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Harte Zahlen

Von Engelbert Washietl

Ginge es im News-Verlag um Aktien statt um Auflagenzahlen, dann könnte man meinen, Gruner+Jahr-Manager hätten sich von der Telekom Austria beraten lassen.

Der News-Verlag, stolzer Produzent von 15 bunten und publikumsnahen Zeitschriften, hat ein unübersichtliches Jahr hinter sich. Wahrscheinlich ist das der Grund, warum in den vergangenen Wochen die Kopiergeräte im 17. Stock des Verlagsgebäudes am Wiener Donaukanal heiß liefen. Axel Bogocz, neuer Herausgeber und Vorsitzender der Geschäftsführung, bemüht sich, die von seinen Vorgängern reportierte Marktlage des prominenten Unternehmens mit der tatsächlichen Situation in Einklang zu bringen. Ergebnis: Überein stimmt nichts.

Die Story wird schon mit der Schilderung des Stammbaums der News-Spitze auffallend verästelt. Bis Ende 2010 hatte Oliver Voigt das Ruder des einst von Wolfgang Fellner gegründeten Verlags geführt. Das deutsche Verlagshaus Gruner + Jahr, mit 58 Prozent Anteil Mehrheitseigentümer des News-Verlags, hatte ihn mit Wirkung vom 1. Jänner 2006 in Wien positioniert. Äußerlich erschienen die fünf Voigt-Jahre als Kontinuum. Lediglich bei den Chefredakteuren war ein überdurchschnittlich hoher Verschleiß zu beobachten. Doch auch da schuf Voigt in seinem letzten Dienstjahr 2010 eine bis heute gültige Lösung: Peter Pelinka wurde Chefredakteur der Mutter aller Verlagszeitschriften, des Wochenmagazins „News“, und ist es noch immer.

Eher überraschend wurde Voigts Vertrag Ende 2010 nicht verlängert. Er verabschiedete sich und vergaß nicht, darauf hinzuweisen, dass der News-Verlag das beste Ergebnis in der Gruppe seit der Gründung geschafft habe. Auflagenrückgänge waren zwar deutlich zu erkennen, wurden aber der angespannten Wirtschaftslage zugeschrieben. Das deutsche Mutterhaus sprach ihm den Dank für die erfolgreiche Weiterentwicklung sowie die nachhaltige Profitabilitätssteigerung aus.

Damals ahnte noch niemand, dass die Fluktuation der Chefredakteure bald auf die Vorstandsetage übergreifen sollte. Am 15. Februar 2011 trat der von Gruner + Jahr nominierte deutsche Verlagsmanager und gebürtige Hamburger Matthias Schönwandt den Dienst in der Taborstraße an. Er fühlte sich in der Verlagsstruktur geborgen und tat die Frage des „Journalisten“ bezüglich Auflagen- und Reichweitenschwund mit der Antwort ab: „Wenn man die Media-Analyse nimmt – leichte Rückgänge in den Reichweiten, das ist ein genereller Trend.“ Das Pech ereilte Schönwandt von einer ganz anderen Seite. Er griff im Bemühen, den geschäftlichen Erfolg des Verlages voranzutreiben, in der Wahl der erlaubten Mittel daneben. Nach österreichischer Lesart ist nichts Dramatisches passiert, er wollte möglicherweise und nie bestätigt besonderen Kunden ein paar iPads zukommen lassen, mit bester Empfehlung von „News“. Das Mutterhaus in Deutschland sah darin einen schweren Fehler und Verstoß gegen die internen Richtlinien von Gruner + Jahr, dessen Antikorruptionsbestimmungen verschärft worden waren. Am 31. Mai wurde die Ablöse Schönwandts bekanntgegeben.

