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Praxis

Auf der Suche nach dem verlorenen Gedächtnis

Von Freddie Kräftner

Wie leben, wenn das Hirn nicht mehr so spielt wie früher?

Begräbnis von ORF-Legende Ernst Wolfram Marboe in Perchtoldsdorf bei Wien. Eine schöne Leich, wie man in Wien zu sagen pflegt. Er hätte seine Freude daran gehabt. Volles Haus für einen, der aus dem Theater kommt, wunderbares Publikum. Perfekt inszeniert. Ich habe EWM lange beruflich begleitet. Ein halbseitiges Interview mit ihm im „Spectrum“ der damals noch großformatigen „Presse“ unter dem Titel „Die Unappetitlichkeiten nehmen letzter Zeit immens zu“ bot Langzeit-General Gerd Bacher Anlass, den ihm schon lange Unbequemen vom ORF-Kuratorium (heute Stiftungsrat) abwählen zu lassen. Ein in der Geschichte des Küniglbergs bis heute beispielloser Vorgang. Daran kann ich mich noch genau erinnern. Das Gespräch war ein langes, sehr langes Telefonat bis halb zwei in der Früh. Den Titel weiß ich aus dem Gedächtnis, da brauche ich kein Archiv zu bemühen. Mit wem ich bei Marboes Beisetzung am 30. Jänner gesprochen habe, weiß ich Tage später nicht mehr.

Was ich heute Mittag gegessen habe, weiß ich nur unter Beiziehung meines Kalenders (gefüllte Paprika steht dort, so das jemand interessiert).

Ich habe nämlich zwei Kalender. Den „normalen“ für die kommenden Tage und Wochen wie wohl jeder – und den „aktuellen“, quasi ein Tagebuch in Steno-Form.

Ich brauch das. Ich bin nämlich krank – frontalbetonte Hirnatrophie. Eine irreversible Zerstörung jener Hirnregion, die für das Gedächtnis zuständig ist. Prominentester Patient der mittleren Vergangenheit: Harald Juhnke. Auslöser jahrzehntelanger chronischer Alkoholmissbrauch. Der erkannte im Endzustand nicht mal Kollegen, mit denen er jahrelang Bühnen- und Fernseherfolge gefeiert hat. Seine Frau Susanne hat dies in grandioser Form beschrieben (Titel: „In guten wie in schlechten Zeiten“, aufgezeichnet von der langjährigen „Bunte“-Chefredakteurin Beate Wedekind). Ich durfte Susanne, eine tolle Frau, die für ihren Mann ihre Karriere geopfert hatte, kennenlernen; bei der legendären „Musikantenstadl“-Ausgabe aus dem Kohlenpott Cottbus in der damaligen DDR. Eine Sendung, die Fernsehgeschichte geschrieben hat, weil es bis dahin keine gemeinsame Ost-West-Unterhaltungsshow gegeben hatte. Auch so ein Meilenstein in Marboes Fernsehgeschichte. „Wir Österreicher“ haben das geschafft.

So schlimm wie Juhnke selig geht es mir nicht: Die alten Weg- und Kampfgefährten sind mir ein Begriff: meine ersten Radiochefs Rainer Rosenberg und Hubert Gaisbauer, Ex-„Club 2“-Chef Peter Huemer, bei dem ich lernte, wie wichtig ein gutes Telefonverzeichnis ist (damals gab es keine Mails), „News“-Gründer Wolfgang Fellner und sein kongenialer Partner Werner Schima (heute beide „Österreich“). Sie sind mir ein Begriff, würde sie erkennen – das konnte Juhnke mit seinen Weggefährten schon lang nicht vor dem Ende seiner Tage. Gesehen habe ich alle Genannten zuletzt vor Jahren. Mit Ausnahme Empathie-Talent Werner, der mich kürzlich besuchte. „In guten wie in schlechten Zeiten“ – das hat er so nicht gesagt, aber gemeint.

Wie lebt es sich mit Löchern im Hirn? Leicht und schwer. Leicht, weil Ärger sich in Luft auflöst (und sich hoffentlich nicht auf den Magen schlägt); schwer, weil ein Leben ohne Kurzzeit-Gedächtnis kein wirkliches Leben ist. Ja, da war doch was heute? Und weil du panisch bist, dauernd was zu vergessen. Kaum aus dem Haus die Frage: Ist die Herdplatte abgedreht?

Viele in unserer Branche trinken einfach zu viel. Das ist auch der Grund, warum unser Berufsstand in quasi jeder Statistik gleich hinter oder vor den Chirurgen steht. Letztere, wenn abhängig geworden, brauchen eine ruhige Hand und keinen Tremor im OP; wir glauben, uns einen ruhigen Kopf antrinken zu müssen. Bis zu einem gewissen Punkt funktioniert das auch. Darin liegt ja der Hund begraben. Politiker sind heute relativ abstinent. Die Zeiten, als Trinken noch als Volksverbundenheit gegolten hat, sind vorbei (Marboe-Onkel Leopold Figl, der den trinkfesten Russen den Staatsvertrag abgetrunken haben soll, wurden übrigens die Gläser dezent von einem Lakaien entsorgt). Es gibt – zum Glück – einen Paradigmenwechsel. Fahne nach einem Mittagessen („Tolle Exklusiv-Info, Aufmacher-tauglich“) wird vielleicht noch mal schnell mit Schulterklopfen belohnt, im Gedächtnis des Chefs von heute ist es gespeichert. Nicht karrierefördernd. Manch erfolgreicher Chef ist übrigens so gut wie abstinent, oder kennt sich nicht aus. Wie der liebe Wolfgang Fellner, der für mich seinerzeit – wir planten damals am Attersee das „News“ – ein Achterl Veltliner Riesling bestellte.

