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[Praxis]

Nach dem Print-Tod wartet kein Paradies

Von Stephan Russ-Mohl und Rahel Künkele

Wenn Zeitungen nur noch online erscheinen, wandelt sich der Beruf radikal – nicht nur zum Besseren. In der Schweiz dagegen zeigt eine Studie noch wenig Veränderungen des Berufsbildes.

Während mehrere Großverlage im deutschen Sprachraum, darunter Ringier und Springer, sich für die Online-Zukunft rüsten, indem sie mehrere Redaktionen zusammengelegt haben, wurden in den USA bereits seit geraumer Zeit einige Printausgaben eingestellt, und diese Zeitungstitel erscheinen seither nur noch im Internet. Die „Capital Times“ in Madison/Wisconsin gehört zu den Pionieren, die diesen Schritt gewagt haben, und sie hat jetzt Aussicht, als jene Zeitung in die Geschichte einzugehen, deren Transformation als erste umfassend erforscht wurde. „Journalism as Process“ – die Studie (in: Journalism Monographs, Vol. 13, No. 3, 2011) verkündet bereits in ihrem Titel, worum es der Autorin Sue Robinson von der University of Wisconsin vor allem geht: Zu zeigen, wie in einer professionell erstellten Online-Zeitung traditionelle Grenzen und auch klar definierte Berufsrollen verschwimmen und Nachrichten nicht mehr als „fertiges Produkt“ präsentiert werden, sondern in einem permanenten Interaktionsprozess zwischen Journalisten und Publikum entstehen und fortgeschrieben werden. Dabei schwinde die Trennung von Privat- und Berufsleben mehr und mehr, weil die Redakteure als „Netizens“ zwar nicht mehr notwendigerweise physisch in der Redaktion präsent seien, dafür sich aber tendenziell rund um die Uhr im Einsatz befänden. Und es wächst in der Bürgerschaft offenbar eine kleine, aber anspruchsvolle Gruppe von Akteuren heran, die durch ihre Teilnahme, indem sie Informationen verlinken, teilen und ergänzen, dazu beitragen, dass sich „Geschichten häufig entlang ganz anderer Pfade entwickeln als ursprünglich vom jeweiligen Lokalreporter intendiert“.

Allerdings hat die Forschungsarbeit ein Manko: Auf der Seite des aktiven Publikums, der „Citizen Journalists“, unterscheidet Robinson nicht zwischen „Normalbürgern“, die – aus was für Motiven auch immer – als Laien kommunizieren, und solchen Akteuren, die als Kommunikationsprofis auf den Journalismus Einfluss nehmen. So entsteht dann wohl ein zu rosarotes Bild von den Möglichkeiten des neuen „partizipativen Journalismus“. Immerhin: Ein Anfang ist gemacht. Aus der Ferne lässt sich auch die Zusammenarbeit zwischen einer kleinen amerikanischen Online-Regionalzeitung und einer der führenden „Schools of Journalism“ bei dieser Begleitforschung als vorbildlich bezeichnen.

Schweiz: Dualität von PR und Journalismus

Hierzulande warten wir dagegen noch auf wissenschaftliche Arbeiten, die den Transformations-Prozess in den Newsrooms und seine Folgen genauer unter die Lupe nehmen. Der Wandel selbst ist bisher offenbar weitaus weniger dramatisch als in den USA – so legt das jedenfalls eine neue Studie nahe, die den soziologischen Veränderungen im Berufsstand systematisch nachspürt und es zum ersten Mal auch ermöglicht, im Längsschnitt zu verfolgen, wie die Journalisten diesen Wandel wahrnehmen. Das Buch „Journalisten in der Schweiz“ stammt von Guido Keel (Universität Zürich), und in ihm sind die Ergebnisse mehrerer Befragungen zusammengeführt. Die beiden dramatischsten Befunde: Der Anteil der freien Journalisten in der Schweiz ist in den zehn Jahren bis 2008 von 12 auf 19 Prozent gestiegen. Etwa drei Viertel der freien Journalisten geben an, sich auch anderweitig ein Zubrot zu verdienen. „Die in den letzten Jahren immer stärker kritisierte Dualität von Journalismus und PR ist für rund ein Sechstel der freien Journalisten Realität“, resümiert Keel – eine Entwicklung, die fraglos die Unabhängigkeit des Journalismus gefährdet.

Die Schweizer Journalisten sind inzwischen im Durchschnitt 45 Jahre alt – vier Jahre älter als zehn Jahre zuvor. Der Berufsstand scheint sich also langsam, aber sicher dem Rentenalter zuzubewegen, aber noch ist er nicht gänzlich vom Aussterben bedroht. Die Zahlen, die Keel zusammengetragen hat, laden übrigens zum Vergleich mit Österreich ein – denn auch dort hat ein Autorenteam um Andreas Kaltenbrunner vor nicht allzu langer Zeit einen dreibändigen „Journalisten-Report“ vorgelegt, der auf repräsentativen Befragungen beruht.

Erschienen in Ausgabe 12/202012 in der Rubrik „[Praxis]“ auf Seite 127 bis 127 Autor/en: Stephan Russ-Mohl und Rahel Künkele. © Alle Rechte vorbehalten. Der Inhalt dieser Seiten ist urheberrechtlich geschützt. Für Fragen zur Nutzung der Inhalte wenden Sie sich bitte direkt an die Redaktion.

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