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Special EU

„Eine Brücke zu den Lesern schlagen“

Von Hermine Schreiberhuber

Seit zweieinhalb Jahren ist Oliver Grimm in Brüssel, um den Lesern der „Presse“ zu erklären, wo es in Europa langgeht. Seine Aufgabe umreißt der EU-Korrespondent der österreichischen Tageszeitung, die eine stark an Wirtschaftsthemen interessierte Klientel ihr Eigen nennt, mit den Worten: „Man muss eine Brücke zu den Lesern schlagen.“

Die Fülle der zu behandelnden Materien, die maßgeblichen personellen Netzwerke und das institutionelle Geflecht zu durchschauen, ist auch für vermeintliche Kenner der Europäischen Union nicht leicht. Seinen Korrespondentenposten in der EU-Metropole betrachtet Grimm denn auch als ganz große Herausforderung. Ohne Selbstüberschätzung zieht der „Presse“-Mann in Brüssel nüchterne Zwischenbilanz: „Wenn ich glaube, ich verstehe gut, wie dieses Gefüge funktioniert, komme ich auf etwas völlig Neues.“

Bei ihrer Berichterstattung über die Europa-Politik in all ihren Facetten dürfen die Europa-Korrespondenten den Blick für das Wesentliche nicht verlieren. Laut Oliver Grimm laufe man als Berichterstatter gerade in Sachen EU-Politik Gefahr, „dass man den Wald vor lauter Bäumen nicht mehr sieht“. Man dürfe kleine institutionelle Details nicht zu wichtig nehmen. „Das interessiert die Leser nicht.“ Aus der Sicht des Berichterstatters ist es geradezu „paradox – je länger man hier ist, desto verrückter wird man nach Details“.

Immer eine kritische Distanz wahren lautet die Parole. „Man muss ziemlich dagegen ankämpfen, dass man nicht Teil dieser Brüsseler Blase wird“, betont Grimm. Er spricht von einer „Kluft zwischen dem, was wir demokratiepolitisch wollen, und dem, was die Bürger wollen“. Hier offenbare sich ein Dilemma: „Wir wollen, dass alles stärker demokratisiert wird.“ Doch: „Wenn man das mehr aus der Entfernung betrachtet, merkt man, dass vieles für den Leser unverständlich ist.“

Die Konsequenz daraus sei, so Grimm, dass er als Korrespondent einen zunehmend größeren Teil seiner Artikel Erklärungen widmen müsse. „Jetzt bei den finanzpolitischen Themen, Rettungsschirm etc., muss ich noch mehr erklären.“ Dafür gehe oft ein Drittel des Platzes auf. Vieles sei für die EU-Bürger „Fach-Chinesisch“. Als erschwerender Umstand entpuppt sich die Tatsache, dass die EU-Technokraten oft „das Kind nicht beim Namen nennen“, etwa wenn es um die Notwendigkeit eines Europäischen Währungsfonds gehe.

In den vergangenen zehn Jahren war das Interesse an EU-Themen nicht sehr groß, die Grundsatzdebatte nahm breiten Raum ein, und die im Zusammenhang mit dem Lissabon-Vertrag erörterten Fragen interessierten die Bürger nur am Rande, analysiert Grimm die EU-Wetterlage in Österreich. „Die Aufwertung des Parlaments ist sehr wichtig, doch das interessiert keinen Menschen“, setzt er hinzu. „Nach dem EU-Beitritt wurde in Österreich keine echte EU-Debatte geführt.“ Jetzt, wo sie wegen der Krise nach Brüssel schauen, „sind die Menschen umso mehr überfordert. Das schafft viel Raum für Falschmeldungen, für lancierte Informationen.“

„Bei Internet-Foren wird mir oft schlecht“, sagt Grimm. „Da bauen viele ihre Triebe ab.“ In Österreich habe er „besonders irrationale Reaktionen auf die Schuldenkrise“ konstatiert. Europa kam nur in Negativ-Schlagzeilen vor, zum Beispiel im Kontext mit Gentechnik, Atomkraft, Arbeitskräften aus Osteuropa. Die EU-feindlichen Argumente würden dann in Umfragen wie dem EU-Barometer ersichtlich. Er habe oft „das Gefühl einer pauschalen Ablehnung durch EU-Gegner. Da erübrigt sich eine Diskussion.“

Zur journalistischen Verantwortung meint der „Presse“-Korrespondent: „Zuerst muss man das Thema verstanden haben. Auf dieser Basis kann man auch eine persönliche Wertung abgeben.“ Was sich in Brüssel und Straßburg abspielt, „ist oft extrem weit weg von den Bürgern“. Bei allen Fragen, die die EU betreffen, bestehen nach Ansicht Grimms „besonders tief verwurzelte Vorurteile“. Es gehe darum, den Lesern zu einem besseren Verständnis zu verhelfen.

