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Beruf und Medien

Sag zum Abschied leise Servus: Mr. Styria verlässt Red Bull

Von Interview: Peter Plaikner

26 Jahre bei der Styria, ein Dutzend davon als Vorstandsvorsitzender: Der Abgang von Horst Pirker aus Österreichs drittgrößtem Medienhaus war die Top-Personalie 2010. Nun verlässt der zweifache „Medienmanager des Jahres“ nach nur zehn Monaten seine Position als CEO von Red Bull Media House. Die Rückkehr zur Styria schließt der 52-Jährige aus. Die Frage zu einem Wechsel nach Wien bleibt unbeantwortet. 2012 beginnt wie 2011 mit dem Rätselraten: Wohin zieht Horst Pirker?

Als Sie im Frühjahr bei Red Bull eingestiegen sind, war Ihr erstes Ziel die Entwicklung einer Medienstrategie für den Konzern. Ist dieser Prozess abgeschlossen? Wenn ja, sind Sie sich mit Dietrich Mateschitz darüber einig? Wann und woran wird die Strategie erkennbar?

Horst Pirker: Red Bull ist ja eigentlich kein Konzern, sondern ein von einem überragenden Pionier geführtes Unternehmen. Da steht „Entrepreneurship“ im wahrsten Sinn des Wortes im Vordergrund. Trotzdem habe ich natürlich ein Strategiepapier entwickelt und mit dem Eigentümer, der ja nicht abgehoben seine Rolle genießt, sondern ein Playing Captain ist, diskutiert und vergemeinschaftet. Erste Ansätze daraus sind schon umgesetzt; weitere werden wohl folgen.

Manche Unternehmen hüten ihre Strategie als wichtigstes Firmengeheimnis, andere kommunizieren offen(siv) darüber. Was ist warum besser? Wie soll es Red Bull Media House damit halten?

Ich glaube, dass beides möglich sein muss. Man kann über Strategien reden und man kann darüber schweigen. Entscheidend ist, dass konsequent umgesetzt wird. Die Red-Bull-Kultur ist in der Kommunikation grundsätzlich sehr zurückhaltend. Selbst über die größten Erfolge lässt man lieber andere reden. Ich finde diesen Ansatz sehr intelligent; da können viele von uns, gerade aus der Kommunikationsbranche, etwas lernen.

ServusTV und „Servus in Stadt und Land“ wirken wie die Antithese zu „Red Bulletin“ und „Speedweek“, das „Seitenblicke-Magazin“ ist wiederum anders positioniert: Wie sinnvoll ist denn ein solch vielfältiges Portfolio angesichts des Markenkerns von Red Bull?

Die World of Red Bull und die Welt von Servus sind tatsächlich zwei verschiedene Welten, stehen aber nicht in einem Gegensatz zueinander, sondern ergänzen sich. Gemeinsam ist ihnen, dass sich die Menschen darin aus vielfältigen Gründen wohlfühlen, vielleicht unterschiedliche Menschen, vielleicht aber auch die gleichen Menschen.

Wenn Sie Ihre Aufgabe bei Red Bull mit jener in der Styria vergleichen – abgesehen von der Dauer Ihres Engagements: Was sind die größten Unterschiede?

Red Bull und die Styria haben auf den ersten Blick wirklich sehr wenig gemeinsam. Red Bull ist ein vergleichsweise junges Unternehmen. Es ist eigentümergeführt, entrepreneurial. Red Bull ist global ausgerichtet und eine der wertvollsten Marken der Welt. Und der Speed von Red Bull ist ganz unglaublich. Red Bull spielt in der Liga von Apple, Google & Co., hat ein unfassbares Potenzial. Es gibt aber auch Gemeinsamkeiten, etwa das außergewöhnliche Engagement der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter oder ein starkes metaökonomisches Wertegefüge. Jedenfalls sind beide Unternehmen besondere Unternehmen, im positiven Sinn.

Die Styria, ein ehemaliger Pressverein, hängt immer noch stark an Papier – von den Buchverlagen bis zu den Tageszeitungen: Red Bull ist vor allem eine Marke, bedient ungeachtet von „Bulletin“ und „Servus“ insbesondere digitale Kanäle: Wo sehen Sie die bessere Reisevorbereitung? Wie viel ist die Tradition noch wert? Wie sehr ist sie Ballast?

Tradition ist grundsätzlich immer wertvoll; natürlich kann sich das in concreto auch ins Gegenteil verkehren. Meine persönliche Perspektive hat sich in meiner Zeit bei Red Bull sehr erweitert und – nicht nur deshalb – auch verändert. Ich blicke kritischer auf meine Zeit bei der Styria zurück, weil ich glaube, dass ich bei allem Erfolg, den ich nicht kokett beiseiteschieben will, viel zu wenig für die neuen Entwicklungen im Medienbereich getan habe. Diesen Teil würde ich heute ganz anders gestalten. Darüber hätte es sich gelohnt zu streiten.

25 Millionen Fans auf Facebook: Was bringt das wirklich?

Ich denke, das ist vor allem eine wichtige Bestätigung dafür, dass Red Bull tatsächlich in der Weltliga spielt. Red Bull ist ja nicht nur auf Facebook ganz vorne mit dabei, sondern auch bei Twitter und insbesondere auf Youtube. Mit so vielen Fans tagtäglich in einem verantwortungsvoll geführten Kontakt zu stehen, trägt viel zum außerordentlichen Wert der Marke bei.

Es hat lange so ausgesehen, als gäbe es für Sie keine (Medien-)Welt neben und nach der Styria. Sie haben das mit der Ablehnung zahlreicher Angebote auch genährt. Wie sehr sind Sie denn Teil der World of Red Bull geworden?

