ARCHIV » 2011 » Ausgabe 12/2011+01/2012 »

Rubriken

Es zahlt sich aus, kein Arschloch zu sein

Von Christoph Kotanko

Christoph Kotanko über seinen Rausschmiss als „Kurier“-Chefredakteur, die zweimonatige Auszeit und das neue Berufsleben. Kotanko schrieb den Text vor seinem Start als Wiener Korrespondent der „OÖN“.

Ha Noi, Altstadt, ein überfülltes Speisehaus in einer stillen Gasse. Frischer Fisch, gebratenes Rindfleisch, Garnelen, Reisnudeln, Riesenteller mit Obst, dazu „bia“.

Ha Noi bedeutet „in der Flussbiegung“. Die Hauptstadt von Vietnam liegt am Ufer des Roten Flusses, 100 Kilometer von der Küste entfernt. 8.300 Kilometer Luftlinie bis Wien. Was mache ich hier, mitten im Sommer, zur angeblich schlechtesten Reisezeit für Südostasien?

Schnitt

Vor mehr als einem Jahr, am 23. April 2010, hat mir der Aufsichtsratspräsident des „Kuriers“ meine Abberufung mitgeteilt: Man wolle nach den vielen Jahren (ich war seit sieben Jahren Chefredakteur) einen Wechsel an der Spitze. – Das kam für mich zu diesem Zeitpunkt unerwartet, weil die Zeitung nach schwierigen Jahren und rückläufigen Marktdaten eine Aufwärtsentwicklung hatte. Das Unternehmensergebnis war laut öffentlichen Erklärungen von Eigentümervertretern positiv; die Reichweite entwickelte sich seit Monaten gut; die verkaufte Auflage war zwischenzeitig gestiegen. Dabei war das Umfeld ungünstig: Fellners „Österreich“, von Raiffeisen mitfinanziert, und Dichands „Heute“ griffen den „Kurier“ von unten an, „Die Presse“ mit Millioneninvestitionen von oben.

Bei einem späteren Besuch von Vertretern der Auslandspresse in Wien präzisierte der Präsident des Aufsichtsrates die Gründe für den Rausschmiss: Ich sei schon zu lange dabei gewesen, habe außerdem die Redaktion nicht im Griff gehabt. – Die erste Anmerkung amüsierte die Kollegen, kam sie doch von einem, der seit 42 Jahren ununterbrochen im selben Unternehmen ist. Die zweite führt zu Mutmaßungen, was „die Redaktion im Griff haben“ bedeuten soll. Journalistinnen und Journalisten sind nicht „im Griff zu haben“; sie sollen, möglichst frei von Zwängen, ein gutes Blatt machen. Dazu muss der Chefredakteur das kreative Potenzial des Hauses fördern, Eigeninitiative, Neugier, auch Querköpfigkeit zulassen. Eine Redaktion, die sich behaupten will, braucht Charakter und Substanz. Banges Binnendenken („was könnten unsere Eigentümer dazu sagen?“) killt jede Zeitung.

Tagesgeschäft

Der Kollektivvertrag sieht für einen Fall wie den meinen ein Jahr Kündigungsfrist vor. Ich hatte also keinen unmittelbaren Zwang, einen anderen Job zu suchen. Die Reaktionen auf meinen angekündigten Abschied waren für mich überwältigend, nicht nur im Familien- und Freundeskreis. Es gab Hunderte Mails, SMS, Briefe, Anrufe aus allen Richtungen. Diese sehr persönlichen Rückmeldungen berührten mich tief. Ich hatte sie in dieser Dichte nicht erwartet. Viele kamen auch aus Konkurrenzblättern oder von Kollegen, zu denen ich jahrelang keinen Kontakt gehabt hatte. Der Zuspruch bestärkte mich in meiner Überzeugung: Es zahlt sich aus, kein Arschloch zu sein.

Es gab auch Beispiele beschämender Feigheit und Falschheit. Was der berufliche Status bedeutet, merkt man ja erst, wenn er weg ist. Einige Leute, die sich jahrelang an den Chefredakteur angebiedert hatten, wandten sich in der Minute ab, als die Abberufung bekannt wurde. Andere zeigten Zynismus pur. So schickte mir der Sprecher des damaligen Vizekanzlers Josef Pröll am nämlichen Tag eine SMS: „Uns wird’s alle einmal erwischen. Für morgen allerdings Tagesgeschäft. Pröll lädt CRs und Wirtschaftschefs zu Background. Wer kommt vom, Kurier‘?“

Zwölf Monate blieb ich noch in der Lindengasse und betreute die Ausgabe für die mobilen Lesegeräte. Mit 57 tauchte ich in die digitale Welt ein. Fast alle Mitarbeiter waren halb so alt wie ich. Sie nahmen den Ex-Chef rührend auf. Siehe oben: Es zahlt sich aus, kein …

Beziehungskisten

Ich bin darauf trainiert, mit kühlem Kopf, methodisch, Schritt für Schritt zu arbeiten. Beziehungskisten halte ich im Beruf für nachrangig. Ein Fehler. Die menschliche Herausforderung für den neuen Chefredakteur, der den alten noch im Haus hat, ist doch erheblich. Das führt zu Enttäuschungen auf beiden Seiten.

