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Beruf und Medien

„Dokumentenfälschung, um mich fertigzumachen“

Von Interview: Engelbert Washietl

„Kurier“-Chefredakteur Helmut Brandstätter hält, wenn es nötig ist, für Qualität und Anstand den Kopf hin. „Anderswo gehen Herausgeber und Chefredakteure Geld einsammeln.“

Sie charakterisierten die Geschäftsphilosophie mancher Ihrer Mitbewerber in einem Leitartikel mit dem Satz: „Entweder es gibt Kohle, oder es werden Watschen verteilt.“ Waren Sie überrascht, dass die Angesprochenen auch Sie in den Kreis der Watschenempfänger aufnahmen?

Helmut Brandstätter: Das habe ich genau gewusst. Ich kenne den Wolfgang Fellner (Anm.: Herausgeber von „Österreich“) schon einige Jahre. Was mich dann schon ein bisschen schockiert hat: Ich habe aus gewissen politischen Bereichen gehört, dass man gemeinsam mit Fellner gegen mich vorgehen und Material publizieren werde. Aber da haben sie nichts gefunden, sondern etwas gefälscht. Ich sage das bewusst. Der Herr Fellner hat ein gefälschtes Dokument abgedruckt, um mir als „Kurier“-Chef vorzuwerfen, ich hätte den ÖBB Lobbying angeboten, was ich natürlich nicht gemacht habe. Sie haben ein internes Dokument, ein Memo, hergenommen, das ich dem Herrn Dietmar Ecker, der einer meiner Gesellschafter war, geschickt hatte. Daraus machte Fellner: „Kurier-Chef wollte Lobbying-Geld von den ÖBB.“ Also eine Lüge, gegen die ich inzwischen auch eine einstweilige Verfügung habe – das darf der Herr Fellner nicht mehr schreiben.

Also ein Teilsieg?

Umgekehrt aber habe ich eine köstliche Klage gewonnen. Ich hatte geschrieben, dass es einen Zusammenhang zwischen einer gewissen Schreibweise in „Österreich“ und dem Buchungsstand von Inseraten gibt. Im Urteil heißt es: „Unter Berücksichtigung des Umstandes, dass tatsächlich ein Inserat geschaltet wurde und die Klägerin (Fellner, Anm.) mit ihrer doch eher einseitigen Berichterstattung die Reaktion des Beklagten (Brandstätter, Anm.) herausgefordert hat, sind die Grenzen zulässiger Kritik nicht überschritten worden.“ Ich habe auf ganzer Linie gewonnen.

Ich habe schon vorher gewusst, dass es wild hergehen wird, aber kein schlechtes Gewissen gehabt und auch gewusst, dass er mich nicht erwischen kann. Die Auseinandersetzung ist notwendig, wenn das Land Österreich eine halbwegs ordentliche Medienlandschaft bekommen soll. Wenn ich mir anschaue, was das Transparenzgesetz bringt, habe ich dafür meinen Kopf gern hingehalten.

Für Sie besteht da ein direkter Zusammenhang?

Schon. Wobei ich sagen muss, dass auch andere Medien – Bundesländerzeitungen und die „Presse“ – massiv auf das Thema eingestiegen sind.

Die Welt mag ungerecht sein. Aber man verwendet eben verschiedene Auffälligkeiten, um daraus Argumente zu machen. Dann sagt der Verteidigungsminister Norbert Darabos, Sie hätten auch ihm Angebote gemacht …

Er hat in der Pressestunde die Unwahrheit gesagt und hat mir gegenüber das auch eingestanden.

Schon, aber als Sie noch Ihre „Brandstätter Business Communications“ hatten, haben Sie natürlich geschaut, dass das Geschäft läuft.

Natürlich, ich hatte ja Angestellte, die ich an jedem Ersten bezahlen musste. So geht es eben einem Unternehmer.

Und dann sagt eben auch die „Heute“-Chefin Eva Dichand, dass Sie auch „Heute“ beraten hätten, und Fellner sagt etwas, und alles zusammen ist ein Faktum, mit dem Sie auch als Chefredakteur leben müssen, auch wenn nichts Unrechtes geschehen ist.

Mit dem kann ich gut leben. Ich habe als selbstständiger Unternehmer Kommunikation, PR und auch Werbung gemacht, dafür geniere ich mich nicht. Wenn man meine Stimme oder mein Gesicht für so wertvoll hielt und dafür zahlen wollte, hat mich das gefreut. Aber ich habe kein Lobbying gemacht. Und als ich Chefredakteur wurde, habe ich bewusst gesagt: Schluss, weg, jetzt kommt etwas anderes. Ich habe jeden Aufgabenbereich immer zu 100 Prozent und mit vollem Engagement ausgefüllt. Natürlich, ich stehe zu allem, was ich vorher gemacht habe, aber wenn jemand Dokumente fälscht, dann werde ich ungemütlich, das ist ungeheuerlich. Dass jemand zum Mittel der Dokumentenfälschung greift, um mich fertigzumachen, und im Eigentümerkreis herumtelefoniert, den sollen sie hinaushauen, das sind Methoden – ich habe eh einmal geschrieben, Sizilien liegt an der Donau.

