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Walter und der Bleistiftmord

Von Kurt Tozzer

2 Eine braune Wohnungstür mit der Nummer 10 und die graue Fassade eines Gemeindebaus in Wien – die Bilder davon wurden einige Sekunden lang im Fernsehen gezeigt. Genügt das und die Erwähnung des Vornamens Walter, dass nun „ein größerer Personenkreis“ weiß, wer hinter dieser braunen Tür lebt? Nun ist Herr Walter wirklich kein Durchschnitts-Walter. Er ist Teil der jüngeren österreichischen Kriminalgeschichte.

Im März 1973 wird der damals 30-Jährige unter dem Verdacht, in Wiener Neustadt die elfjährige Schülerin Gabriele durch mehrere Stiche mit einem Bleistift ermordet zu haben, verhaftet. Er gibt zwar zu, zur fraglichen Zeit am Tatort Akademiepark gewesen zu sein, die bestialische Tat aber leugnet Walter vehement.

Ein paar Tage später verhaftete die Polizei einen anderen Mann mit dem Vornamen Herbert: Er hatte Blutspuren an seinen Hosen und zu einem Arzt davon gesprochen, dass er „etwas angestellt“ habe.

Walter wird enthaftet, Herbert wegen Mordes angeklagt. Die Geschworenen sprechen ihn jedoch Anfang 1975 einstimmig frei. Der Mord an Gabriele bleibt ungeklärt.

Ende der 80er-Jahre werden in Wien-Favoriten zwei Mädchen und eine junge Frau ermordet. Täter wird keiner gefunden – zehn Jahre nach den Morden rollt die frustrierte Polizei die Fälle wieder auf, vielleicht helfen neue Möglichkeiten der Kriminalistik weiter?

Die Polizei verhört 1999 auch jene zwei Männer, die 1973 im Zusammenhang mit dem Mädchenmord im Wiener Neustädter Akademiepark in Verdacht geraten waren, Herbert und Walter. Nahm Speichelproben für die gerade erst eingeführte DNA-Untersuchung. Und im alten Akt Herberts fand man auch ein Haar, es musste etwas mit dem Mord an Gabriele zu tun haben.

Die Polizei frohlockte: Das Haar stammte aufgrund der DNA-Probe von Walter, er wurde neuerlich unter Mordverdacht verhaftet. Die Favoritner Täter, nach denen man ja gesucht hat, wurden zwar nicht gefunden, dafür aber offenkundig der Mörder von Gabriele.

Doch dann die neuerliche Enttäuschung: aus dem Akt ging nicht hervor, ob man das Haar an der Leiche Gabrieles gefunden hatte – was ein Indiz für Walters Täterschaft gewesen wäre – oder ob es seinerzeit Walter zu Vergleichszwecken erst von der Polizei entnommen worden war.

Auf Grund dieser Unklarheiten wurde Walter 1999 nach vier Monaten Untersuchungshaft enthaftet – das Mordverfahren eingestellt.

Der ORF berichtete dann aber Jahre später in der „ZiB 2“ über die Problematik von DNA-Untersuchungen und erwähnte auch Walters Fall. Im Bericht wurde die graue Fassade des Gemeindebaus gezeigt, in dem er wohnt, und die braune Wohnungstür.

Eine Verlegenheits-Illustration, denn über Wert oder Unwert der DNA-Tests sagt sie nichts aus, für Walter brachten sie jedoch Unbill, wie er in einer Medienklage gegen den ORF erwähnte. Bekannte hätten ihn nach der Sendung gemieden, auch seine Verwandten wurden nicht mehr gegrüßt.

Das Zivilgericht meinte, die Angaben im Film genügten nicht, um die Anonymität Walters zu brechen, das Oberlandesgericht war anderer Ansicht. Über die Verfahren im Zusammenhang mit den Morden darf der ORF künftig nur berichten, ohne die graue Fassade und die braune Tür zu zeigen, schließlich haben derartige Bilder auch keinerlei Informationswert. Für viele Menschen aber wurde durch den ORF-Bericht klar, dass der bisher unauffällige ältere Herr seit Jahrzehnten immer wieder mit Mordfällen in Verbindung gebracht wird. Obwohl in dem Beitrag Walter ja als „Opfer“ fehlinterpretierter Beweise dargestellt wurde.

Einen endgültigen Schlussstrich unter den medialen Aspekt des Falles Walter hat nun der Oberste Gerichtshof gezogen – es bleibt dabei, der ORF muss die braune Wohnungstür vergessen. Und Walter die Prozesskosten in der Höhe von 1.327,68 Euro ersetzen.

Erschienen in Ausgabe 12/202012 in der Rubrik „Rubriken“ auf Seite 16 bis 16 Autor/en: Kurt Tozzer. © Alle Rechte vorbehalten. Der Inhalt dieser Seiten ist urheberrechtlich geschützt. Für Fragen zur Nutzung der Inhalte wenden Sie sich bitte direkt an die Redaktion.

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