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ARCHIV » 2012 » Ausgabe 02-03/2012 »

Beruf und Medien

Redaktion auf Abruf

Von Interview: Peter Plaikner

Österreichs Medienlandschaft ist längst im Umbruch. Doch die Reflexe funktionieren wie eh und je. Eine Ankündigung der „Presse“, ihre Sportredaktion auszulagern, erntet umgehend fürsorgliche Berichterstattung im „Standard“, Gewerkschaftsprotest und „Wehret den Anfängen!“ bei Personalvertretern in anderen Redaktionen. Die Aufregung legt sich zwar, als das Blatt sein Projekt vertagt, doch die daraus resultierende Zeit zur unaufgeregten Abwägung der Vor- und Nachteile einer solchen Auslagerung verstreicht ungenutzt.

Die Chance, das Ganze einfach durchzuziehen, hätte kaum besser sein können. Denn was sich in Österreich für einen Medienexperten hält, war zum Jahreswechsel entweder im Urlaub oder empörte sich über die Affäre Niko am Rande der Generaldirektion des ORF – oder beides. Zu mehr als einem Insider-Aufreger taugte die Kurzmeldung ohnehin nicht, die am 30. Dezember 2011 unter dem Titel „Styria bündelt Sportberichterstattung in Wien“ in der „Presse“ stand:

„Mit Jänner 2012 werden die Sport-Redakteure der Tageszeitung, Die Presse‘ mit der, Sportwoche‘ und dem, Sportmagazin‘ zusammenarbeiten. Beide Blätter gehören zur Styria Multi Media Men (SMMM), die jetzt schon über die stärkste Sportredaktion des Landes verfügt. Künftig wird sie durch drei Kollegen aus dem, Presse‘-Sport verstärkt., Presse‘-Chefredakteur Michael Fleischhacker:, Wir sind davon überzeugt, dass beide Partner,, Die Presse‘ und die SMMM, damit die Chance haben, mit dieser gemeinsamen Sport-Einheit zusätzliche Erlöse zu generieren‘. Mitte bzw. Ende Jänner soll ein mehrwöchiger Probebetrieb gestartet werden, bei dem drei, Presse‘-Redakteure an die SMMM, entliehen‘ werden. Sie bleiben aber weiterhin, Presse‘-Angestellte, sagte Fleischhacker weiters.“

Für die wohlmeinenden Konkurrenten vom „Standard“ ist das eine ergänzende Recherche beim Mitbewerber sowie ein paar Zeilen mehr wert und klingt dann unter der Überschrift „,Die Presse‘ lagert Sportredaktion aus“ ebenfalls am 30. Dezember 2011 etwas anders:

„Die Styria bündelt ihre überregionale Sportberichterstattung und löst dafür die Sportredaktion der, Presse‘ auf. Drei von fünf, Presse‘-Redakteuren werken danach künftig mit Sportjournalisten der Styria Multimedia (,SportWoche‘,, Sportmagazin‘) von der Wiener Geiselbergstraße aus. Die Journalisten sollen künftig überregionale Plattformen bespielen und darüber hinaus Textaufträge von, nichtmedialen Kunden‘ erledigen, sagt, Presse‘-Chefredakteur Michael Fleischhacker auf Anfrage. Das könnten etwa, Sportartikelhersteller sein, die auf ihren Webseiten auch Sportnachrichten haben wollen‘, sagt Fleischhacker. Kollektivvertragsveränderungen seien nicht vorgesehen. Ein Probebetrieb endet im ersten Quartal 2012. Weitere redaktionelle Bündelungen über den Sport hinaus sind derzeit nicht angedacht, seien aber prinzipiell denkbar, so Fleischhacker. Das gelte allerdings nicht für den Markenkern einer Zeitung. Der Sport sei zwar wichtig, gehöre aber nicht zum strategischen Kern der, Presse‘ –, dort, wo das ebenfalls nicht der Fall ist, sind wir offen für mehr Qualität zu einem geringeren Preis‘.“

Einen weiteren Aspekt entdecken noch am gleichen Tag die Kollegen des konzerneigenen Flaggschiffs von der „Kleinen Zeitung“, die u. a. schreiben:

„Langfristiges Ziel ist laut Fleischhacker, dass man auch anderen Bundesländerzeitungen und Zeitungen aus dem eigenen Haus, wie etwa der, Kleinen Zeitung‘, die überregionale Sportberichterstattung anbietet –, Kooperationszwang‘ herrscht innerhalb der Styria aber nicht.“