Es wäre eine Anbiederung oder Anmaßung zu sagen, dass ich Teil der World of Red Bull geworden bin. Aber, ich bin dankbar, dass ich diese Welt so intensiv kennenlernen durfte; es hat das nicht nur mein berufliches Leben ungeheuer bereichert. Und das ganz Besondere waren die Menschen bei Red Bull, nicht nur Dietrich Mateschitz, sondern viele, darunter auch ganz einfache Mitarbeiter, die einen ganz besonderen Spirit in sich tragen. In sich und nicht vor sich her.

„Sicher die Strategie. Danach sehen wir weiter.“ So – verkürzt – antworteten Sie anfangs auf die Fragen nach Ihren Perspektiven bei Red Bull. Wie sehen Sie jetzt weiter?

Ja, hinter dieser Antwort stand das Wissen um eine unglücklicherweise nur knapp zeitlich verschobene familiäre Herausforderung. Ich wusste von Anfang an nicht, ob sich das mit der neuen beruflichen Situation vereinbaren lassen würde; ich wusste aber, dass – wenn es darauf ankommt – die Familie Vorrang haben würde.

Bei ServusTV-Chef Wolfgang Pütz wurden neben den offiziellen gesundheitlichen Gründen Unverträglichkeiten mit Ihnen als Ausstiegsursache vermutet – parallel dazu geistert seit Monaten schon Ihr Abgang von Red Bull durch die Gerüchteküche: Was ist da jeweils dran?

Die offiziellen Gründe des Ausstiegs von Wolfgang Pütz sind auch die inoffiziellen. Es sind leider gesundheitliche Gründe. Ich habe mich mit Wolfgang Pütz menschlich gut verstanden.

Mateschitz und Sie – zwei Alpha-Männchen: Das kann nicht gut gehen. Was stimmt an dieser Vorab-Einschätzung der Branchenbeobachter?

Gar nichts. Dietrich Mateschitz ist der Gründer und Eigentümer von Red Bull. Das habe ich, wie jeder andere auch, vorher gewusst. Und damit war meine Rolle schon vorweg von selbst geklärt, nämlich an verantwortungsvoller Stelle eingeladen zu sein, einen Beitrag für Red Bull zu leisten. Für mich war und ist das eine Ehre.

Welches Leben gibt es nach Red Bull?

Der Beruf ist ein ganz wesentlicher Teil in meinem Leben, aber er ist nicht mein Leben. Ich werde meine Tätigkeit bei Red Bull mit Jahresende abschließen. Dann werden wir weitersehen.

Sie werden immer wieder für nahezu alle Spitzen-Jobs zumindest im deutschsprachigen Medienmanagement gehandelt. Dazu gehört auch die Leitung der Mediaprint: Schließen Sie das aus?

Das leider kurze Zeitfenster, das mir endlich auch eine Tätigkeit in Deutschland erlaubt hätte, ist jetzt einmal geschlossen.

Und eine Rückkehr ans Steuer der Styria?

Das kann ich, ohne zu zögern, ausschließen. Der Aufsichtsrat der Styria geht seinen Weg ganz konsequent, und die Vorstände gehen diesen Weg ebenso konsequent mit. Ich hoffe sehr, dass dieser neue Weg mindestens so erfolgreich ist, wie es der alte war. Das sage ich vor dem Hintergrund, dass es viele unterschiedliche Wege zum Erfolg gibt. Und, schließlich geht es um die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, um die ich mich immer sehr bemüht habe, auch wenn das einige hyperaktive Kampfposter auf derStandard.at nicht wissen, nicht glauben oder einfach nicht verstehen wollen.

Sie haben erst Ihr zweites Doktorat mit einer Dissertation über die Medienzukunft abgeschlossen und dann auch eine Professur an der Universität Graz angenommen: Wie sehr befriedigt Sie diese Aufgabe?

Ich habe seit vielen Jahren an Universitäten und Fachhochschulen unterrichtet. Jetzt habe ich eben auch eine kleine Professur an der Universität Graz. Mir hat das immer viel Freude gemacht und das ist auch heute so. Es geht aber nicht um mich, sondern um die Studentinnen und Studenten. Wenn die sagen, ic
h war nicht umsonst in der Vorlesung oder im Proseminar, dann hat sich der Aufwand, der übrigens gar nicht klein ist, gelohnt.

Reizt Sie dabei nur die Lehre oder auch die organisatorische Führung eines akademischen Betriebs?

Ich hatte nach meinem Ausscheiden aus der Styria eine Anfrage, ob ich mich für ein Rektorat interessiere. Ich habe das abgelehnt, weil ich das Berufungsverfahren aus meiner Tätigkeit als Universitätsrat in sehr lebendiger Erinnerung hatte und habe. Das gehört, glaube ich, noch einmal spürbar überarbeitet.

Abgesehen vom Wollen: Müssen Sie denn noch arbeiten?

Ich habe immer gerne gearbeitet, auch wenn es nicht selten ziemlich schwierig und belastend war. Ich denke, das wird wohl so bleiben.

Peter Plaikner

ist Medienberater, Politikanalyst und Publizist mit Standorten in Wien, Innsbruck und Klagenfurt.

pp@plaikner.at

Erschienen in Ausgabe 12/202012 in der Rubrik „Beruf und Medien“ auf Seite 58 bis 61 Autor/en: Interview: Peter Plaikner. © Alle Rechte vorbehalten. Der Inhalt dieser Seiten ist urheberrechtlich geschützt. Für Fragen zur Nutzung der Inhalte wenden Sie sich bitte direkt an die Redaktion.

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