Jetzt sind Sie Chefredakteur des „Kuriers“, und Eva Dichand sagt in einem offenen Brief, von der „schwarzen Wirtschaftskammer Wien“ seien in einem Jahr 743.544 Euro an den „Kurier“ geflossen. Ist das auch erfunden?

Da tue ich mir insofern leicht, weil ich antworten kann, ich weiß es nicht. Ich bin eineinhalb Jahre hier, habe nicht ein einziges Verkaufsgespräch geführt. Wenn ich zu Mittag ins Redaktionssystem schaue, sehe ich, dass im „Kurier“ von morgen hier ein Inserat und dort ein Inserat eingeplant ist. Bei uns gibt es eine klare Trennung zwischen Redaktion und Inseratenabteilung. Anderswo gehen Verleger, Herausgeber, Chefredakteure oder wie immer sie sich nennen, Geld einsammeln. Ich weiß also nicht, was die Wirtschaftskammer gebucht hatte, ich weiß nur, dass ich sehr kritische Geschichten über die Veranlagung der Wirtschaftskammer Wien im „Kurier“ gelesen habe.

Öffentlichkeitsarbeit kostet Energien, das merken auch andere Chefredakteure. In Ihrem Fall dürfte das Jahr 2011 besonders herausfordernd gewesen sein. Haben Sie schon einmal überlegt, einen geschäftsführenden Chefredakteur an Ihre Seite zu holen? Das war ja auch ein Thema, knapp bevor Sie gekommen sind.

Das habe ich überhaupt noch nie überlegt. Was öffentliche Auftritte betrifft: Ich werde sehr oft für Vorträge oder Moderationen nachgefragt und mache wenig und im Prinzip nur bei Leuten, die dafür „Kurier“-Abos kaufen. So habe auch ich persönlich die Abonnentenzahl steigern können, wobei die Hauptarbeit bei unseren steigenden Abo-Zahlen natürlich eine Leistung unseres Betriebes ist. Abgesehen davon setzen wir gerade etwas um: Es gibt nur noch ein „Medienhaus Kurier“. Dieses wird eine Führung, eine Chefredaktion haben, die für alle Medien im Medienhaus Kurier zuständig ist. Es gibt die Zeitung, den Online-Auftritt, einen mobilen Auftritt. Diese Bereiche führen wir gerade zusammen, in der Führung und redaktionell. Kolleginnen und Kollegen vom Onlinebereich werden in der Chronik und in der Kultur sitzen, wir arbeiten im Newsroom bereits erfolgreich zusammen. Ich bin jetzt 56, selbst wenn ich bis zum Pensionsalter als Journalist arbeite, werde ich bei einer Zeitung arbeiten, hier. Wenn jemand 40 ist, wird er bis 70 arbeiten müssen. Welche Medien in 30 oder 40 Jahren genutzt werden, wissen wir nicht. Wir wissen aber, dass wir permanente Veränderungen vor uns haben. Ich fühle mich verantwortlich dafür, alles so breit aufzustellen, dass auch die Jüngeren in den nächsten Jahrzehnten vom Beruf des Journalisten leben können.

Raiffeisen-Generalanwalt Christian Konrad beklagte vor eineinhalb Jahren, dass der „Kurier“ „ständig rückläufige Marktdaten“ aufweise. Hierauf wurden Sie im August 2010 auf seinen Wunsch hin Chefredakteur. Was hat sich seither an den Marktdaten geändert?

In der letzten Mediaanalyse haben einige Zeitungen deutlich verloren, wir haben nicht verloren, nicht signifikant.

Die Reichweite des „Kuriers“ ist von 8,6 auf 8,2 Prozent gesunken.

Das war weniger im Vergleich zu den anderen. Insofern waren wir besser. Wir haben unter der Woche nicht signifikant verloren und konnten den Sonntag stabil halten. Dazu kommt: Im Einzelverkauf und bei den Abos gibt es einen leichten Zuwachs, beim Großverkauf haben wir ein bisschen verloren. Das Marketing funktioniert, der Vertrieb funktioniert, die Zeitung funktioniert. Wir sind die mit Abstand am meisten zitierte Zeitung, haben ständig Exklusiv-Geschichten, das ist die Leistung einer hochmotivierten Redaktion.

In Oberösterreich hat sich die MA-Reichweite auf 2,6 Prozent nahezu verdoppelt, freilich auf niedrigem Niveau. Hat sich die Oberösterreich-Ausgabe somit bewährt?

Das zeigt, man muss etwas t
un und darüber reden. An „Krone“ und „Oberösterreichische Nachrichten“ können wir natürlich nicht herankommen, das Ziel muss sein, stärker als „Presse“ und „Standard“ zu sein und der bundesweiten Qualitätszeitung auch in den Bundesländern mehr Bedeutung zu verschaffen. Das geht nur mit harter Arbeit.