Ebenso hilfreich und genauso aktuell ergänzt die „Wiener Zeitung“:

„Pläne, Teile der Redaktion auszulagern, gab es in der, Presse‘ schon länger. Vor allem der ehemalige Styria-Vorstandsvorsitzende Horst Pirker galt als großer Verfechter einer Ausgliederung von Teilen der Redaktionen in eine sogenannte, Content Engine‘.“

Es ist pikanterweise der letzte Arbeitstag von Pirker bei Red Bull Media House. Doch das ist eine andere Geschichte. Also ortet Martin Blumenau in seinem Blog für FM4 schon am Silvestertag „Das Ende des Sportjournalismus“ und verknüpft es gleich mit der berufsständischen Apokalypse: „Das Ende des Journalismus?“ Im „Digitaljournal“ von Studierenden des Instituts für Publizistik und Kommunikationswissenschaften der Universität Wien fragen sie unterdessen begleitend nach dem „Ende der Medienvielfalt?“.

KV-Verhandler ziehen Notbremse

Bis Dreikönig folgt kein Sturm im Wasserglas, sondern die Junktimierung mit einem größeren Ganzen: Journalistengewerkschaftschef Franz C. Bauer erklärt gegenüber der Austria Presse Agentur den „Presse“-Plan zur Belastung der laufenden Kollektivvertragsverhandlungen: „Ich halte die Auslagerung der Sportredaktion für einen Schritt, der uns zeigt, dass es die Gegenseite mit den laufenden Verhandlungen nicht ganz ernst meint.“ Er fürchtet, dass solche Ausgliederungen zu einem Modell für Redaktionen insgesamt werden könnten und erreicht am 11. Jänner eine gemeinsame Erklärung mit Hermann Petz, dem Verhandlungsführer für den Verband Österreichischer Zeitungen: „Wir befinden uns in konstruktiven Gesprächen, es besteht das Ziel, einen Kollektivvertrag bis Jahresmitte auszuhandeln. Wir fordern alle VÖZ-Mitglieder auf, bis 1. 7. 2012 keine organisatorischen Maßnahmen zu treffen, die die originäre Wirkung des Kollektivvertrages außer Kraft setzen oder Parallelstrukturen zu den bestehenden Redaktionen errichten. In diesem Zusammenhang appellieren das KV-Verhandlungsteam des VÖZ und die Journalistengewerkschaft mit Nachdruck an die Tageszeitung, Die Presse‘, diesem Aufruf zu folgen und die angekündigte Ausgliederung der Sport-Redaktion nicht durchzuführen.“ Gewünscht, getan: Am Ende des umgehend erscheinenden Artikels in durchaus eigener Sache heißt es: „Bis zum Abschluss der KV-Verhandlungen verzichtet, Die Presse‘ auf die Ausgliederungen.“ Seitdem ist es um das Outsourcing der „Presse“-Sportredaktion ähnlich still wie zur Besetzung des Büroleiterjobs bei ORF-Chef Alexander Wrabetz. Die Säue sind durchs Dorf gejagt. Die Karawane zieht weiter. „Ich möchte zu dem Projekt öffentlich nichts mehr sagen, solange unser Stillhalteabkommen mit der Gewerkschaft im Interesse der Kollektivvertragsverhandlungen läuft“, bittet auch Michael Fleischhacker um Verständnis. Bei den einen endet die Diskussion mit der Verhinderung der Person, bei den anderen fängt die Abwägung gar nicht an, solange man es verhindern kann. Dabei bleiben grundsätzliche Auseinandersetzungen über die österreichische Medienszene ebenso auf der Strecke wie prinzipielle Überlegungen zum Wechselspiel von Journalismus und Betriebswirtschaft.