In die Bresche sprang interimistisch Johannes Werle, ein Geschäftsführer der News-Verlagsgruppe mit Schwerpunkt Finanzen. Der Verlag war im Bann der von Schönwandt gestarteten Reformen – im Juni, dann aber erst am 1. September sollte „News neu“ erscheinen. Ein großer Relaunch sollte den mehrjährigen Durchhänger des Magazins an der Verkaufsfront stoppen. „,News‘ fühlt sich derzeit an wie ein Korsett, ohne dass man sich ausleben kann“, sagte Werle, der sich möglicherweise Chancen auf den Job Schönwandts ausrechnete. Es kam aber anders. Am 1. September gab es noch immer kein „News neu“, aber einen neuen Vorsitzenden der Verlagsgruppe. Der 47-jährige Axel Bogocz, der seine Karriere bei der „Bunten“ und der deutschen Verlagsgruppe Bauer Media Group einschließlich der Jugendzeitschrift „Bravo“ gemacht hatte, trat den Dienst als oberster News-Chef an. Noch im selben Monat setzte sich Werle ab. Bogocz bedauerte seinen Abgang: „Mit Johannes Werle verlässt uns ein Kollege, der die Geschäfte der Verlagsgruppe verantwortungsvoll geführt und entscheidend mitgestaltet hat.“

Am 19. Oktober war endlich das „News neu“ da. Die APA meldete lakonisch: „Bei den Themen setzt das All-Interest-Magazin auf Bewährtes, nämlich den Skandal.“ Zwei Wochen zuvor hatte die Agentur die neueste Media-Analyse 2010/11 analysiert: „Deutliche Einbußen gab es auch für, News‘, dessen Reichweite von 11,4 auf 9,8 Prozent zurückging, und auch, TV-Media‘ aus dem News-Verlag reduzierte seine Reichweite um 1,3 Prozentpunkte auf insgesamt 13 Prozent.“

Möglicherweise ahnte Bogocz zu dem Zeitpunkt bereits, dass er auf einer glamourösen Medienbaustelle gelandet war. Sei es, dass er einen Hinweis bekam, sei es bloß sein erwachendes Misstrauen – der Chef der Geschäftsführung begann in den Auflagenzahlen zu blättern, die der News-Verlag in den vergangenen Jahren an die Österreichische Auflagenkontrolle (ÖAK) gemeldet hatte und die von dieser pünktlich veröffentlicht worden waren. Die damaligen Meldungen stimmten mit den internen Aufzeichnungen nicht überein, sondern waren angeblich künstlich überhöht worden – laut Bogocz um bis zu 30 Prozent, aber nur bei Einzelverkäufen. Im News-Verlag hatte jemand, so sieht es der Verlagschef, die Auflagenzahlen frisiert, aber nicht einmal diese Mühe konnte deren Niedergang vertuschen. Im ersten Halbjahr 2011 betrug der für „News“ an die ÖAK gemeldete Direktverkauf 121.097 Exemplare, um 6.482 weniger als im Vergleichszeitraum 2010. Stimmt Bogocz’ Fälschungsannahme, muss der Abgang in Wahrheit noch höher gewesen sein. Bei Magazinen mit kleiner Auflage sei am kräftigsten auffrisiert worden. Also könnte wohl auch über dem gemeldeten Direktverkauf für „Format“ mit nur 27.000 Exemplaren ein Fragezeichen hängen. Fünf von 15 Zeitschriften nehmen an der ÖAK nicht teil. Das exoplanetarische Frauenmagazin „1st“ ist deshalb außer Obligo. Für das, was im News-Verlag Jahre hindurch geschehen sein soll, kommt nun das Echo der ÖAK. Sie gilt als „harte Währung“ der Medienbeobachtung, kann aber so hart nicht sein, wenn ihr die Manipulation nicht aufgefallen ist. „Der Fehler liegt ausschließlich bei, News‘“, versichert ÖAK-Präsidentin Sibylle Callagy. „Ich weiß nicht, wie manipuliert wurde. Mit den ÖAK-Prüfregeln konnte man das nicht entdecken. Es war sehr geschickt gemacht.“

Zur sofortigen Schadensbegrenzung wurde Folgendes entschieden: Der News-Verlag und die ÖAK revidieren gemeinsam die gemeldeten Auflagenzahlen ab dem zweiten Halbjahr 2010. Die revidierten Angaben sollen in der am 24. Februar zu erwartenden ÖAK-Statistik für zehn News-Verlagsprodukte veröffentlicht werden.

