ARCHIV » 2011 » Ausgabe 12/2011+01/2012 »

Titel

Empathisch Autistisch

Von Barbara Haas

Hubert Patterer (49) ist Journalist des Jahres 2011. Wirklich wundern tut das keinen, denn der sturköpfige Gailtaler hat die „Kleine Zeitung“ „vom Gestern ins Morgen geführt“. Dass dieser tägliche Schöpfungsakt auch jede Menge Hassliebe seines Umfeldes zutage fördert – darüber herrscht ebenso Einigkeit.

Hubert Patterer mag den Konjunktiv. Vor allem, wenn er jemanden von einer Idee überzeugen will. Dann „sollte und könnte man“, dann „wäre es schön oder schmückend“ oder – wenn’s das Gegenüber immer noch nicht kapiert hat – „müsste man“ auch einmal ganz energisch. Diese eigentlich recht empathische Art verwirrt die Menschen und Journalisten in seiner Umgebung – wenn auch bei Weitem nicht mehr so wie am Anfang, als Patterer als stellvertretender Chefredakteur 2000 von Klagenfurt in die Grazer Redaktion kam. Als man die weiche Kärntner Aussprache und seine argumentativen Schlingen noch für eine waschechte Entscheidungsschwäche hielt. Das nervte viele. Vor allem jene, die sich in dem Haus in der Schönaugasse bisher an ein paar klaren Regeln festgehalten hatten. Klare Hierarchien, klare Aufträge, klare Meinungen. Das Wort des Chefredakteurs war Gesetz. Das Wort Patterers war hingegen komisch – so wie alles an ihm irgendwie so gar nicht in dieses traditionsreiche Haus passte. „Er überflutete die Redaktion mit seinem Du-Wort. Das verunsicherte viele Mitarbeiter, denn dass man einen Chefredakteur einfach duzte, das gab es noch nie“, erinnert sich ein Ressortleiter noch an die Anfänge.

Insofern war man nicht unfroh, als sich der „lässige Typ“ nach den ersten forscheren Begegnungen plötzlich für Monate nicht mehr blicken ließ und sich dafür mit Art-Direktor Gerhard Treffkorn in einem der extra kleinen Büros mit einem Haufen ausgedruckter Seiten herumdrückte. Raus kam der Relaunch 2003 der „Kleinen Zeitung“ und damit startete in Wirklichkeit die Ära von Hubert Patterer, die auch mit dem Untertitel „Sieg der Beharrlichkeit“ bezeichnet werden kann und der Zeitung in Folge ein paar bedeutende Newspaper-Awards einbrachte. Denn hier kamen Ideen daher, über die man erst nur den Kopf schüttelte. Eine monothematische Titelseite etwa, oder ein Thema des Tages im erweiterten Steiermark-Teil. Eine Meinungsdoppelseite – bewusst in Schwarz-Weiß gehalten und zu jeder Geschichte wollte er eine Zusatzinformation, einen Mehrwert, eine zusätzliche Einstiegshilfe. Und spätestens da zeigte sich für alle, dass sich hinter dem schöngeistigen Leitartikel-Schreiber ein richtiger Sturschädel, vielleicht sogar in einer speziellen autistischen Ausprägung, verbarg.

„Er ist teilweise beratungsresistent bei seinen Ideen und seine Beharrlichkeit hat uns alle manchmal in den Wahnsinn getrieben, aber man muss wirklich sagen, er hat die, Kleine Zeitung‘ vom Gestern ins Morgen geführt. Und das wäre ohne seine Fantasie und seinen Dickschädel wohl so nie gegangen. Dafür, zu verlangen, dass wir alle jeden Tag neue und spannende Zugänge suchen, bin ich ihm wirklich dankbar. Und die Leser kriegen durch diese Beharrlichkeit ein besseres Produkt“, zollt Bernd Olbrich, Leiter des Steiermark-Ressorts, ihm Respekt. Aber auch Kollegen, die nicht aus der Stabilität der mehr als 100-jährigen „Kleine“-Tradition stammen, können die Zweischneidigkeit seines Enthusiasmus sehr gut nachfühlen. „Ich habe in Österreich keinen zweiten Journalisten wie ihn kennengelernt: ein leidenschaftlicher Blattmacher bis zur Obsession; mit Instinkt und Kreativität gleichermaßen gesegnet. Er ist jede Sekunde mit jeder Faser Journalist., Geht nicht, gibt’s nicht‘ – ein Hilfsausdruck für das, was er von sich und anderen verlangt. An guten Tagen ist es eine Freude, sich von seiner chaotischen Energie anstecken zu lassen; an schlechten kann es passieren, dass sich so mancher vorkommt, als hätte ihn ein Zug überfahren und der Schaffner schreit:, Was ist? Spring auf!‘“, skizziert Eva Weissenberger, die nach „Presse“, „Falter“ und dem „ORF-Report“ bei der „Kleinen“ anheuerte, ihren Chefredakteur.

