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[Praxis]

Seelenwanderung in der „Krone“, Griechisch in „Heute“ und Armin Wolf bei Puls 4

Auferstehung oder

Seelenwanderung?

Dr. Media: Das ist im Fall des 2004 verstorbenen Kräuterpfarrers Hermann-Josef Weidinger eine gute Frage. Sie kann auch nicht mit der unvergesslichen Feststellung der „Madonna“-Herausgeberin Uschi Fellner abgetan werden, dass die Mitarbeiter der „Kronen Zeitung“ so überaltert seien, dass bei ihr auch Kolumnisten schreiben, die schon tot sind. In der Tat, Pfarrer Weidinger schrieb seit seinem Begräbnis fast bis zum heutigen Tag unverbrüchlich weiter, woraus man lernt, wie gesund Kräuter sind. Jetzt ist aber eine zäsurale Wende eingetreten: Die Feder führt neuerdings Kräuterpfarrer Benedikt. Es handelt sich um den Prämonstratenser-Prior Benedikt Felsinger, aber keine Sorge – er schreibt so wie Weidinger, wofür auch das Buch „Heilkräuter aus dem Klostergarten“ zeugt. Also schreibt Weidinger gewissermaßen noch immer und rund um seine Unsterblichkeit entstand der Verein „Freunde der Heilkräuter“ Kräuterpfarrer-Weidinger-Zentrum in Karlstein an der Thaya. Sein Obmann OSR Karl Wanko begrüßt Felsinger mit dem Ruf: „Lieber Benedikt, Du gehst nicht nur in Hermann-Josefs Fußstapfen, Du bist aus dem Schatten des Meisters herausgetreten.“ Also ist es jetzt Auferstehung des Originals oder Seelenwanderung zu einem Herausgetretenen? Das wollen wir noch gerne wissen. In gespannter Warteposition haben wir das Kleingedruckte der Geschäftsbedingungen gelesen und weisen darauf hin, dass die Begeisterung für Kräuter den Arztbesuch nicht ersetzen darf. Also bitte. Nicht vor lauter Aufregung Maiglöckerltee schlürfen, denn für die Folgen übernimmt kein Kräuterpfarrer die Haftung. Weder der tote noch der lebendige.

Warum hat die „Wiener Zeitung“ kein Faymann-Interview bekommen?

Dr. Media: Dass die republikseigene Fünftageszeitung kein Interview mit dem Bundeskanzler bekommen hat, ist an sich nicht aufregend. Erstens ist sie eine der kleinsten im Markt, zweitens gilt sie nicht wirklich als überkritischer Faktor, den man mundtot machen müsste, und drittens hat Werner Faymann alle Hände damit voll, ständig in Fellners „Österreich“ nichts zu sagen. Interessant und in der ganzen Redaktion seither im Umlauf ist jedoch die Begründung, mit der die Interview-Bitte vom Kanzler-Kabinett abgeschlagen wurde: Dabei wurde nämlich darauf verwiesen, dass Christian Mayr ja noch immer dem Redaktionsteam angehöre. Mayr war immerhin Lokal-Journalist des Jahres und ist ob seiner sachkundigen wie unabhängigen Recherchen über Wiener Kommunalthemen – bei denen ihm noch nie ein handwerklicher Fehler nachgewiesen werden konnte – in der ganzen Branche respektiert. Im Bundeskanzleramt offenbar weniger.

Warum mag die SPÖ die ATV-Redaktion nicht?

Dr. Media: Der Wiener Privatsender hat eine von ihm regelmäßig in Auftrag gegebene Meinungsumfrage veröffentlicht. Dazu geben ja Redaktionen in aller Regel solche Umfragen auch in Auftrag. Dabei lag bei der sogenannten Sonntagsfrage zum ersten Mal die FPÖ vor der SPÖ. Das hörte man dort gar nicht gerne. Und man begann eine Protest-, Interventions- und Drohorgie bei der Redaktion, beim Meinungsforschungsinstitut und sogar bei dem in München lebenden ATV-Eigentümer. Ob da am Ende jemand ATV mit dem ORF verwechselt hat? Oder mit jener Tageszeitung, bei der der mächtige Verleger immer vorher bestimmt, welches Ergebnis diesmal die Umfrage bringen soll?

Lernte „Heute“ bei der „Krone“?

Dr. Media: Das ist mehr als bloß ein Verdacht. Die Gratiszeitung „Heute“ versteht sich schon so gut aufs Kampagnisieren wie die Großmutter aller Medienkampagnen, also die „Kronen Zeitung“. Als sich die griechische Wirtschaft dem Rest Europas als Fass ohne Boden präsentierte, kam „Heute“ journalistisch so richtig in Fahrt. „Pleite-Griechen, wollt ihr uns für dumm verkaufen?“ fragte die Zeitung am 2. November. Tags darauf sprach sie ihre Leser sogar auf Griechisch an: „Eksochos! Kein Geld für die Pleite-Griechen!“, wobei sie sich die in der Boulevardbranche einmalige Innovation leistete, einen Aufmachertitel mit Fußnote zu versehen: „Eksochos* – *Griechisch für Super“, belehrte sie das sprachlose Publikum. Am dritten Tag wurde der Kampf gegen die Pleitiers personalisiert: „Euro-Rebellin Kaili stoppt Griechen-Premier“. Das war für die Zeitung der ideale Mix, denn Eva Kaili (33) ist nicht nur Rebellin, sondern „Athens schönste Politikerin“, wie auf Seite 3 optisch in Gegenüberstellung mit dem knöchernen Ministerpräsidenten Giorgos Papandreou unschwer nachgewiesen wurde. Man kann dazu nur titeln: „Eksochos! Gelernt ist gelernt!“

Interessiert sich Puls 4 für Armin Wolf?