„Auch eine Enttäuschung, wenn sie nur gründlich und endgültig ist, bedeutet einen Schritt vorwärts“, hat Max Planck geschrieben.

Als meine Kündigungsfrist ablief, bot mir der Geschäftsführer fairerweise einen neuen Vertrag an. Doch der Vorrat an Gemeinsamkeiten war aufgebraucht. Ich konnte zwischen zwei guten Möglichkeiten für den Neustart wählen und nahm das Offert der „Oberösterreichischen Nachrichten“ an, für sie ab 1. September als Wiener Korrespondent zu arbeiten. Zuvor wollte ich zwei Monate Auszeit nehmen, mich sammeln, reisen, rasten.

Krankenkasse

In mehr als 30 Berufsjahren habe ich 100 oder mehr Artikel über die Sozialversicherung geschrieben. Doch es ist ein Unterschied, ob man wegen einer Recherche bei der Gebietskrankenkasse anruft oder in der Bezirksstelle Schlange steht, eine Nummer zieht, den Aufruf abwartet. Meine Nummer ist hoch, ich bin spät dran. Rund 80 Personen warten. Fast alle haben „Migrationshintergrund“. „Mobiltelefonate verboten!“ steht groß an der Wand. Davor schnauzt einer ins Handy. „Kein Handy hier!“, mahnt die Schalterkraft mit müder Routine.

Als ich nach einer Stunde drankomme, werde ich exzellent betreut. Ich will mich nicht arbeitslos melden, nehme die Selbstversicherung. Macht 357,48 Euro pro Monat. Ausdrücklich werde ich gefragt, ob ich die Herabsetzung des Beitrages beantragen möchte, „soweit es nach den wirtschaftlichen Verhältnissen begründet erscheint“. – Sozialstaat, Sonnenseite.

Pausenzeichen

Wenig später starten meine Frau Ingrid und ich eine Rundreise durch Vietnam. Mit Flugzeug, Auto, Schiff, gelegentlich auch mit dem Fahrrad touren wir von Nord nach Süd, von Hanoi über die Ha Long-Bucht im Golf von Tonkin, Da Nang, Hoi An und Hue bis Ho-Chi-Minh-Stadt.

Vietnam, das ist eine Kindheitserinnerung aus dem Fernsehen. Graupelige Schwarz-Weiß-Bilder von Luftangriffen, Bodenoffensiven, Dschungelpfaden, später die Demonstrationen gegen den Krieg: Ho-Ho-Ho Chi Minh! Das Massaker von My Lai, „Search and destroy“. Junge Amerikaner, die ihre Einberufungsbefehle verbrennen. Der Schnappschuss aus Saigon 1975, als die letzten CIA-Agenten per Hubschrauber vom Dach des alten französischen „Club Sportif“ geholt werden, während die Panzer des Vietcong anrollen.

Jetzt ist das Land erholt und ambitioniert. Millionen junge Menschen wollen unbedingt ihr Stück vom Dollar, nur die Zukunft zählt. Sie lieben das lärmende Leben. Ich lausche dem Pausenzeichen. Vietnam ist eine Reise zum Stillhalten, ein Ausbruch aus der Matrix.

Lobbyist

In der Entfernung wird einem klar, was man sich zugemutet hat. Eine Chefredaktion ist naturgemäß keine Komfortzone. Ein guter Chefredakteur ist Lobbyist: Lobbyist der Leser und der Redaktion. Doch die Gefährdungen sind vielfältig. Selbstbestimmung ist ein Luxus, der erkämpft werden muss. Zum Vorausdenken, zum Experimentieren ist wenig Zeit.

Viel Energie wird mit Konzernpolitik vergeudet, mit Top-down-Stellungsspiel und nichtigem Streit. Man widmet seine ganze Kraft der Großorganisation. Managen, bis der Arzt kommt? Als Entgelt gibt es ein gutes Gehalt und einen festen Platz in der Hackordnung.

Das ist nicht wenig, doch auf Dauer nicht genug.

Follow your heart

Vietnam war ein schöpferischer Break, ein Innehalten, Sich-selbst-Befragen. Die Exotik des Ortes war willkommen, aber es hätte keine Fernreise sein müssen: Wo immer du hingehst, du nimmst dich selbst mit. – Diesem Lehrsatz versuche ich bei meiner jüngsten Station, der Wiener Redaktion der „Oberösterreichischen Nachrichten“, zu folgen. Es gilt das Wort von Steve Jobs, Stanford 2005: „There is no reason not to follow your heart.“

Erschienen in Ausgabe 12/202012 in der Rubrik „Rubriken“
auf Seite 20 bis 21 Autor/en: Christoph Kotanko. © Alle Rechte vorbehalten. Der Inhalt dieser Seiten ist urheberrechtlich geschützt. Für Fragen zur Nutzung der Inhalte wenden Sie sich bitte direkt an die Redaktion.

;