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Special Kärnten

Stadt der Frauen

Von Peter Plaikner

Der ORF hat ab Anfang 2012 eine Landesdirektorin, die „Kleine Zeitung“ ab November 2012 eine Chefredakteurin. Karin Bernhard und Eva Weissenberger sind zwar der Gegenbeweis zur Gläsernen Decke für weibliche Karrieren im Journalismus, doch nur die Spitze eines Eisbergs im südlichsten Bundesland. Ausgerechnet in Kärnten, das von allen Bundesländern die geringste Frauenquote in der Landespolitik hat, dominieren Journalistinnen die politische Berichterstattung. Quer durch alle Medien und hinweg über jede Hierarchie.

Vor rund 600 Jahren erschien Christine de Pizans „Le Livre de la Cité des Dames“ – das Buch von der Stadt der Frauen. Vor mehr als 30 Jahren präsentierte Federico Fellini „La città delle donne“ – den Abgesang auf die Männlichkeit in der Stadt der Frauen. Bald ebenso lang kontrollieren in Klagenfurt insbesondere Journalistinnen die Politiker. Vom ORF bis zur „KTZ“, von der „Kleinen“ bis zur „Krone“ klopfen vor allem Mediendamen den Machtherren auf die Finger. Dazu mag die Polarisierung gegen Jörg Haider viel beigetragen haben. Doch seit dem Tod des Gottseibeiuns der österreichischen Innenpolitik hat sich der Trend in Klagenfurt nicht geändert, sondern noch verstärkt: Das demokratiepolitische Wechselspiel zwischen Exekutive/Legislative und vierter Gewalt erinnert mitunter an Geschlechterkampf. Solch direkte An- und Untergriffe aus der Politik kennt man aus anderen Bundesländern nicht. Entsprechend dick ist das Fell der nicht einzuschüchternden Journalistinnen.

Antonia Gössinger ist das bekannteste Beispiel für die Widerständigkeit vor allem gegen Haider und seine Epigonen. Erst bei der „Kärntner Volkszeitung“, schreibt sie seit 1983 in jener „Kleinen“ gegen Missstände an, deren stellvertretende Chefredakteurin sie seit 2010 ist: „Wir haben es hier mit Politikern zu tun, die einfach noch nicht gecheckt haben, was Gleichberechtigung bedeutet“, hält sie der herrschenden Generation ihrer Gegenüber den Spiegel vor und würzt in ihrer wöchentlichen Kolumne „Salz & Pfeffer“ die gesellschaftliche Auseinandersetzung an Drau und Glan. Dafür wurde sie unter anderem mit dem Kurt-Vorhofer-Preis ausgezeichnet und von Kurt Scheuch via OTS beschimpft: „Man muss für die Öffentlichkeit auch klarstellen, dass Frau Gössinger schon lange keine unabhängige Journalistin mehr ist, sondern sich nur hinter diesem Deckmäntelchen versteckt. Und aus der Position, die sie von einer ehemaligen unabhängigen Zeitung bekommen hat, ganz einfach versucht, Politik zu machen.“

Solch Angriffe des freiheitlichen Klubobmanns im Kärntner Landtag wirken mittlerweile aber fast wie ein Adelsschlag: „Journalismus dieser Qualität wäre sicher verzichtbar. Interessant wäre es auch noch zu erfragen, welches Gegengeschäft Frau Steiner für diesen Artikel erhalten hat“, ließ er über die Korrespondentin des „Standards“ verbreiten. Elisabeth Steiner berichtet seit 1994 für ihn über die Kärntner Ungereimtheiten nach Wien. Sie glaubt, „dass Politik-Journalistinnen in Kärnten unbestechlicher sind als ihre männlichen Kollegen. Außerdem werden sie nicht so leicht vom Hordentrieb erfasst wie Männer. Man hat das vor allem in der Haider-Ära beobachten können. Männliche Kollegen fielen leichter auf Haiders männerbündlerische Faszination herein und es gab auch etliche, die er sich aus den Medien in sein engeres politisches Umfeld hereingeholt hat.“

Waltraud Dengel dagegen sagt, ihr Verhältnis zur Politik „zeichnet sich dadurch aus, dass ich mit kaum einem oder einer der ProtagonistInnen per Du bin und dass sich Vertreter aller Parteien in schöner Regelmäßigkeit über mich beschweren“. Und das schon ziemlich lang. Denn ursprünglich bei ORF, „Kurier“ und für die „Salzburger Nachrichten“ in Tirol, schreibt sie bereits seit 1983 für die „Kärntner Krone“. Warum der Anteil der Politik-Journalistinnen hier so hoch ist? „Reiner Zufall, würde ich sagen. Ich habe mich seinerzeit gezielt um die Ressortleitung Politik beworben.“ Dass ihre „Opfer“ fast ausschließlich Männer sind, sieht Dengel weder als Vor- noch als Nachteil.

