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Praxis

Die Öko-Schreiber

Von Sophia-Therese Fielhauer-Resei

Drei Journalisten bieten Fauna und Flora reichlich Platz zur natürlichen Entfaltung.Das idyllische Landleben ist medial auf dem Vormarsch.

Tröten, Zwitschern, Meckern. Animalisches Klangspektrum von Montag bis Freitag fünf vor neun auf Ö1 – Auftakt zu „Vom Leben der Natur“. Renate Pliem, 47, ist Radiomacherin, Umweltjournalistin, Beitragsgestalterin und Producerin der Sendereihe, die 1993 erstmals zu hören war. „Den Naturbegriff nimmt man sehr stark aus der Kindheit mit. Wir hatten ein kleines Sommerhaus aus Holz, haben dort die Ferien verbracht, am Bach gespielt und Fische gerettet“, erzählt Pliem. Die Mutter einer 17-jährigen Tochter lebt heute in einer Wohnung in Wien Neubau mit Blick in einen kleinen, aber idyllischen Hinterhofgarten. „Seit ich für die Sendung arbeite, bin ich erst wieder drauf gekommen, was es für tolle Sachen in der Natur gibt.“ Viel vom „unmittelbaren Zugang zur Natur ist bei den Menschen verloren gegangen“, doch: „Mit unseren Beiträgen sollen die Leute angeregt werden, diese Schönheit wieder wahrzunehmen.“ Themen wiederholen sich nicht, denn „das Wichtige ist, immer neue Ansätze und Blickwinkel zu finden. Wir bemühen uns, so oft wie möglich im Freien aufzunehmen.“ Keine bloße Idylle: Wenn alle drei Minuten ein Flugzeug über den Wald hinwegdonnert, müssen Pliem und die anderen Beitragsgestalter den Schnitt bemühen: „Das lenkt die Hörer sonst einfach ab.“ In einer Bärenhöhle im Toten Gebirge hingegen war es ungewöhnlich ruhig – das Interview mit dem Experten fand im Stockdunkeln und in aller Stille statt. Gemeinsam mit dem Fotografen Lukas Beck hat Renate Pliem ein Jahr lang das Leben im Tiergarten Schönbrunn begleitet, 2011 erschien das Buch „Leben im Zoo“ (Echomedia-Verlag). „Mir ist wichtig, dass Österreich oft im Vordergrund steht – nach unserer Sendung über Totholz kann jeder rausgehen und sich das ansehen, während nicht so viele Menschen in die Savanne kommen.“ Eine der Sendungen, die am meisten Echo hervorgerufen hat, thematisierte die Singstimmen von heimischen Vögeln. „Die Tiersendungen werden gut aufgenommen, aber ich bemühe mich sehr, auch Pflanzen und Lebensräume zu präsentieren. Aber es geht nicht nur um Idyllisches, denn auch Themen wie Klimawandel, Lebensraumzerstörung und Artenschwund werden behandelt.“ Unscheinbar und fantastisch: „Wenn wir einen Kieselstein im Bachbett anschauen, der Millionen Jahre alt ist und ewig verfrachtet wurde, macht man sich das nicht bewusst. Ein Tier kann ja auch nicht isoliert betrachtet werden, es ist von anderen Tieren und Pflanzen abhängig. Dass man die Kreisläufe aufzeigt, das ist mir sehr wichtig.“ Dass Spielplätze „nur noch eingegrenzte, gemachte Natur“ sind und „die Landschaft oft nur vom Auto aus betrachtet wird“, findet Renate Pliem schade. „Wertfrei gesagt, erlebe ich auch bei den Erwachsenen, dass sie die Natur am Wochenende konsumieren. Wir gehen davon aus, dass die Natur für uns gemacht wird, so ist es aber nicht.“

