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Beruf und Medien

Unterhaltung mit Haltung

Von Elisabeth Horvath

Ein Auszug aus der umfangreichen Liste von Problemen, deren Lösungen von Kathrin Zechner, ORF-Direktorin für Information und Programm, erwartet werden.

Qualität kostet, heißt es allerorten. Ob das so stimmt, das ist die Frage. Vielleicht würden gute Leute, die derzeit irgendwo dahinschlummern, gar nicht so viel an Honorar verlangen, wenn sie nur zum Zug kämen. Denn heute ist es im ORF – vor allem in der Unterhaltung – ja so, dass vorwiegend Prominente Aufträge bekommen. Doch Prominenz muß noch lange nicht ident sein mit Qualität.

Kathrin Zechner jedenfalls, die neue ORF-Direktorin für Information und Programm ab 1. Jänner, wird sich zuvörderst mit der zentralen Fragestellung beschäftigen müssen, „Was ist der Bewegungsspielraum auf der finanziellen Seite?“, so der Kommunikationswissenschafter Fritz Hausjell. Insbesondere was ORF eins angeht. Denn dort erscheint der Reformbedarf am größten. Immerhin wird seit Jahren schon von Kennern der Szene sowie von den Privat-TV-Machern kritisiert, dass das Programm kaum öffentlich-rechtlichen Bedingungen entspricht. O-Ton Markus Breitenecker, Geschäftsführer von Puls 4: „Das ORF-Gesetz schreibt vor, dass Unterhaltung, Information, Bildung und Kultur in einem angemessenen Verhältnis zueinander stehen müssen. Und das ist in Summe bei ORF eins und ORF 2 nicht der Fall.“

Deshalb hat der Verband der österreichischen Privatsender vor einiger Zeit denn auch eine Beschwerde bei der Medienbehörde, der KommAustria, eingebracht, nämlich dahingehend, dass „der öffentlich-rechtliche ORF als Gegenleistung für die staatlichen Beihilfen den gesetzlich verankerten Programmauftrag voll zu erfüllen hat und sich nicht überwiegend auf den Bereich Unterhaltung konzentrieren darf, wo zusätzlich ein Wettbewerb mit Privat-TV-Sendern stattfindet“ (Breitenecker).

Wann entspricht denn Unterhaltung öffentlich-rechtlichen Kriterien? Das Programm muss jedenfalls die Diversität der Gesellschaft spiegeln, also die Vielfalt in Bezug auf Alter, Beruf, Geschlecht, Herkunft, Arm-Reich, Minderheiten, ethnische Herkunft etc. In den Eigenproduktionen „sollen sich sowohl die bestehenden als auch die sich entwickelnden Haltungen, Wertungen, Strömungen in der österreichischen Gesellschaft niederschlagen. Detto im gesellschaftspolitischen Bereich, in Musikdarbietungen, im Talente-Casting. Dies alles entsprechend ethischer Standards“, erklärt Hausjell. Also: „Unterhaltung mit Haltung“, wie der Branchenbegriff lautet.

Das alles kostet zumeist mehr Geld als die Unterhaltung im Privatfernsehen. Ausnahmen sind jene Privatsender, die sich auf Exzellentes spezialisieren. Aber generell ist Unterhaltung vor allem danach ausgerichtet, verstärkt jene Zielgruppen zu erreichen, auf die die Werbung ausgerichtet ist. Schließlich finanzieren sich die Privaten davon. Gut möglich deshalb, dass dieses auch mit ein Grund ist, warum der ORF in dieser Hinsicht eher ein gemischtes – um es vorsichtig zu formulieren – Programm bringt. Bestätigen on the record tut das natürlich niemand im ORF. Und ein „Novum“ seit den 80er- und 90er-Jahren des vorigen Jahrhunderts sei es auch nicht, sagt der Kommunikationswissenschafter. „Im Vergleich zu früher hat das nicht wirklich zugenommen. Auch unter Gerd Bacher gab es sehr viel Kaufware aus Amerika.“

Sorge bereitet Hausjell überdies, dass die Printmedien die Forderung der privaten Fernsehanstalten nach einem werbungsfreien ORF „relativ stark mittragen“. Als Grund vermutet er die Interessenslage einiger Zeitungen. Und in der Tat: Immerhin sind der Styria-Verlag, „Kurier“ und „Krone“ ebenfalls im Privat-TV-Geschäft. Der Wissenschafter: „Sie sind mitverbandelt, reflektieren es aber nicht.“

So wie es jetzt aussieht, werden die ORF-Gebühren Mitte 2012 um 7 Prozent angehoben. Alexander Wrabetz und Finanzdirektor Richard Grasl nennen es Valorisierung und begründen es mit dem neuen ORF-Gesetz. Dieses schreibe nämlich vor, dass zur Berechnung der Gebühren nicht mehr wie früher die Inflationsentwicklung der Vergangenheit heranzuziehen ist, sondern jene der Zukunft. Viele Zeitungen indes schreiben von „Erhöhung“. „Österreich“ formuliert gar „So teuer wird Fernsehen“. Oder der „Kurier“: „Fernsehen teurer. Die ORF-Gebühren steigen.“