Dr. Media: Könnte sein. Armin Wolf, der stellvertretende Chefredakteur im ORF-Fernsehen und „ZiB 2“-Moderator, verstehe es in besonderer Weise, Interviews zu führen, indem er nämlich zuhöre und auf die Antworten repliziere, meint Puls-4-Geschäftsführer Markus Breitenecker. Im Gegensatz zu den meisten anderen, die bloß die vorbereiteten Fragen stellen, ohne auf den Interviewten besonders einzugehen. Wolf hat sich erfolglos um den Posten des Chefredakteurs beworben und nicht um den Vize. So was nagt an einem. Zumal er 2010 während einer neunmonatigen Bildungskarenz ein Executive-MBA-Studium an der Berlin School of Creative Leadership mit einer Arbeit über junge Publika und politische Information absolviert hatte. Und ob er mit der neuen ORF-Direktorin Kathi Zechner so gut kann, selbst wenn er privat auf Du und Du mit ihr sein sollte, wird sich auch noch weisen.

Warum sind für den VÖZ plötzlich Regierungsinserate „unverzichtbar“?

Dr. Media: Bis vor Kurzem war der Verband Österreichischer Zeitungen ein mutiger Kämpfer gegen jene Inserate von Ministerien, ostösterreichischen Rathäusern und deren Tochterbetrieben, die bestimmte schon todgeweihte Medien im Gegenzug für parteipolitische Unterstützung am Leben erhalten. Der VÖZ berechnete regelmäßig die wachsenden Summen, die dafür ausgegeben wurden. Er machte klar, dass allein die Bundesregierung die Inseratenaufträge in bestimmten Medien von einem Jahr aufs andere vervierfacht hat. Er verwies darauf, dass diese Praxis im zivilisierten Ausland auf totales Unverständnis stößt. Und jetzt plötzlich kratzt der wackere Verband die Kurve: Er wurde über Nacht zum Vorkämpfer für ein Weitergehen der Inseratenpraxis; die Regierung solle lediglich veröffentlichen, wer denn wie viel Inserate bekommen hat. Offenbar als Argumentationshilfe für Inseratenverkäufer. Kein Wort mehr davon, dass viele Inserate keinem echten Informationsbedürfnis dienen. Kein Wort davon, dass es in der normalen Wirtschaft längst genau geregelte Strukturen gibt, wie man Inserate zu schalten hat: nämlich über eine Mediaagentur, die alle Mediadaten kennt und die das investierte Werbebudget nach objektiven und nachprüfbaren Kriterien in die maximal möglichen Anzeigenkontakte verwandelt. Jeder Marketing-Chef, der anders vergibt, riskiert seinen Job. Offenbar spricht aus der Kursänderung des VÖZ das Bauchweh angesichts einer neuen Rezession, das alle moralischen Bedenken zu zerstreuen imstande ist. Aber was spricht eigentlich dagegen, statt plötzlich nach einem Weitergehen der für „notwendig“ erklärten Inseratenkorruption zu rufen, eine deutliche Erhöhung der in jeder Hinsicht transparenten, weil durch Gesetz geregelten Presseförderung zu verlangen? Diese ermöglicht null (partei)politischen Einfluss und fördert Vielfalt und Qualität.

Gibt es eine Sammelstelle für Ex-ORFler?

Dr. Media: Sehen wir uns das Team von MC Media Consult GmbH genauer an, besteht kein Zweifel. Die Agentur für „Radical Communication“ bietet Rundumversorgung von Mediencoaching bis Krisenkommunikation. Geschäftsführer Christian Moser, zuletzt Sendungsverantwor
tlicher der „Zeit im Bild“, schöpft seit der Gründung 2004 aus dem reichen ORF-Bestand. Von seinen 22 Mitarbeitern haben weitere zehn einen entsprechenden Hintergrund – macht mit Moser elf. Dabei sind: Erna Cuesta (Kulturredakteurin, Moderatorin; moderiert heute „Highlights – das Kulturmagazin“ bei ATV), Margit Czöppan (bis 2010 Leitung ORF/3Sat), Nikolaus Hanke (Ex-Bildmeister), Alexander Jäger (Ex-Redakteur „Thema“), Ingeborg Jakubuff (ehemals Chefin vom Dienst), Ute Köck (Ex-Redaktionsassistentin „Report“), Marie-Claire Messinger (heute noch für die Ö1-Clubsendung verantwortlich), Reinhard Penninger (bis 2009 Planer und Sendungsverantwortlicher „Zeit im Bild“), Stefan Pollach (Ex-Projektmanager ORF-Online). Attraktiver Neuzugang ist Franz Simbürger. Eben noch Leiter „Aktuelle Wissenschaft“, Sendungsverantwortlicher und Moderator von „Wissen aktuell“, steht Simbürger jetzt als Senior Coach zur Verfügung. Der MC-Web-Auftritt verrät: „Als eingespieltes Team mit den Wurzeln im Journalismus und in der Konzernkommunikation betrachten wir jede Situation aus Medien- und Unternehmenssicht.“ Zwar spielt auch Fachwissen aus u. a. Bahn, Bank und Mobilfunk mit, doch unschlagbar ist Media Consult, sollte Krisenkommunikation am Küniglberg gefragt sein. Wir sind gespannt, wer als nächster Coach zur Agentur stößt. Frei sind u. a. Alfons Haider, Peter Rapp, Elmar Oberhauser.

Erschienen in Ausgabe 12/202012 in der Rubrik „[Praxis]“ auf Seite 128 bis 129. © Alle Rechte vorbehalten. Der Inhalt dieser Seiten ist urheberrechtlich geschützt. Für Fragen zur Nutzung der Inhalte wenden Sie sich bitte direkt an die Redaktion.

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