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Die Sprache zurechtbiegen

Von Kurt Tozzer

2 In vielen Bereichen des Lebens wird der Begriff „Sprachregelung“ verwendet. Oft dient diese Regelung dazu, um etwas freundlicher oder positiver darzustellen. Wie unterschiedlich Einstellungen zu einem Thema sind, ist etwa leicht festzustellen, ob jemand „Kernenergie“ oder „Atomenergie“ sagt. Ob er von einer „Gebührenangleichung“ oder einer „Preiserhöhung“ spricht. Einmal wurde sogar versucht, statt „Defizit“ den Begriff „Ausgabenüberschuss“ einzuführen, weil Überschuss ja so angenehm klingt.

Etwas Ähnliches geschah vor einiger Zeit im Landesstudio Niederösterreich des ORF. Da glaubte der Nachrichten-Chef, er müsse die Sprache der journalistischen Mitarbeiter in seinem Sinne zurechtbiegen.

Diese hatten für den norwegischen Attentäter Breivik den Ausdruck „christlicher Fundamentalist“ wiedergegeben, da er so in den Agenturmeldungen bezeichnet worden ist. Da trat der St. Pöltner Sprachregler in Aktion: den ihm unterstellten Journalisten teilte er per Mail mit, sie mögen den „christlichen Fundamentalisten“ vergessen und stattdessen den Ausdruck „religiöser Fanatiker“ oder – besser ist besser? – das Wort „Rechtsextremist“ gebrauchen. Man könne doch das Wort „christlich“ nicht für jemanden verwenden, der 90 Menschen ermordet hat, argumentierte der Chef.

Diese Sprachregelungs-Mail wurde sogar in der ORF-Aufsichtsbehörde KommAustria behandelt. Ohne Zweifel habe der Inhalt die gesetzlich garantierte Freiheit der journalistischen Berufsausübung missachtet und ist daher als „verpönte Intervention“ zu werten. Konsequenzen allerdings hat der Nachrichten-Chef nicht zu befürchten. Aber vielleicht unterlässt er es künftig, Worte und Sätze in seinem Sinn umbiegen zu wollen.

tozzer@aon.at

Kurt Tozzer ist freier Journalist in Wien.

Erschienen in Ausgabe 02+03/202012 in der Rubrik „Rubriken“ auf Seite 14 bis 14 Autor/en: Kurt Tozzer. © Alle Rechte vorbehalten. Der Inhalt dieser Seiten ist urheberrechtlich geschützt. Für Fragen zur Nutzung der Inhalte wenden Sie sich bitte direkt an die Redaktion.

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