Eine Wortwahl, die Hausjell ebenso missfällt und hinter der er ebenfalls Eigeninteressen wittert: „Die Printmedien bezeichnen jede Anpassung als Erhöhung und machen gleich eine Schlagzeile daraus. Haben die schon einmal eine Umfrage gemacht, ob ihre Abonnenten mit deren Erhöhungen einverstanden sind? Beide Medien, ORF und Print, finanzieren sich auf dem Werbemarkt. Die einen ohne, der andere mit Limit.“

Josef Kirchberger wiederum, Geschäftsführer von Art for Art, ORF-Publikumsrat und von diesem entsandter ORF-Stiftungsrat, führt Klage darüber, dass ORF III, der neue Spartensender, der letztlich ebenfalls unter Zechners Oberhoheit stehen wird, überhaupt nicht beworben werden darf. Nicht einmal in den ORF-eigenen Kanälen: „Man zwingt den Sender zur Anonymität.“ Und Hausjell sekundiert: „Das sind medienpolitische Entscheidungen, die in einem Umfeld fallen, in dem sehr viel Lobbying gemacht wird.“

Angesichts dessen, dass der ORF allein schon aufgrund des wachsenden Konkurrenzdrucks seitens des Privat-TVs und der Digitalisierung generell an Quote verliert (im November waren es 1,5 Prozent, Status ist 35,2 Prozent), sei bereits das „Halten des Status quo“ eine große Herausforderung für die neue Direktorin, so Kirchberger. Dazu kommt, dass Zechner erstmals für alles zuständig ist: Information. Unterhaltung, künstlerische Schiene, Sport, „eine komplexe Aufgabe also“.

Um der Konkurrenz etwas in den Morgenstunden entgegenzusetzen, plädiert der Stiftungsrat für ein Frühstücks-TV. Dieses ist zwar ohnedies seit Längerem nicht nur angedacht, es gibt auch schon vage Berechnungen. Denen zufolge allerdings sei die Frühstücks-Leiste extrem teuer. So jedenfalls Insider, die bezweifeln, dass das kommt. Im Gegensatz zu einem Ausbau des Wetterprogramms. Da sind sie ziemlich sicher, immerhin hat das Bedeutung für die Tourismus-Werbung.

Mit Blick auf ORF eins geht es insbesondere um das Programm für die Jungen. Denn um diese Zielgruppe werben alle Mitbieter. Und da speziell „hinkt die Quote etwas nach“, formuliert Kirchberger zurückhaltend. So etwa könne man „Dancing Stars“ nur noch ein Mal so bringen, danach müsse man sich etwas Neues ausdenken. Wobei es in Europa bereits so viel Neues gebe, dass es schwer sein werde, was noch mal Neues zu finden.

Was hingegen die Kabarettstrecke angeht, sieht Fritz Hausjell den ORF im Vergleich zu Deutschland „sehr gut aufgestellt“. Es sei ein „sauberkritisches Satireprogramm“. Dabei stören ihn allfällige derbe Untergriffe oder fäkalsprachliche Ausfälle der Kabarettisten nicht wirklich. Hausjell: „Man muss die Grenzen ausprobieren.“

Ziemlich unumstritten sind die „ZiB Flashes“ und die „ZiB“ um 20 Uhr auf ORF eins, die ebenfalls auf die junge Altersgruppe zielen. Ebenfalls kaum in Diskussion stehen die Nachrichtensendungen auf ORF 2. Was jedoch die Diskussionsforen auf diesem Sender angeht, da erscheint es manchmal bloß Zufall, wenn eine solche Sendung als gelungen beurteilt wird. Besonders der „Club II“, einst ein Parade- und Vorzeigestück des ORF – nicht nur im deutschsprachigen Raum –, ist heute „ein wenig ins Hintertreffen geraten. Das lässt uns heute ein bissl alt aussehen“, gibt auch Josef Kirchberger zu.

Dabei garantiert schon allein die Tatsache, dass man bei der Personenauswahl für politische Diskussionen beispielsweise stets Repräsentanten aller im Parlament vertretenen Parteien einlädt, Fadesse und bloßes Wortgeklüngel. Ob das wirklich das ORF-Gesetz so vorschreibt, wie ORF-Akteure behau
pten?

Vielleicht fällt Kathrin Zechner auch da etwas anderes ein. Fantasie hat sie ja, eine gesunde Portion Ehrgeiz auch, und klug ist sie außerdem. Dies attestiert ihr jedenfalls Fritz Hausjell: „Je höher man die Erwartungshaltung schraubt, desto tiefer kann man fallen. Daher hat Kathi Zechner so gut wie nichts angekündigt. Sehr klug.“

Elisabeth Horvath

ist freie Journalistin in Wien.

elihorvath@aon.at

Erschienen in Ausgabe 12/202012 in der Rubrik „Beruf und Medien“ auf Seite 62 bis 63 Autor/en: Elisabeth Horvath. © Alle Rechte vorbehalten. Der Inhalt dieser Seiten ist urheberrechtlich geschützt. Für Fragen zur Nutzung der Inhalte wenden Sie sich bitte direkt an die Redaktion.

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