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Special EU

KATASTROPHEN- JOURNALISMUS

Von Elisabeth Horvath

Es geht um die Wortwahl: Natürlich müssen die Medien informieren. Das ist eine ihrer Hauptaufgaben, neben ihrer Kontroll- und Aufdeckerfunktion. Nichts soll beschönigt werden, nichts verschwiegen, nichts totgeschwiegen. Was es wiegt, das hat es. Das wäre der Idealzustand.

Natürlich befinden wir uns in einer nationalen, europaweiten und globalen Umbruchsituation. Klar ist auch, dass diese in den Menschen Ängste und Gefühle der Unsicherheit wachsen lässt. Was sich aus dieser Befindlichkeit entwickeln kann, allein schon im Ökonomischen, ist aus der Historie der Weltwirtschaft wohlbekannt: Die Menschen leerten ihre Bankkonten, die Menschen begannen – später mussten sie beginnen –, nicht mehr zu konsumieren, nicht mehr zu investieren. Nicht, dass jetzt die Rede sein soll von jenem Teufelskreis, der in den „Schwarzen Freitag“ gemündet hat. Der ist Geschichte, und nichts wiederholt sich gleichermaßen. Tendenziell jedoch ist die Gefahr auch heute vorhanden. Besonders dann, wenn die Medien in ihrer Lust zur Übertreibung solches herbeischreiben. Wenn sie Katastrophenjournalismus betreiben. Wenn sie Horrormeldungen genüsslich ausbreiten. Oder wenn sie wie etwa die „Krone“ mit ihrem Aufmacher vom 2. November „Jetzt reicht’s: Griechen raus!“ Wut und Hass gleich gegen eine ganze Nation schüren. Medien erzeugen einen Verstärkereffekt, in beiden Richtungen, ins Negative wie ins Positive. Medien üben Einfluss aus, ob sie es wollen oder nicht. Es findet statt.

Besonders beliebt, zumeist in Massenblättern, sind die sattsam bekannten Wenn-dann-Prophezeiungen. Dies, obwohl in den meisten Fällen solch vorausgesagte Katastrophen nicht eintreten. Weil die handelnden Personen in der Zwischenzeit doch und nicht selten wider Erwarten einen Ausweg finden und das Ruder herumreißen beziehungsweise gegensteuern. Zugegeben: Manchmal wird das Eintreten der Katastrophe auch bloß verzögert. Aber immerhin. Wozu im Vorhinein schon so viel Angst erzeugen, dass die Sache dann womöglich tatsächlich zu einer Selffulfilling Prophecy wird? Wenn-dann-Berichterstattung unterliegt nicht wirklich der Informationspflicht, der Medien natürlich nachzukommen haben.

Mit anderen Worten: Gerade in einer Phase großer, weltweiter Probleme, wohl auch außergewöhnlicher Krisensituationen, sollte sich der Journalismus mehr denn je auf seine Verantwortung besinnen: Sachlich und emotionslos berichten – vielleicht auch gelegentlich bewusst zurückhaltend; Zusammenhänge erklären, Gefahren aufzeigen – durchaus; informieren – auf jeden Fall; kritisch berichten – sowieso. Das Problem allerdings dabei: Für welchen Journalismus entscheidet man sich? Für einen seriösen oder unseriösen, für einen verantwortungslosen oder einen leichtfertigen, für einen fundierten oder oberflächlichen?

Bislang erwiesen ist freilich auch, dass sich mit Boulevard wesentlich mehr Geld machen lässt als mit Seriösem. Zumindest hierzulande. Leider. Nicht zuletzt deshalb ist es für den Journalismus, für die Herausgeber, aber auch für jede einzelne Journalistin, jeden einzelnen Journalisten wohl auch eine Frage des Charakters. Dass es nicht eine Frage des Überlebens wird, in diese Richtung sollte die in Diskussion stehende Reform der staatlichen Presseförderung gehen: Qualitätsförderung nicht nur für Journalistenausbildung, sondern auch für Qualitätsmedien. Und zwar ohne nachfolgende Einflussversuche der Politik.

Erschienen in Ausgabe 12/202012 in der Rubrik „Special EU“ auf Seite 100 bis 101 Autor/en: Elisabeth Horvath. © Alle Rechte vorbehalten. Der Inhalt dieser Seiten ist urheberrechtlich geschützt. Für Fragen zur Nutzung der Inhalte wenden Sie sich bitte direkt an die Redaktion.

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