich relevanten Tweets. Zum anderen will ich natürlich selbst auch nützlichen Content liefern und meinen Followern etwas bieten. Außerdem ist es ein gutes Mittel, um an Leute zu kommen, die bisher für Journalisten nicht so einfach zu finden waren. Zum Beispiel Betroffene bei diversen Themen.

3.Jeder, der mich zum Staunen, Lachen, Nachdenken bringt oder mich überrascht. Und das ändert sich jeden Tag.

Thomas Mohr,

Puls 4, @thomas_mohr,

twittert seit 2009,

3.164 Follower

1. Ich mag das Unösterreichische. Tempo, kurze Wege, Dynamik und das Anti-Blabla-Korsett, das beinahe ein neues Deutsch erzeugt.

2. First thing in the morning. Meine Timeline aus rund 350 Tweeps, also Twitterern, gibt mir einen zusätzlichen Überblick über die Themenlage. Und Twitter beschleunigt die Themenfindung in der AustriaNews-Redaktion und sticht auch mal die APA-Eilt-Meldung aus.

3.@HubertSickinger. Solide, immer aktuelle Quelle zur Innenpolitik, immer bereit zur Diskussion.

Euke Frank,

„Woman“, @EukeFrank,

twittert seit 2009,

2.878 Follower

1. Die 140 Anschläge! Beim Lesen. Und beim Schreiben. Ich habe ohnedies für nichts Zeit, da ist diese Form der Mitteilung und des Informationsflusses perfekt: kein Herumgeschwafel, pointiert, flott, knackig.

2. Ich habe Twitter den ganzen Tag offen, die Nachrichten erreichen mich. Ich kann Gedanken, Anregungen, Bemerkenswertes in die Welt rausschicken – und es kommt Spannendes, Witziges, Kluges, Neues zurück. Twitter ist keine Einbahnstraße für Egomanen. Und konkret: ich habe auf Twitter bereits extrem viele Anregungen für Woman-Online-Storys gefunden. Also: eine echt kreative Fundgrube und so flott wie eine Nachrichtenagentur.

3.Ich bin da natürlich befangen, aber es hat schon Grü
nde, warum @ArminWolf mehr als 32.000 Follower hat. Der macht das ganz gut. Da gibt’s immer wieder was Neues, was Schlaues, was Freches und meistens auch eine Antwort.

Ingrid Brodnig,

„Falter“, @brodnig,

twittert seit 2009,

2.779 Follower

1. Mir macht der Dialog besonders viel Spaß. Oft stelle ich meinen Followern Fragen und schaue ganz einfach, wie die darauf reagieren, wie sehr sie das Thema beschäftigt. So komme ich als Journalistin nicht nur auf neue Ideen und Rechercheansätze, sondern merke auch, wie man die Leute bei einem Artikel am besten anspricht. Im Printjournalismus gibt es nur wenig Feedback oder gar Austausch mit den Lesern – deswegen ist Twitter für mich eine große Bereicherung, um zu merken, wie einzelne Geschichten ankommen.

2. Twitter gibt mir einen Informationsvorsprung. Oft erfahre ich Neuigkeiten zuerst über Social Media und erst danach über klassische Medien. Auf Twitter merkt man oft auch sehr schnell, welche Geschichten die Leute wirklich beschäftigen, was den Menschen nahegeht (oder zumindest jenen Menschen, die auf Twitter anzutreffen sind). In meinem journalistischen Alltag hole ich mir oft Tipps oder Anregungen via Twitter oder kündige meine eigenen Geschichten an.

3.@Philoponus (Christian Köllerer). Er hat einen herrlichen schwarzen Humor und spielt den zutiefst zynischen, menschenverachtenden Super-Intellektuellen.

Erschienen in Ausgabe 12/202012 in der Rubrik „Beruf und Medien“ auf Seite 52 bis 53 Autor/en: Umfrage: Martin Langeder. © Alle Rechte vorbehalten. Der Inhalt dieser Seiten ist urheberrechtlich geschützt. Für Fragen zur Nutzung der Inhalte wenden Sie sich bitte direkt an die Redaktion.

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