Sportliche Grenzüberschreitungen

Das grassierende Selbstverständnis im österreichischen Sportjournalismus ist bisher jedenfalls kaum von Berührungsängsten zu „nichtmedialen“ Auftraggebern gekennzeichnet. In keinem anderen Ressort durchbrechen Medien-Selbstvermarktung, Sponsoring und Werbung den redaktionellen Firewall dermaßen deutlich wie im Reich von Red Bull Formel 1, „Krone“ Austria Skiteam und Fußballmannschaften zuhauf mit den Logos von Tageszeitungen. Ausgerechnet an diesem Bereich den Ausverkauf des Journalismus herbeizubeschwören, dürfte schon infolge seiner täglichen Grenzüberschreitungen schwerfallen. Dass „Die Presse“ dabei zu den positiv Auffälligen gehört, resultiert eben aus genau dem Umstand, dass der Sport hier nicht zum Markenkern gehört. Wie auch beim „Standard“, der ursprünglich sogar ohne einen definierten Teil für Leibesübungen erschienen ist (was den „Falter“ bis heute auszeichnet). Qualitätszeitung und Sportressort sind hierzulande selten paarlauftauglich. Das liegt aber auch daran, dass die weitaus größte Sportredaktion des Landes Maßstäbe setzt, die von den Mitbewerbern auch in qualitativer Hinsicht oft nur schwer zu übertreffen sind. Mit mehr als 50 Sportredakteuren in acht Bundesländern verfügt die „Krone“ allein in diesem Ressort über mehr Leute als so manches Blatt in seine
r kompletten Redaktion.

Unter diesem Gesichtspunkt ist einerseits die Bemerkung von der „stärksten Sportredaktion“ in der Styria Multi Media Men zu verstehen und andererseits Fleischhackers Angebot einer überregionalen Content Engine für die Bundesländerzeitungen. Im Kreis von deren Chefredakteuren ist ein Schriftleiter der „Presse“ eher nur geduldeter Außenseiter – quasi der Abgeordnete einer Hauptstadtzeitung, die aber im Gegensatz zu den meisten anderen Mitgliedern der illustren Runde keine heimatliche Nummer 1 vertritt. Genau dieser Kreis findet ausgerechnet über den Sport am besten zusammen. Seit „Kleine Zeitung“, „Tiroler Tageszeitung“, „Oberösterreichische Nachrichten“, „Salzburger Nachrichten“, „Vorarlberger Nachrichten“ und eben „Die Presse“ gemeinsam von Großereignissen wie Olympia berichten, funktioniert auch die Kooperation der restlichen Ressorts besser. Am deutlichsten wird dies aber immer noch nicht durch die Interviews der versammelten Chefredakteure mit Politikgrößen, sondern durch gemeinsame Magazine wie z. B. „Arena“ zur Fußball-WM 2010. Damit schließt sich der Kreis: Die Hauptkompetenz der Styria Multi Media Men sind Magazine im Allgemeinen und Sportmagazine im Besonderen. Aber erst in Kooperation mit den entsprechenden Ressorts der Bundesländerzeitungen ist dort eine Sportredaktion vorstellbar, die wirklich noch stärker als jene der „Kronen Zeitung“ ist und dank besserer föderalistischer Aufteilung auch die einschlägige ORF-Abteilung übertrifft.

Geschäftsführer und Chefredakteur

Die betriebswirtschaftliche Strategie hinter dem Auslagerungsprojekt der Sportredaktion der „Presse“ wirkt also kurz- wie langfristig, zeitungs- und konzernintern als auch medienmachtpolitisch nachvollziehbar. Als Geschäftsführer, der in erster Linie das materielle Wohl seiner Gesellschafter mehren muss, kann Michael Fleischhacker kaum anderes hoffen, als „mit der gemeinsamen Sport-Einheit zusätzliche Erlöse zu generieren“. Der größte Konflikt entsteht ihm mit dem Chefredakteur Michael Fleischhacker, der die redaktionelle Unabhängigkeit zu wahren hat. Wenn die Zahl eigener Korrespondenten ein Gütezeichen sein soll, die Zeitung aber nicht einmal über ein eigenes Sportressort verfügt, gibt es ein Problem mit dem Qualitätsanspruch – auch wenn sogar „Neue Zürcher Zeitung“ und „Frankfurter Allgemeine Zeitung“ mittlerweile auf Korrespondentenebene zusammenarbeiten und die „FAZ“ wie „Die Presse“ mit „Red Bulletin“ sogar „ein fast unabhängiges Monatsmagazin“ transportiert. Die reine Lehre von der Qualitätszeitung will erst einmal finanziert sein. Doch die mittlerweile gängige Personalunion von Chefredakteur und Geschäftsführer erschwert noch die Verteidigung des publizistischen Reinheitsgebots. Aus Sicht der Protagonisten ist sie verständlich, denn ohne formale gesellschaftsrechtliche Führungsposition sind sie Könige ohne Land. Aus Perspektive der Redaktionen wirkt es fatal wie der Feind im eigenen Bett.