Krone der Schöpfung

„Vom Öko-Paradies zur Müll-Hölle …“, eine Geschichte über „die globale Verseuchung der Schöpfung“ kürzlich in der „Krone Bunt“ gefolgt von der Sonntags-Reportage „EU muss Qualen der Hühner stoppen!“ in der Blattmitte. Kommenden April werden es 26 Jahre, die Mark Perry bei der „Kronen Zeitung“ arbeitet. Geboren 1961 nahe dem Sherwood Forest in Nottinghamshire, ist der Engländer Perry in seiner Kindheit nach Lilienfeld übersiedelt. Die Mutter stammt aus dem Waldviertel, der Vater ist Engländer – beide lernten sich über eine Brieffreundschaft kennen und sind noch heute ein Paar. Inzwischen lebt Mark Perry in Obergrafendorf im niederösterreichischen Pielachtal, pendelt jeden Tag mit dem Auto in die Wiener Muthgasse: „Ich wäre auch lieber mit der Bahn unterwegs, aber das ist in dem Beruf nicht möglich. Ich gestehe aber, das Auto ist mein Schwachpunkt.“ Seine ersten journalistischen Erfahrungen sammelte Perry in der „NÖN“, schrieb dort den „Spaziergänger“ und „war mit meinen Grüngedanken ein Exot“. Bereits in jüngsten Jahren hat sich der Journalist für Fauna und Flora eingesetzt: „Als Kind habe ich gegen Schildkrötensuppe in einem heimischen Gasthaus agitiert und Unterschriften gesammelt.“ Bei der Besetzung der Hainburger Au, 1984, war Mark Perry aus freien Stücken dienstlich unterwegs: „Die ‚NÖN‘ hat mich zwar gewähren lassen, mich aber kritisch beäugt.“ Harald Pearson, ebenso aus England, holte den Kollegen und Landsmann zur „Krone“. Der Vater von drei Söhnen – 15, 18 und 21 Jahre alt – ist, „was den Schöpfungsgedanken betrifft, in jeder Hinsicht radikal. Ich bin auch sehr gläubig und wieder in die Kirche eingetreten, bei einem Franziskaner.“ Die Söhne denken ähnlich, der jüngste wollte sich wegen eines Straßenbaus anketten. Mark Perry, auch passionierter Fliegenfischer, gewinnt mit Worten: „Ich habe für meine Ideale gekämpft, sei es Biolandbau, Schutz von Brachflächen oder Tierschutz. Den Kulturclash sehe ich aktuell etwa in Gföhl im Waldviertel, da gibt es erbitterten Widerstand gegen die geplante buddhistische Stupa. Kraft meiner humanistischen Erziehung bin ich freilich aufseiten der Buddhisten.“ Obwohl am Land aufgewachsen, musste der Journalist „auch meine Kämpfe mit der Landbevölkerung ausfechten, doch Engländer können sich recht viel erlauben. In Österreich kommt man schnell an seine Grenzen.“ Dass die Städter das Land bereichern, ist sich Perry gewiss: „Viele alte Bauernhäuser und Kulturgüter wurden gerettet, weil Wiener, Schrifsteller und Künstler aufs Land gezogen sind.“ Gewissheit hat Mark Perry auch über die Rolle von Hans Dichand: „Bei der Biolandwirtschaft, Aulandschaft, gegen Atomkraft und Gentechnik hat Hans Dichand schon Pionierarbeit geleistet – da ist die ‚Krone‘ eine Speerspitze. Die Rettung der Meere etwa, als die Grünen noch eine Sekte waren, wurde von der ‚Krone‘ multipliziert. Ich weiß aus vielen Gesprächen mit Dichand, dass ihm die Schöpfung an sich ein großes Anliegen war.“