Der Deal zwischen ÖAK und News-Verlag hat zwei sensible Punkte. Der erste: Seit wann wurden Auflagenzahlen im News-Verlag angeblich frisiert? Untersucht wird offiziell nur ab dem zweiten Halbjahr 2010. Was weiter zurückliegt, ist Spekulationssache. Die Teilnahme des News-Verlags an der Auflagenkontrolle war in der Vergangenheit lückenhaft gewesen, es gab Streit um das Regelwerk. Erst nach der unter anderem vom News-Verlagschef Voigt verlangten ÖAK-Statutenänderung wurden Produkte des Verlags im ersten Halbjahr 2008 nach langer Pause wieder gezählt. Waren die Meldungen auch schon frisiert?

Der zweite heikle Punkt: Wenn in den nächsten Tagen die neue ÖAK-Statistik veröffentlicht wird, werden für das zweite Halbjahr 2010 die gefälschten und die revidierten Zahlen für jedermann vergleichbar nebeneinanderliegen. In jenem Halbjahr war Voigt noch oberster Chef des News-Verlags. Er ist jetzt Geschäftsführer bei Wolfgang Fellners „Österreich“, müsste sich aber erinnern, was damals geschehen ist. Auf Anfrage erklärte er, derzeit nehme er zu dieser Angelegenheit keine Stellung. Ein anderer, der etwas wissen könnte, wäre Johannes Werle. Er war ab 2007 Finanzgeschäftsführe
r. Vor wenigen Monaten ist er vom News-Verlag zur tschechischen Tochter der Mediengruppe Rheinische Post, MAFRA AS, abgewandert. Auch den damaligen Vertriebsleiter Werner Topf gibt es seit September nicht mehr – er ist bei „Österreich“. Die Vertriebsleitung hat seither Angela Schuh-Haunold.

Warum der neue CEO der Verlagsgruppe News die Flucht in die Öffentlichkeit angetreten hat, kann man sich ausrechnen. Bogocz stand kurz nach seinem Antritt in Wien vor der Frage, ob er die Auflagenfälschungen weiterführen sollte oder nicht. Tut er es nicht, so nimmt er in Kauf, dass die Auflagenzahlen seines ersten Meldehalbjahres gegenüber den früher gefälschten in die Tiefe rasseln. Er entschloss sich, sie rasseln zu lassen, aber die Ursache publik zu machen. Diese lägen in Manipulationen, die vor seinem Start als Verlagschef geschahen. Der neue Werbespruch „News deckt auf“ erhält einen tiefen Sinn. Bogocz sieht in seinem ersten Dienstjahr die Firma von unten. Der News-Verlag hat einen schweren Imageschaden, auch an der Institution Auflagenkontrolle sind Karosserieschäden sichtbar.

Elisabeth Ochsner, Chefin der Werbeplanung PanMedia Western, nimmt die Affäre gelassen. Man werde „Ungereimtheiten“ nie ganz ausschließen können, deshalb sei ja die ÖAK gegründet worden. Ihre Regeln würden nach jedem Manipulationsversuch verfeinert. Sie sei froh, dass der News-Verlag den neuesten Verstoß gegen die Regeln, der nicht zu entdecken war, selbst bereinige. Generell sei die ÖAK noch immer strenger als in anderen Ländern.

Engelbert Washietl ist freier Journalist in Wien.

engelbert.washietl@gmail.com

Info

Verlagsgruppe News

Gesellschafter sind:

1. Verlagsgruppe News Beteiligungsgesellschaft m.b.H. & Co KG mit 74,7 Prozent. An dieser Gesellschaft ist die G+J Holding AG mit 63,75 Prozent beteiligt.

Die G+J Holding AG ist eine 100-prozentige Tochtergesellschaft der Gruner+Jahr AG&Co KG, Hamburg

2. Kurier – Magazine Verlags GmbH mit 25,3 Prozent, mit dem Sitz in Wien.

An dieser Gesellschaft ist die Kurier Zeitungsverlag und Druckerei Gesellschaft m.b.H. zu 100 Prozent beteiligt.

Erschienen in Ausgabe 02+03/202012 in der Rubrik „Titel“ auf Seite 40 bis 41 Autor/en: Engelbert Washietl. © Alle Rechte vorbehalten. Der Inhalt dieser Seiten ist urheberrechtlich geschützt. Für Fragen zur Nutzung der Inhalte wenden Sie sich bitte direkt an die Redaktion.

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