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Editorial

Heute war ein schöner Tag

Freddie Kräftner schreibt in diesem „Journalisten“ erstmals wieder – über seine Krankheit.

„Heute war ein schöner Tag. Wir haben Ernst Wolfram Marboe begraben. Ich habe neue Schuhe bekommen und meine Mutter hat mir den Friseur spendiert.“ Freddie Kräftners Stimme hüpft fröhlich bei diesen Sätzen. Er lacht zufrieden. Wir stehen vor dem Bahnhof Wien Mitte und der Jänner-Wind beißt unsere Gesichter. Es ist Abend geworden. Wir reden von damals. Freddie erzählt von den Marboes, bei denen er einst ein- und ausgegangen war. Und von seinem „Presse“-Interview. Es kostete dem ORF-Intendanten den Job. „Die Unappetitlichkeiten nehmen in letzter Zeit immens zu“, war der Titel der Geschichte, sagt Freddie und reißt die Hände auseinander, als wollte er mir die immense Größe der Titelzeile deutlich machen. So hatte ich meinen alten Weggefährten schon lange nicht mehr erlebt. Sein Anzug saß perfekt, nicht so schlabbrig heruntergekommen wie die vielen letzten Male, die Nasenhaare waren weggeschnitten, sein Gesicht strahlte gesund.

Doch Freddie ist nicht gesund, schon lange nicht mehr. Ich wusste nicht, dass er bereits krank war, als ich ihn vor mehr als zehn Jahren kennenlernte. Die erste Redaktionskonferenz mit ihm war eine Silvesternacht. Seine Ideen explodierten wie Raketen am Himmel und Tausende Sterne rieselten auf unsere Köpfe. Die Geschichten, die er für uns schrieb, waren brillant, bissig, hatten Standpunkte, die wir so bisher nicht im „Journalisten“ hatten. Freddie kannte Gott und die Welt. Mit den meisten war er per Du, auch mit jenen, die ihn nicht mochten. Mit ihm erreichte der „Journalist“ eine neue Flughöhe – aus einem Papierflieger wurde ein Kampfjet. Doch das Leuchten am Himmel hielt nicht an. Freddie versprach Geschichten, die er dann nicht abliefern konnte. Meist waren sie über Nacht am Computer verschwunden. Irgendwas mit der Speicherung. Oder sie waren extrem kürzer, als zuvor Platz vereinbart war. Es wurde mühsam mit ihm. Bei Redaktionskonferenzen war er zuletzt entweder nicht mehr ansprechbar oder extrem aggressiv.

Ich war zuerst zornig, später traurig. Ich hatte ihm angeboten, eine Entziehungskur zu machen. Doch Freddie lehnte ab. Er habe das im Griff, sagte er mir. Ich wusste, dass er mich anlog, vielleicht auch sich selbst anlog, wahrscheinlich auch seine Familie. Ich warnte ihn, dass er seine Liebsten verlieren würde. Er nahm es nicht ernst – und verlor sie. Ich warnte ihn, dass er seinen Job verlieren würde. Er nahm es nicht ernst – und verlor ihn. Ich warnte ihn, dass er seine Gesundheit verlieren würde. Er nahm auch das nicht ernst – und er verlor sie. Ich verstand damals noch nicht, dass Freddie meine Sorgen nicht ernst nehmen konnte, weil das Teil seiner Krankheit ist. Was ich nicht ahnen konnte, war, dass er dabei auch sein Kurzzeitgedächtnis verlieren würde – unvorstellbar für einen Journalisten. Er vergisst, was eben passiert ist, was er eben erzählt hat. Und so erzählt er dasselbe immer wieder. Fragt immer wieder dieselben Fragen. Viele Monate lag er 2011 in einer Nervenheilanstalt. Man sagte ihm, wann er am Morgen aufstehen sollte, wann er sich am Abend hinzulegen hatte. Er rief mich in dieser Zeit manchmal an. Kaum hatte er einen Satz beendet, legte er auf, scheinbar willkürlich, und rief dann gleich wieder an, erzählte erneut denselben Satz, sechsmal, siebenmal, bis ich einfach nicht mehr abhob.

Was bedeutet für dich Glück?, frage ich Freddie, noch immer am Bahnhof Wien Mitte neben ihm stehend. „Gesund zu sein würde mich glücklich machen“, antwortet er. Ich war erstaunt. „Ist das nicht etwas wenig?“, setze ich nach. „Für dich mag es wenig sein, für mich ist es ungeheuer viel, mir würde es mein Leben zurückgeben“, sagt er.

Freddie Kräftner hat Glück. Mit Conny Bischofberger hat er eine Freundin, die sich rührend um ihn sorgt. Sie lädt ihn jeden Sonntag zum Essen ein, tröstet ihn, wenn er verzweifelt ist, bittet Menschen aus seiner Umgebung, dass sie ihn anrufen, sich mit ihm treffen. Ein Kurator verwaltet sein Leben, auch das bisschen Geld, das er monatlich bekommt. Ob er aus seiner Wohnung ausziehen muss, ist für Freddie keine Frage mehr, nur das Wann beschäftigt ihn noch. „Niemand sagt mir etwas“, sagt er, „wenn ich wüsste, was auf mich zukommt, dann könnte ich mich darauf einstellen, die ersten Bücher verkaufen.“ In einer Pfarrkanzlei macht er Botengänge – einfach um beschäftigt zu sein. In diesem „Journalisten“ schreibt er erstmals wieder – über seine Krankheit. Ich habe Conny Bischofberger gebeten, den Beitrag vorher zu lesen und gemeinsam mit Freddie und mir zu entscheiden, ob die Geschichte gedruckt werden kann. Ich habe große Angst, Freddie zu schaden. Dem steht der Wunsch gegenüber, ihn schreiben zu lassen und ihn so ins Leben zurückzuführen.

„Heute war ein schöner Tag. Wir haben Ernst Wolfram Marboe begraben. Ich habe neue Schuhe bekommen und meine Mutter hat mir den Friseur spendiert.“ Lange begleiten mich diese Sätze. Ich trinke nichts an diesem Abend.

Johann Oberauer ist „Journalist“-Herausgeber.

Erschienen in Ausgabe 02+03/202012 in der Rubrik „Editorial“ auf Seite 3 bis 5. © Alle Rechte vorbehalten. Der Inhalt dieser Seiten ist urheberrechtlich geschützt. Für Fragen zur Nutzung der Inhalte wenden Sie sich bitte direkt an die Redaktion.

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