Doch nicht nur als Blattmacher ist er leidenschaftlich bis manisch, auch als Journalist gibt er der Zeitung seinen Schliff, feilt an seinen Kommentaren wie an einem rohen Diamanten. Auch wenn er selbst es ein bisschen weniger glamourös sieht: „Schreiben hat für mich leider nichts Schwereloses, sondern ist Arbeit am Steinbruch. Vielleicht stimmt ja das Sprichwort: Wer die Sprache nicht quält, quält die Leser“, so Patterer, der seine Inspirationen dennoch nicht nur aus sich selbst schöpfen kann. „Wenn ich merke, dass die Sprache stumpf wird, greif ich gern zu den Glossen von Alfred Polgar oder den Tagebüchern von Max Frisch. Vorbild unter den Irdischen: Hans Rauscher, für die kleine Form.“

Doch neben hochgeistigen Vorbildern, die seinen „täglichen Schöpfungsakt“, wie er selbst sagt, vorantreiben, kann der studierte Germanist auch durchaus bekömmlicher, wie sein zeitweilig geführter Chefredakteurs-Blog beweist. Patterer: „Mit 44 wieder ein Tagebuch. Das letzte habe ich in einem Lienzer Internat als pubertierender Gymnasiast geschrieben und mit 19 erfolgreich verbrannt. Der Inhalt war mir peinlich, ich wollte mich von der Person, die das geschrieben hat, distanzieren; weil mir die Entsorgung im Container auf der Straße zu unsicher schien, bin ich ins Badezimmer des Studentenheimes gegangen, habe das Tagebuch ins Waschbecken gelegt und angezündet. Die weiße Wand war schwarz vor Ruß, aber ich fühlte mich frei. Geht das im Internet pyrotechnisch auch?“ Antwort: Nein. Da ist das Web leider erbarmungslos ;-).

Dieser Patterer war ein junger Zweifler, ein Bursche mit großem Hang zur Selbstreflexion. Nicht oft kann man von einem fast 50-jährigen erfolgreichen Medienmanager und Journalisten behaupten, dass er sich diese sympathischen Eigenschaften bewahren konnte – Hubert Patterer jedoch hat sich bis jetzt trotz seiner teils recht abgehobenen Sprache eine ganz tiefe Verwurzelung erhalten. Die Pubertät seiner 14-jährigen Tochter etwa nimmt ihn im Zweifelsfall mehr mit als der historische EU-Gipfel zur Schuldenkrise, und eine leidenschaftliche Debatte für ein Thema in der Zeitung wird von ihm trotzdem nie so emotional geführt werden wie die zwiespältige Leidenschaft zu seinem Heimatland Kärnten. „Es ist wirklich oft absurd, mit welcher Zärtlichkeit ich dieses Land verteidige“, wundert sich Patterer über den Begriff Heimat und was er in ihm auslöst. Doch er ist auch hier ein beharrlich Kämpfender und so wundert es nicht, dass er Kärnten just zum rational blödesten aller Zeitpunkte verlassen musste.