Das klingt so, als hätten Sie in den Bundesländern noch mehr vor?

Schauen wir einmal. Eines nach dem anderen. Aber der Erfolg macht mich sicher, dass wir den richtigen Weg gegangen sind.

Hat sich der „Kurier“ innerhalb der Mediaprint mehr Autonomie verschafft?

Wir haben unsere eigene Marketingabteilung, die sehr gut arbeitet. Wir wollen das, wovon wir journalistisch überzeugt sind, marketingmäßig gut umsetzen. Wir werden unsere Sonntagsbeilage deutlich ausbauen und lassen uns nicht behindern.

Belasten die ungeklärten Eigentümerfragen aufseiten der „Krone“ auch den „Kurier“?

Wir haben beim „Kurier“ keine Eigentümerprobleme.

Sie werden ja vielleicht nachdenken, was es für den „Kurier“ bedeuten würde, wenn sich die WAZ aus Österreich zurückzieht.

Diese Geschichte vom Kaufangebot des Springer-Konzerns habe ich mit Interesse gelesen, aber wenn man weiß, dass da schon einmal die Kartellfrage gestellt wurde und dass öffentlich Zahlen herumgereicht werden, halte ich das nicht für sehr ernsthaft. In unserem Aufsichtsrat ist der Herr Christian Nienhaus (WAZ-Geschäftsführer, Anm.), mit dem arbeiten wir bestens zusammen.

Die Verösterreicherung von „Krone“ und „Kurier“ wäre ja überlegenswert.

Ich habe schon als junger Mann gelernt, dass man sich nie zu Eigentümerfragen äußert.

Vielleicht beraten Sie manchmal den Herrn Konrad, wie man es machen könnte?

Ich diskutiere sehr gern mit Dr. Konrad und stelle fest, dass er als langjähriger Profi sich seine Meinung bildet und bei diesem Thema bedeutend mehr Erfahrung besitzt als ich.

Bringen Transparenzgesetz und U-Ausschuss das, was man sich erhofft, nämlich die Trockenlegung von sauren Wiesen im politisch-medialen Bereich?

Das Transparenzgesetz hat jetzt schon etwas gebracht. Dass wir erfahren, wem welche Zeitung gehört, halte ich für ein Grundthema der Demokratie. Was Anzeigentransparenz betrifft, werden wir noch genauer hinschauen müssen. Wenn es heißt, der Verkehrsminister darf nicht in ÖBB-Inseraten aufscheinen, davon erwarte ich mir noch nicht viel. Manchen Boulevardzeitungen ist ja egal, wie die Inserate ausschauen. Denen geht es nur darum, dass irgendein Inserat und somit das Geld hereinkommt. Da weiß man ja, da rufen manche Medien in Unternehmen an und sagen, wir brauchen noch etwas Geld, habt ihr nicht was? Aber so wie es war, kann es nicht mehr sein. Das wird sich kein Politiker mehr trauen. Insofern ist die Entwicklung ein Fortschritt.

Print ist in einer schwierigen Lage, also halten alle gern die Hand auf …

Schon, ich freue mich auch über jedes Inserat, aber ich geh nicht schnorren. Sie haben recht, die Zeiten für die Medien sind schwierig. Ich glaube schon, dass man eine sinnvolle Form der Presseförderung haben soll.

Die, die es gibt, oder eine neue?

Sie sollte Formen der Qualitätsberichterstattung berücksichtigen, beispielsweise Korrespondentenstellen. Ich halte es für das Wichtigste, den Leuten andere Standpunkte zu erklären. Auch ein Massenblatt muss objektiv in der Berichterstattung sein und soll keine Kampagnen führen. Der „Kurier“ hat eine klare Haltung bei wichtigen Themen, beispielsweise in Bezug auf Europa. Das ziehen wir durch. Ich wundere mich schon über führende Medienleute, die es gut finden würden, wenn der Euro kippt. Das Ende des Euro wäre der Beginn der Massenarbeitslosigkeit in Österreich. Medien sollten sich schon überlegen, welche Konsequenzen das hätte, was man da schreibt. Wenn Qualitätszeitungen mehr Korrespondenten beschäftigen, um eine sachliche Berichterstattung zu erreichen, dann schiene mir eine Förderung dafür sinnvoll. Warum nicht?

Engelbert washietl

ist freier Journalist in Wien.

engelbert.washietl@gmail.com

Erschienen in Ausgabe 12/202012 in der Rubrik „Beruf und Medien“ auf Seite 70 bis 73 Autor/en: Interview: Engelbert Washietl. © Alle Rechte vorbehalten. Der Inhalt dieser Seiten ist urheberrechtlich geschützt. Für Fragen zur Nutzung der Inhalte wenden Sie sich bitte direkt an die Redaktion.

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