Ein junger Stadtwald

In der Leopoldstädter Hollandstraße sprießt und gedeiht es unter Herausgeber Markus Huber, 37 – von 1993 bis 2000 in der Innenpolitik des „Profils“, drei Jahre in Berlin für den „Tagesspiegel“ und das Magazin „Max“ tätig. Gemeinsam mit Robert Treichler – er und Martin Staudinger sind die neuen Außenpolitik-Ressortchefs im „Profil“ – und dem Grafiker Martin Weiss, Art-Direktor der „ORF-Nachlese“, brachte Huber 2004 das Kulturmagazin „Fleisch“ auf den Markt. Erst ein „reines Nebenprodukt, das nach Dienstschluss“, ohne Förderungen und Investor, kaum finanziellen Mitteln und wenigen Anzeigen produziert wurde, wuchs sich „Fleisch“ ab 2006 zum gut konsumierten Braten aus. Inklusive Huber arbeiten heute fünf Leute fest in der Redaktion, dazu kommen zwei externe Anzeigenleute und zwei Grafiker. „Mir war klar, dass zu ‚Fleisch‘ etwas dazukommen muss, denn vier Ausgaben pro Jahr sind für die Fixkosten zu wenig.“ Am 25. März 2011 gesellte sich „Wald“ mit ebenfalls vier Ausgaben pro Jahr zum Verlag. Anstatt „Woodstock“, das Kundenmagazin der Österreichischen Bundesforste (ÖBf), einem Relaunch zu unterziehen, wurde es vom Markt genommen und damit Platz für das neue „urbane Outdoor-Magazin“ geschaffen. Die ÖBf erstatten einen Druckkostenbeitrag, übernehmen 15.000 Hefte für ihre Kunden, an zwei bis drei Redaktionssitzungen nimmt die ÖBf-Öffentlichkeitsarbeit teil. „In jeder Ausgabe präsentieren wir eine Wanderung, die im Gebiet der Bundesforste stattfindet und von einem Naturraum
manager begleitet wird“, erklärt Herausgeber Huber. Dazu nehmen in rund zwei Drittel des Magazins Experten des ÖBf Stellung – sei es zu Fledermäusen oder Wildobst. „… Der, Wald‘ ist eine ganz spezielle Kreuzung. Er entsprang einer Verbindung zwischen dem Kultur- und Gesellschaftsmagazin, Fleisch‘, das dem Wald sein Gesicht und seine sprachlichen Fähigkeiten verpasst hat, und den Österreichischen Bundesforsten (ÖBf), die den Wald ausgebildet haben. Wir finden, dass er deswegen ordentlich was hermacht“, heißt es zum Auftakt im ersten „Wald“. Wipfel jeder Ausgabe ist es, Schriftsteller in die Wildnis auszusenden und ihnen auf ÖBf-Hütten – Rubrik „Das Schreibhaus“ – literarische Leistungen abzuringen. Für die Sommer-Ausgabe reiste die Vorarlberger Autorin Verena Roßbacher im April auf die Tiroler Forstgartenhütte Landl zwischen Thierseetal und Kaiserwinkl, für die Winter-Ausgabe verschlug es Thomas Glavinic in eine Hütte bei Mürzsteg. Mit der Kolumne „Die Lichtung“ nimmt Journalist Christian Seiler (guter Freund und Mentor des Herausgebers) die letzte „Wald“-Seite in jeder Ausgabe ein. Außerdem ist das Magazin regelmäßig Gast im Büro eines hochrangigen Zweibeiners, im Gepäck eine mächtige Fototapete, mit der die Aussicht des Mächtigen erst mal „verwaldet“ wird. Auserwählt wurde etwa Christian Konrad, Generalanwalt des Raiffeisenverbandes und niederösterreichischer Landesjägermeister. Was Konrad zu „Wald ist für mich“ zum Besten gab: „Der Ort für die schönste Form der Erholung. Eigentlich ist er jener Teil der Erdoberfläche, der mir am sympathischsten ist.“ Zumeist kann der Raiffeisen-Boss „vom Sommer bis zum Jahresende, also in der Zeit der Schalenwild-Jagd“, im Wald angetroffen werden. Fürs Wild werden seine Besuche wohl weniger „erholsam“ sein. Während es in Deutschland von „Landlust“, „Mein schönes Land“, „Landidee“ bis zum „Landspiegel“ reichlich Magazine gibt, die das ländliche Idyll hochleben lassen, ist die Konkurrenz in Österreich sehr bescheiden bis kaum vorhanden. Markus Huber will auf keinen Fall „Schöner Wohnen fürs Land“ produzieren. Auf dem heimischen Markt sieht er reichlich Platz für „Wald“: „Das ‚Universum‘-Magazin ist eine Verfeaterung dessen, was im TV gemacht wird, und ‚Servus in Stadt & Land‘ ist zwar wahnsinnig professionell gemacht, aber für mich zu sehr heile Welt – idyllische Panoramaaufnahmen mit Schnee, auch wenn es noch gar keinen gibt. Im ‚Wald‘ möchte ich auch nicht das Porträt eines Holzschnitzers, der perfekt Zirbenstuben macht, lesen.“ Journalistisch anspruchsvoll und mit für „österreichische Verhältnisse ungewohnt langen Geschichten“ kommt „Fleisch“ schon daher – 12.000 Zeichen sind gängig, demnächst sollen es 20.000 Zeichen und mehr werden. Mit Worten wird auch im „Wald“ nicht gespart: „Die Anzahl der Leute, die so lange Geschichten schreiben können und dabei spannend bleiben, ist gering. Österreich hat zu wenig gute Schreiber – nicht Journalisten, sondern klassische Schreiber, weil wir die Medien in den letzten 15 Jahren so umgebaut haben, dass das nicht mehr gefragt ist. Bloggen können alle, aber Geschichten schreiben, die in einem ‚Geo‘- oder ‚Zeit‘-Dossier abgedruckt werden, können nur sehr wenige.“ Markus Huber, gebürtiger Niederösterreicher aus St. Valentin, hat dem Landleben mit 18 Jahren den Rücken gekehrt und ist darüber „wahnsinnig froh“ – die Vorstellung, zurückzukehren, behagt ihm nicht. Bäume sind schön, Papier scheint den Journalisten und Vater einer zwölfjährigen Tochter allerdings mehr zu erfreuen: „Ich bin nicht der Naturfreak, der jede Woche mit dem Rucksack loszieht. Ich bin ein Mensch, den Print und Medien interessieren.“ Hubers Zielpublikum: „Ich habe Freunde, die den Kinderwagen immer nur in der Prater Hauptallee hin und her schieben, und habe überlegt, dass es kein ernsthaftes Wissenschafts-, Reportage- und Naturmagazin für den urbanen Menschen, der das Umland erkunden will, gibt. Das Vorbild ist ‚Geo‘ – ich weiß aber, dass wir das nicht schaffen. Tatsächlich glaube ich aber, dass es die Wochenendausflugszielgruppe gibt.“

Sophia-T. Fielhauer-Resei ist freie Journalistin in Wien.

sophia.fielhauer@chello.at

Erschienen in Ausgabe 02+03/202012 in der Rubrik „Praxis“ auf Seite 86 bis 89 Autor/en: Sophia-Therese Fielhauer-Resei. © Alle Rechte vorbehalten. Der Inhalt dieser Seiten ist urheberrechtlich geschützt. Für Fragen zur Nutzung der Inhalte wenden Sie sich bitte direkt an die Redaktion.

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