Da geht sie konform mit Claudia Grabner: „Es spielt keine wesentliche Rolle, dass unser politisches Gegenüber fast nur Männer sind. Es ist traurig, dass sich Frauen in Kärnten offensichtlich viel zu wenig politisch engagieren. Sie werden in den Männer-dominierten Parteien – außer bei den Grünen – auch nicht wirklich gefördert, außer um als weiblicher Alibi-Aufputz herzuhalten“, erklärt die stellvertretende Chefredakteurin der „Neuen Kärntner Tageszeitung“ („KTZ“), die dort seit 1997 den Politikbereich leitet und davor vier Jahre lang im Kultur-, Heimat- und Wirtschaftsressort „die Vielfalt des Journalisten-Seins kennen und lieben gelernt“ hat.

Noch länger in der „KTZ“ ist Michaela Geistler-Quendler, die dort 1988 als freie Mitarbeiterin begonnen hat – neben ihrem Studium der Deutschen Philologie und Medienkommunikation. Bis zum Abschluss als Magistra arbeitete sie auch für verschiedene Uni-Publikationen. Seit vielen Jahren Politik-Redakteurin, sieht sie die Männerdominanz der Mandatare gegenüber Journalistinnen „dann als Nachteil, wenn Politiker kein Bewusstsein über die Problematik nach wie vor bestehender Herrschaftsverhältnisse und Gender-Ungerechtigkeit mitbringen. Wer Frauen nicht auf gleicher Augenhöhe sieht, ist kein ernst zu nehmender Gesprächspartner. Das schlägt sich im Umgang mit allen gesellschaftlich relevanten Themen nieder.“

Etwas anders sieht das ihre Kollegin Daniela Gross, die seit 2006 in der „KTZ“ vor allem im Politikressort schreibt: „Ich habe bis jetzt weder einen Vor- noch einen Nachteil aus der Tatsache, Frau zu sein, gespürt.“ Doch sie übt sich in konkurrenzübergreifender kollegialer Solidarität: „Dass sich Medien und Politik brauchen, sieht man in Kärnten wohl sehr deutlich. Sehr auffällig sind die persönlichen Angriffe von Journalisten auf Pressekonferenzen, niveaulose angriffige OTS-Meldungen und besonders Kampagnen, die von den Freiheitlichen gegen Journalisten losgetreten werden. Ich denke da an geballte blaue Meldungen gegen die Antonia Gössinger oder Elisabeth Steiner.“

Das gilt auch für Andrea Bergmann von der „Kleinen“, die dort schon 1984 als freie Mitarbeiterin begonnen und nach einem vierjährigen Zwischenspiel bei der „Kärntner Kirchenzeitung“ seit 1993 Politikredakteurin bei Österreichs zweitgrößter Kaufzeitung ist: „Das Verhältnis zu Ressortkolleginnen wie -kollegen in anderen Medien ist außerordentlich gut. Sehr kollegial. Mit Ausnahme von Exklusivgeschichten tauscht man sich immer wieder aus. Keine Spur von Stutenbissigkeit!“ Ganz anders als das Verhältnis zu den Männern in der Politik: „Zutiefst betroffen gemacht hat mich eine persönliche Attacke von Landeshauptmann Dörfler während einer Pressekonferenz über das kinder-/familienfreundliche Kärnten, als er eine anwesende Abteilungsleiterin der Regierung und mich namentlich nannte und meinte: Wenn Frauen wie wir nur auf Karriere setzen und kinderlos sind, müsse man sich um die Zukunft Sorgen machen. Was selten vorkommt: Ich war so getroffen, dass ich sprachlos blieb.“

Entsprechend kritisch schildert Bergmann ihren Alltag mit der Politik: „Typisch ist der Versuch von – freiheitlichen – Politikern, Druck auszuüben: Wir haben den Aufruf an Funktionäre erlebt, keine Interviews zu geben und Abos abzubestellen. Wir kennen Hinweise bei Pressekonferenzen auf die Anzeigenabteilung und damit die bewusste Vermischung von Redaktion und Anzeigen. Ich kenne die – erfolglosen – Versuche, Kolleginnen untereinander auszuspielen.“

Zurückhaltender ist da Martina Steiner, die seit 1987 als Redakteurin für den Aktuellen Dienst des ORF-Landesstudios berichtet. Sie sieht dagegen auch auf der Medien-Seite negative Entwicklungen: „Die Politik hat jahrelang versucht, Medienleute zu vereinnahmen. Wenn das nicht gelungen ist, generell oder punktuell, dann hat es auch mal Druck gegeben, auch bei Live-Interviews. Ein Problem sind die Gratis-Medien, die auf Inserate angewiesen sind und entsprechend wenig Kritik in den Vordergru
nd stellen. Politiker werden dadurch verwöhnt und erwarten diese Haltung von allen Journalisten.“