Ist Selbstkritik der Medien angebracht? Grimm: „Mit vorgefassten Meinungen erweisen wir den Lesern keinen Dienst, sondern bestärken sie in ihren Vorurteilen, statt den Dingen auf den Grund zu gehen.“ Gerade bei EU-Themen sei diese Gefahr besonders groß. „Die Befriedigung von Vorurteilen ist die einfachste journalistische Übung.“ Langfristig habe dies zur Folge, „dass die Menschen zynisch werden“. Eine Qualitätszeitung stehe vor der Schwierigkeit, an der komplexen Natur der Themen zu scheitern, sie dürfe aber nicht der Versuchung erliegen, „dem schnellen Impuls zu folgen“. Umso wichtiger sei es, „ein Thema interessant zu gestalten“.

Panikmache in den Boulevard-Medien, die hierzulande oft aufseiten der Wirtschaftstreibenden wegen möglicher Auswirkungen auf die Finanzmärkte kritisiert wird, lehnt Grimm logischerweise ab. Doch zumindest was Österreich betrifft, sieht er deren Auswirkungen gelassen: „Die österreichischen Zeitungen sind nicht wichtig genug.“

Als Hauptkritikpunkt am Brüsseler EU-Apparat nennt Grimm den „Versuch, jeden Tag und ständig positive Storys produzieren zu wollen“. Die Sprecher in den EU-Gremien hätten den Auftrag, „ein neppiges Thema aufzumascherln“. Andererseits ist es oft sehr schwer, Sachverhalte kritisch zu hinterfragen. „Etliche Sprecher blocken total ab.“ Sie hätten eine ganz andere Vorstellung von Information der Öffentlichkeit als die Korrespondenten. Bestimmte Dinge würden „unter den Teppich gekehrt“, und „das ist schädlich“.

Wie verhält es sich mit der Nähe, sprich „Verhaberung“ zwischen Politik und Presse? Es gebe auch in Brüssel „Journalisten, die den Anforderungen ihres Berufs nicht gerecht werden“, umschreibt Grimm es elegant, doch im Allgemeinen agierten die Kollegen in der EU-Hauptstadt professioneller. „Wenn, dann geschieht das subtiler“, vergleicht Grimm mit Österreich, wo er vor seinem Brüssel-Einsatz in der „Economist“-Redaktion der „Presse“ gearbeitet hatte.

Das institutionelle Gefüge der Union hat sich durch die Aufwertung des Parlaments gewandelt. EU-Experte Grimm bilanziert: Früher habe „ein Haufen gescheiter Leute entschieden“, doch heute wollten die Bürger überall mitreden. „Wie man diesen Zwiespalt auflöst, weiß ich selbst nicht.“ Grimm: „Das Eliten-Projekt Europa knallt jetzt in diesen Eisberg des – berechtigten – Selbstbestimmungswillens.“ Europa-Vorhaben, wo früher Paris und Berlin eine Vereinbarung trafen, könnten heute an einer Volksabstimmung in der Slowakei oder in Irland scheitern.

Brüssel bietet für die EU-Korrespondenten ein weites Betätigungsfeld. „Man müsste zu zweit oder zu dritt sein“, so die Idealvorstellung des „Presse“-Berichterstatters, der damit wohl vielen seiner Kollegen aus der Seele spricht. „Journalismus ist ja die Vorahnung dessen, was kommt.“ Die Ressourcen reichen nicht aus, um allen interessanten Dingen nachzugehen. Nur zu den Europäischen Räten kommt normalerweise Verstärkung aus Wien.

Grimms grimmige Glossen

Oliver Grimm fällt auch durch Glossen oder Leitartikel auf, in denen er mal die griechischen Granden („Den Griechen ist nicht zu helfen“), mal die scheinheiligen EU-Energiestrategen („Strahlende Scheinheiligkeit“) geißelt. „Es ist gut, wenn man in der Zeitung einen Ort hat, wo man sich ausschreiben kann“, meint er. Dann könne er Stimmungen wiedergeben und Themen „g’schmackig aufbereiten“. Ein Thema „umzudrehen“, sei allemal intellektuell reizvoll. Es reizt ihn aber auch, ab und zu ein Buch zu rezensieren oder über Fußball zu schreiben.

Im EU-Blog der „Presse“ kann sich Grimm zusätzlich schreiberisch austoben – sei es über das Wüten der Rating-Agenturen, über das in Europa lagernde Vermögen des gestürzte
n ägyptischen Machthabers Hosni Mubarak, über Einsätze der Frontex-Grenzschützer an den Mittelmeer-Gestaden. „Die Presse“ kündigt Grimm dort mit den Worten an: „Er blickt hinter die politischen Inszenierungen der Brüsseler Blase.“

Hermine Schreiberhuber

ist freie Journalistin in Wien.

hermine.schreiberhuber@gmx.at

Erschienen in Ausgabe 12/202012 in der Rubrik „Special EU“ auf Seite 102 bis 103 Autor/en: Hermine Schreiberhuber. © Alle Rechte vorbehalten. Der Inhalt dieser Seiten ist urheberrechtlich geschützt. Für Fragen zur Nutzung der Inhalte wenden Sie sich bitte direkt an die Redaktion.

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