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Beruf und Medien

„Heute“ geoutet. Es ändert sich nichts

Von Engelbert Washietl

Um Weihnachten herum wird bei „Heute“ immer der Chefredakteur ausgewechselt. Heuer gibt es zu dieser Neuigkeit eine Zuwaage: Die Stiftungskonstruktion der Gratistageszeitung wurde enthüllt. Sie ruht stabil im Gestänge SPÖ-affiner Stifter und Betreuer.

Eine Interviewbitte des „Journalisten“ wurde vornehm ignoriert, von „Heute“-Geschäftsführerin Eva Dichand schon aus Tradition, vom Chefredakteur Wolfgang Ainetter wahrscheinlich, weil er nicht anders darf. Ainetters Dienstverhältnis reicht noch bis Ende März, da muss man sich nichts verpatzen. Warum er sich nach zehn Monaten Chefredakteursleben entschlossen hat, nach Deutschland zurückzukehren, hat wahrscheinlich den banalsten aller Gründe: Das berufliche Milieu bei „Heute“ war nicht so, wie er es sich ausmalte, als er im Februar 2011 von Dichand engagiert wurde, um den von ihr einvernehmlich abgelösten Vorgänger Richard Schmitt zu ersetzen.

Ainetter hat für die „Heute“-Leser erkennbare Akzente gesetzt. Die Aufmacher- und Storytitel waren flott bis wild. Zeitweise erinnerten sie an die Hochzeit der Aufmacherdrechselei in Kurt Falks „täglich alles“. Einsame Spitze war zur Sauregurkenzeit die „Heute“-Schlagzeile: „Amtlich! Ein Nudelsieb ist religiöse Kopfbedeckung“. Der Wiener Niko Alm habe vor Gericht erstritten, dass sein Passfoto mit dem aus religiösen Gründen getragenen Spaghetti-Sieb führerscheintauglich wurde. Derartige Knüller zu präsentieren lernt man am besten beim deutschen Massenblatt „Bild“, bei dem Ainetter tatsächlich 2005 bis Anfang 2011 tätig gewesen ist. Somit fiel es ihm auch nicht schwer, die Story fortzuschreiben: „Deutsche ziehen nach – Nudelsieb-Fotos auch in deutschen Pässen erlaubt“.

Damit wird es bald aus sein, und vielleicht auch, dass ein Chefredakteur zu pedantisch darüber wacht, dass die Berichterstattung und bezahlte Texte auseinandergehalten werden. Die Synchronisation von journalistischem Ehrgeiz und sprudelnden Geldflüssen von Regierungsseite kann nerven, wenn man seine Arbeit ernst nimmt.

Womit der zweite Teil aller Neuigkeiten abzuhandeln ist: Wem gehört jenes „Heute“, das Ainetter zu verlassen vorzieht? Aufdeckung betrieb die „Wiener Zeitung“, die ein karitativ ausgerichtetes Stiftungsmodell zugunsten der St. Anna Kinderkrebsforschung und der Opferschutz-Organisation Weißer Ring beschrieb. Da das von der Familie Dichand gut gehütete Geheimnis zu zerbröseln begann, raffte sich „Heute“-Herausgeberin Dichand auf und präzisierte: Die Endbegünstigten der „Periodika Privatstiftung“, die hinter der Gratiszeitung „Heute“ steht, seien der Verein „Rettet den Stephansdom“ und die Opferhilfeorganisation Weißer Ring. Keine von ihnen hat bisher Geld gesehen und wird es auch nicht, bis die Stiftung einmal aufgelöst wird.

Die Überraschung über das Outing hält sich in Grenzen, denn an der Sachlage ändert sich überhaupt nichts. Stifter der „Periodika“ als „Heute“-Eigentümerin ist der ehemalige Bank-Austria-Vorstand Heinz Gehl. Die Bank hatte für die Gründung von „Heute“ Kredite gewährt. Im Vorstand einer weiteren Stiftung findet sich der SP-nahe Wirtschaftstreuhänder Günther Havranek. Ihm gehören 51 Prozent der Fidelis Medien GmbH, die restlichen 49 Prozent gehören der Stiftung. Die „Wiener Zeitung“ schließt daraus, dass „Heute“ 2004 von „eindeutig SP-nahen Personen“ gegründet worden sei, inklusive dem Stiftungsvorstand Wolfgang Jansky, der damals Pressesprecher des Wiener Stadtrates und heutigen Bundeskanzlers Faymann gewesen ist. Jansky ist neben Dichand noch immer Geschäftsführer.

„Heute“ bleibt also, was es ist: eine auf dem Gratistageszeitungsmarkt erfolgreiche Boulevardzeitung, eingebettet in ein genial verschachteltes Netzwerk, dessen einer Teil die Ehe von Eva Dichand mit dem „Krone“-Herausgeber Christoph Dichand ist, der andere die sozialdemokratische Seilschaft Wiener Typs, die von der Gründung der Zeitung bis zur Gegenwart auch die Person des heutigen Bundeskanzlers Werner Faymann einschließt. Das erklärt die parteipolitische Schlagseite von „Heute“ und macht auch die bisher reichlichen Zuflüsse von sogenannten Regierungsinseraten, ob gekennzeichnet oder nicht, verständlich.

Engelbert washietl

ist freier Journalist in Wien.

engelbert.washietl@gmail.com

Erschienen in Ausgabe 12/202012 in der Rubrik „Beruf und Medien“ auf Seite 76 bis 77 Autor/en: Engelbert Washietl. © Alle Rechte vorbehalten. Der Inhalt dieser Seiten ist urheberrechtlich geschützt. Für Fragen zur Nutzung der Inhalte wenden Sie sich bitte direkt an die Redaktion.

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