Die Auslagerung des Sportressorts ist letztlich auch das Outsourcing eines Problems. Wenn die Aufträge der „nichtmedialen Kunden“ außerhalb der eigentlichen Redaktion erledigt werden, beschädigt das nicht deren Qualitätsanmutung. Martin Blumenau sieht allerdings durch die Definition des „strategischen Kernbereichs“, zu dem Fleischhacker für „Die Presse“ den Sport nicht mehr zählt, die Büchse der Pandora geöffnet: „So könnte etwa jedes Boulevard-Medium mit derselben Berechtigung ihre Politik-Redaktionen auslagern – gehört garantiert nicht zum strategischen Kern. Für die Wirtschaftsredaktionen gilt dasselbe – nicht nur für den Boulevard, sondern für fast alle Print-Produkte.“

Heute PR, morgen Journalismus?

Auch Blumenaus Sorge gilt der Personalunion, aber nicht von Chefredakteur und Geschäftsführer, sondern von PR-Dienstleister und Journalist. Diener zweier Herren in einer Redaktion zum Mieten, die je nach Auftrag die ethischen Grundsätze ihres Handelns wechselt. Das ist einerseits die Befürchtung von Kritikern des Projekts, andererseits der längst erwartbare nächste Schritt in einen mehr unternehmerischen Journalismus, wenn seine herkömmliche Art für die gewohnten Arbeitgeber nicht mehr leistbar ist. Blumenaus zu Recht demokratiepolitisch besorgte Perspektive basiert individuell auch auf seiner Anstellung beim öffentlich-rechtlichen ORF, der mit fast 600 Millionen Euro Rundfunkgebühr pro Jahr subventioniert wird. Die rund halb so große Styria kommt wohl nicht einmal auf ein 100stel dieser staatlichen Unterstützung – bei Addition sämtlicher Presse- und Medienförderungen von der „Presse“ über „Die Furche“ bis zur „Antenne Steiermark“.

Unterdessen ist die Auslagerung von redaktionellen Inhalten kein allein österreichisches Thema, sondern stößt hier mit dem Sport bloß erstmals in ein traditionelles Ressort vor. Die externe Berliner Zeitungsredaktion Raufeld Medien beliefert seit sieben Jahren mittlerweile mit mehr als 70 Mitarbeitern rund zwei Dutzend Verlagshäuser mit ganzen Service-Seiten – sowohl für herkömmliche Publikumsmedien als auch Corporate-Publishing-Produkte (siehe Seite 46). Erfolgsgeheimnis laut eigenem Bekunden: das journalistische Renommee der Gründer und jener Zeitungen, bei denen sie ursprünglich angestellt waren. Das klingt durchaus nach einem Vorbild für „Die Presse“. Mittlerweile macht dieses Geschäft mit den Zeitungsseiten aber nur noch einen Bruchteil des Raufeld-Umsatzes aus, der vor allem durch die Erschließung digitaler Erlösquellen mit redaktionellen Inhalten erzielt wird. „Qualitätsjournalismus zu niedrigen Preisen“ ist der Werbespruch für Raufeld Content, einen Online-Shop für journalistische Texte. Mit einem ähnlichen Projekt war zuvor schon Hajo Schumacher, ehemals Ko-Leiter des Berliner Büros des „Spiegels“, aufgefallen: Sein spredder.de, ein „Online-Shop für Qualitätsjournalismus“, wurde allerdings 2011 von dieRedaktion.de, der Journalismus-Börse der deutschen Post, geschluckt. Nur wenige Monate davor hatte mit der Newsbörse ein ähnliches Portal seine digitalen Tore schließen müssen. Noch gibt es auch betriebswirtschaftlich keine überzeugende Entsprechung von „iTunes für Texte“, wie Schumacher sein Start-up einst angekündigt hat.

Peter Plaikner ist Medienberater, Politikanalyst und Publizist mit Standorten in Wien, Innsbruck und Klagenfurt.

pp@plaikner.at

Erschienen in Ausgabe 02+03/202012 in der Rubrik „Beruf und Medien“ auf Seite 42 bis 45 Autor/en: Interview: Peter Plaikner. © Alle Rechte vorbehalten. Der Inhalt dieser Seiten ist urheberrechtlich geschützt. Für Fragen zur Nutzung der Inhalte wenden Sie sich bitte direkt an die Redaktion.

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