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Keine Revolution ohne Al Jazeera

Von Hermine Schreiberhuber

Großes Lob für den arabischen Nachrichtensender Al Jazeera, scharfe Kritik am ägyptischen Fernsehen. Die Starjournalistin Shahira Amin, die während des politischen Umbruchs in ihrer Heimat ihre Position als Vizechefin beim staatlichen Sender Nile TV vor laufender Kamera hinschmiss, fand bei ihrem Wien-Besuch offene Worte zur Lage der Medien nach der Revolution. Nile TV sei „schrecklich“, geprägt von Meinungsmache und Selbstzensur wie in der Ära des gestürzten Staatschefs Hosni Mubarak, sagte sie zum „Journalisten“.

Es bedürfe einer Reform der Rechtsordnung, aber auch der Presse, betont Shahira Amin, die auch für CNN Beiträge gestaltet. An der Spitze der ägyptischen Medien habe es „nur kosmetische Änderungen“ gegeben, die Verantwortlichen seien nicht ausgetauscht worden. Viele Journalisten würden auch von der Armee eingeschüchtert, oft von Militärs zu Verhören einberufen.

Ganz großen Dank spricht die Ägypterin hingegen Al Jazeera aus: „Wer weiß, ob wir ohne Al Jazeera eine Revolution gehabt hätten? Der Sender brachte die Stimme des Volkes.“ Freilich, nicht überall war es so, fügt sie hinzu. So habe Al Jazeera über die Unruhen in Bahrain geschwiegen. Dies habe vielleicht mit der Nähe zum Golf-Emirat Katar zu tun, dem Standort des Senders, mutmaßt die couragierte Journalistin.

Ähnlich urteilt der libanesische Politologe Ziad Majed. „Al Jazeera ist für Katar eine Massenvernichtungswaffe“, sagte er im „Journalist“-Gespräch. Gemessen werde allerdings mit zweierlei Maß: Gegenüber Monarchien wie Saudi-Arabien und den Golf-Emiraten praktiziere der arabische Sender Selbstzensur.

Die sozialen Netzwerke lieferten laut Amin „den Funken“ für die ägyptische Revolution, als Ausdrucks- und Verbindungsmedium für die Aktivisten. Obwohl die Internet-Vernetzung im arabischen Raum nur rund 20 Prozent betrage. Jedenfalls habe Mubarak einen schweren Fehler begangen, als er im Zuge des Umsturzes die Internet-Verbindungen schließen ließ. Die Revolution sei unumkehrbar, allerdings sei Monate nach dem Sturz Mubaraks noch kein Revolutionsziel erreicht, sagte Amin vor den laufenden Parlamentswahlen, welche die Islamisten an die Macht spülen.

Ein Dorn im Auge ist für die TV-Journalistin das Militär, das an seinen repressiven Methoden festhalte. Bei Berichten über die Armee stoße man schnell „an die rote Linie“. Sie selbst habe Todesdrohungen erhalten, lasse sich aber dadurch nicht beirren. Den Islamisten werde jetzt oft eine Tribüne im Fernsehen geboten, mit Aussagen wie „Wir wollen keine Touristen haben“. Das solle wohl das ägyptische Volk abschrecken und den Ruf nach einer starken Hand fördern. Dahinter sieht Amin eine Strategie des Militärs, das seine Macht nicht abgeben will.

Erschienen in Ausgabe 12/202012 in der Rubrik „Rubriken“ auf Seite 10 bis 10 Autor/en: Hermine Schreiberhuber. © Alle Rechte vorbehalten. Der Inhalt dieser Seiten ist urheberrechtlich geschützt. Für Fragen zur Nutzung der Inhalte wenden Sie sich bitte direkt an die Redaktion.

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