Claudia Grabner hat eine „fantasievolle Eventualität“ als Erklärung für den weiblichen Überhang im Kärntner Politik-Journalismus: „Männliche Kollegen nehmen Möglichkeiten zum Karriereaufstieg überproportional häufiger an als die g’standenen Kärntnerinnen. Und Karriereaufstiege spielen sich nun einmal nicht in Kärnten, sondern vielmehr in Graz und Wien ab …“ Dafür gibt es allerdings von Anneliese Rohrer über Gabriele Waldner bis Cornelia Vospernik zahlreiche Gegenbeispiele, und Michaela Geistler-Quendler vermutet auch andere Ursachen: „In den Medien sind vielleicht generell geringere Schwellen zur Mitarbeit aufgebaut worden. Das konnten gut ausgebildete und von den bereits in der Redaktion verankerten Frauen massiv geförderte Journalistinnen für sich nutzen. Hinzu kommt, dass immer mehr junge Frauen über eine sehr gute Qualifikation verfügen, weil sie einschlägige Bildungsangebote im Vergleich zu Männern stärker nützen.“ Andrea Bergmann dagegen entdeckt da „keine tieferen Hintergründe. Zu meiner Startzeit als Journalistin sah ich mich als Frau bei Pressekonferenzen zumeist als, Quotenfrau‘, war vielfach die einzige. Jetzt gibt es, Quotenmänner‘.“

Medien-übergreifend uneinig sind sich die Kolleginnen auch im Pro und Contra Frauenquote. Die Gegnerinnen sagen: „Geschützte Werkstätten helfen den Frauen auch nicht weiter. Sie mindern höchstens die Leistungen der Einzelnen herab“ (Dengel). – „Würde sagen: Nein, vielleicht in den obersten Führungspositionen, wenn schon“ (M. Steiner). – „Bin gegen verpflichtende Quoten, mir geht es um Qualität in der politischen Arbeit. Frauen sollten aufgrund ihrer fachlichen Qualifikation punkten können, nicht aufgrund ihres Geschlechts“ (E. Steiner). – „Ich bleibe bei meiner Meinung: Die Qualität muss Vorrang haben“ (Bergmann). – „Bitte, nein! Der Bessere setze sich durch. Wird das wirklich beherzigt, müssten ohnehin wesentlich mehr Frauen zum Zug kommen“ (Grabner).

Etwas kleiner ist die Fraktion der Befürworterinnen: „Verpflichtende Frauenquoten machen Sinn, weil ohne Druck nichts weitergeht, zumindest nicht schnell genug. Frauen warten bereits seit mehr als 100 Jahren auf Gleichberechtigung in allen Bereichen. Noch ein Lebensalter hingehalten zu werden kann man wirklich den überproportional in der Bevölkerung vertretenen Frauen nicht zumuten“ (Geistler-Quendler). – „Ich glaube, es braucht Frauenquoten, damit Frauen überhaupt einmal in die jetzigen Männerriegen hineinkommen, damit sie eine Chance haben, sich zu bewähren. Ich finde es aber schade, dass man so etwas wie eine Frauenquote überhaupt in Erwägung ziehen muss, dass nicht automatisch Ausbildung, das Können und die Persönlichkeit Entscheidungen beeinflussen“ (Gross). – „Ohne verpflichtende Quoten werden wir in 50 Jahren noch dort sein, wo wir heute sind“ (Gössinger).

Wo das sein kann, zeigt Kärntens Landespolitik: Eine Landesrätin bei sieben Regierungsmitgliedern, acht weibliche und 28 männliche Mandatare im Landtag. Das wird zwar einerseits von Oberösterreich (1:8) und andererseits von Niederösterreich (10:46) und Burgenland (7:29) noch unterboten – aber dort jeweils durch den Gegenpart ein bisschen korrigiert. Im Mittelwert aus Exekutive und Legislative hat Kärnten die geringste Frauenquote aller österreichischen Landespolitiken. Die Politikjournalistinnen gleichen das aus.

Peter Plaikner

ist Medienberater, Politikanalyst und Publizist mit Standorten in Wien, Innsbruck und Klagenfurt.

pp@plaikner.at

Erschienen in Ausgabe 12/202012 in der Rubrik „Special Kärnten“ auf Seite 90 bis 93 Autor/en: Peter Plaikner. © Alle Rechte vorbehalten. Der Inhalt dieser Seiten ist urheberrechtlich geschützt. Für Fragen zur Nutzung der Inhalte wenden Sie sich bitte direkt an die Redaktion.

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