Es ist keine Schande, Hilfe zu suchen. Man muss ja wirklich nicht gleich zu den Anonymen Alkoholikern pilgern. Die gelten in der aufgeklärten Branche als Sekte. War dort, kann das bezeugen. Lustfeindliche, geknechtete Frauen und Herren. Nur einmal dort. Eine elende Truppe, die von nichts anderem redet, als dass sie nichts trinkt. Das ist ihr Credo. Sonst haben sie absolut nichts zu sagen. Die mit Abstand fadeste Gesellschaft meines Lebens. Mit bisserl Rückfallgefahr landest du nach dem zweiten Treffen beim schlechtesten Wirt ums Eck. Und mit viel Kopfweh auf am nächsten Tag. Manche schwören auf das Anton Proksch Institut. Und begründen das damit, dass sie schon drei (oder mehr!) Besuche hinter sich hätten. Sie fahren halt dorthin, statt auf Urlaub. Wem es in urlangweiligen Gruppen – ich weiß, wovon ich schreibe – besser gefällt als am Strand oder in den Bergen: Na gut, ist ja sein Leben. Und er tut was für seine Gesundheit.

Wirklich: Die Leber ist nämlich ein Hund. Was sie verträgt, geht auf keine Kuhhaut. Sie erholt sich erstaunlich rasch. Rascher als jedes andere Organ. Außer sie ist zur Zirrhose zersoffen worden. Und dann gibt es immer noch last exit: Transplantation. Ziemlich unangenehme Sache der Fachliteratur nach. Beim Gehirn ist es anders. Rest-Teile können durch Training fit gehalten werden, mehr nicht: Abgestorbenes wächst nicht nach, Transplantation natürlich ausgeschlossen. Weiteres Medizinische ist für interessierte Laien leicht zu googeln. Alkohol schädigt nämlich nicht nur Leber und Hirn.

Wie sieht mein Leben jetzt aus, wird vielleicht einer fragen? Ich beziehe eine Mini-Invalidenpension. Die reicht für Einkäufe des täglichen Bedarfs. Und so einmal im Quartal für dringende Anschaffungen. Wie ordentliche neue Schuhe fürs Marboe-Begräbnis.

Damit mir nicht fad ist, helfe ich in einer Pfarrkanzlei aus. Kirchenasyl für geistig Arme sozusagen. Unentgeltlich. Als Goodie gab es im Oktober die erste Reise seit Jahren: eine Bus-Pilgerreise in den Marien-Wallfahrtsort Medjugorje. Die hat meinem Hirn zwar nicht geholfen 🙂 – aber schön war es trotzdem. Und wie. Und wenn der Artikel gefällt, kommen vielleicht wieder Aufträge und mein Sachwalter spendiert vom Honorar eine Thalia-Gutschein-Scheckkarte. Die mir von meiner Ex-Frau (Scheidung ist zu 99 Prozent krankheitsfolge, außer man hat eine Masochistin gefunden) zu Weihnachten geschenkte hat nur mehr einen Saldo von 7,46 Euro. Bücher sollen gut sein fürs Hirn.

Aber ich könnte ja die alten nehmen, ich vergesse sowieso, was ich letzte Woche gelesen habe. Das wäre ja vielleicht gar nicht zynisch. Nett ist es nicht.

PS: Es ist Zeit, Dank zu sagen. Ich danke Conny Bischofberger für Empathie und Allzeit-Telefonbereitschaft in nicht leichten Zeiten, für das „Jour fixe“-Abendessen am Wochenende und dass sie meinem Kater Ägidius ein neues Heim gegeben hat, ich war ja lange im Wiener OWS-Spital. Ich danke jenen, die mich dort so wunderbar betreut haben, besonders Schwester Conny. Ihr Lachen war die beste Therapie für einen, der wenig zu lachen hatte. Ich danke jenen, die mich dort regelmäßig besucht haben, danke Andrea, danke Claudia. Ich danke meinen jetzigen Heimhilfen, allen voran Perle Jelena. Ich danke Wolfg
ang Kräutler, der mich nun besachwaltert, aber nicht bevormundet. Ich danke Pater Florian und seinen Mitbrüdern in St. Rochus. Ich danke „Journalist“-Herausgeber Hans Oberauer für die mit der ihm gegebenen Beharrlichkeit vorgetragenen Aufforderung, endlich wieder was zu schreiben. Ob das eine gute Idee war, möge der p. t. Leser beurteilen. Ich danke Georg Taitl. Ich danke meinen Eltern und meinen Brüdern. Ich danke allen wenigen anderen, die mich nicht vergessen haben, die aber ich jetzt vielleicht vergessen habe. Viele werden es nicht sein. Last, but not least danke ich meiner nun leider Ex-Frau Eveline und unserer Tochter Anna-Sophie. Sie wissen wofür.

Freddie Kräftner ist freier Journalist in Wien.

freddie.kraeftner@aon.at

Erschienen in Ausgabe 02+03/202012 in der Rubrik „Praxis“ auf Seite 94 bis 95 Autor/en: Freddie Kräftner. © Alle Rechte vorbehalten. Der Inhalt dieser Seiten ist urheberrechtlich geschützt. Für Fragen zur Nutzung der Inhalte wenden Sie sich bitte direkt an die Redaktion.

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