„Ich war mit dem Hupo damals gemeinsam in einem Büro und hab mitbekommen, wie er gerade sein Haus baute. Man kann sagen, dass ich es auch ein bisschen mitbaute, weil ich oft Anrufe koordinierte und mich schon recht gut auskannte, welche Firma was hier macht. Und dann war die Hütte endlich fertig, die letzte Glühbirne drinnen und dann ist er nach Graz gezogen. Mit Sack und Pack und der ganzen Familie“, erinnert sich Michael Sabath, stellvertretender Sportchef der „Kärntner Kleinen Zeitung“, nicht ohne Bewunderung. Doch nicht nur seine Spontanität und seine Vielseitigkeit (immerhin war er in Kärnten Sportchef, Kulturchef, Lokalchef und auch Cvd) konnte er während seiner Zeit in Kärnten ausleben, er bekam auch viele Gelegenheiten, die Sturheit sich selbst gegenüber unter Beweis zu stellen. „Der Skiweltcup gastierte gerade in Lienz und Alberto Tomba war damals der absolute Superstar. Hupo bildete sich ein, dass wir unbedingt ein Interview mit ihm kriegen sollten, aber es war nichts zu machen. Da ist er mit mir gemeinsam stundenlang durch alle Lienzer Gasthäuser und Restaurants gezogen und tatsächlich – da saß er gemeinsam mit seinem Manager. Hupo ging hin, sagte, er sei von der, piccolo grazetta‘ und ein Interview wäre jetzt echt großartig. Tomba war gut drauf und obwohl am nächsten Tag der Slalom war, führte er mit uns eine Stunde lang ein Interview. Das werde ich nie vergessen, weil der Hupo nicht schlafen g
egangen wäre, ohne ein Interview zu haben“, so Sabath. Es waren auch vor allem seine sensiblen und tief gehenden Interviews, die ihm in Graz die notwendige Aufmerksamkeit brachten, denn zwischen Graz und Klagenfurt gab es damals noch ein starkes Nord-Süd-Gefälle. Man nahm die Kärntner in Graz nicht sehr ernst und die Kärntner wiederum fühlten sich ganz wohl in ihrer „Filiale“ und genossen mitunter auch die Position im Schmollwinkel. „Mir fiel er aber als Schreiber auf, sogar als exzellenter Schreiber und mich begeisterte seine Vielseitigkeit. Das war sicher der Hauptgrund, ihn nach Graz zu holen“, so Ex-Chefredakteur Erwin Zankel, der ihn 2006 schließlich zu seinem Nachfolger machte. Und es sind heute noch die ganz speziellen Interviews, die Patterer neben dem Blattmachen eine besondere Freude bereiten. Erst im Sommer führte er mit Peter Handke eine ganze Interview-Serie und scheute sich auch nicht, diese über mehrere Tage ins Blatt zu heben. Diese Art von journalistischer Kür nimmt sich Patterer heraus und das kann er auch, denn die „Kleine Zeitung“ ist nach wie vor die Cashcow im Styria-Konzern und es gibt kaum vergleichbare Regionalmedien, die eine so starke Leser-Blatt-Bindung haben.

Wenig verwunderlich, dass Patterer ein Angebot als „Kurier“-Chefredakteur voriges Jahr ausschlug und lieber als „Schönwetter-Chefredakteur“ (Zankel) in Graz arbeitet. Mit wie viel Lust der „Journalist des Jahres 2011“ dies täglich tut, beschreibt er am besten selbst: „Es ist jetzt 8.30 Uhr in der Früh, ich sitze hier vor 72 leeren Seiten und ich darf nun eine ganze Zeitung machen. Und auch auf die Gefahr hin, dass das jetzt religiös klingt: Ich liebe diesen schöpferischen Akt.“

Na ja, ein bisschen Pathos darf schon sein. Auch Vorjahres-Preisträger Andreas Koller von den „Salzburger Nachrichten“ urteilt gerne üppig und pathetisch: „Hubert Patterer führt exemplarisch vor, dass höchste journalistische Qualität und höchste journalistische Anständigkeit mit höchster Massentauglichkeit verbunden werden können. Die boulevardeske Vertrottelung, welche die Wiener Massenblätter vorexerzieren, ist also kein Naturgesetz. Patterer ist trotz kleinformatiger Zeitung ein geistiges Großformat. Und schreiben kann er obendrein.“

Erschienen in Ausgabe 12/202012 in der Rubrik „Titel“ auf Seite 48 bis 51 Autor/en: Barbara Haas. © Alle Rechte vorbehalten. Der Inhalt dieser Seiten ist urheberrechtlich geschützt. Für Fragen zur Nutzung der Inhalte wenden Sie sich bitte direkt an die Redaktion.

;