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ARCHIV » 2012 » Ausgabe 02-03/2012 »

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Satire nahe an der Wirklichkeit

Von Kurt Tozzer

Satire passiert in Österreich meist im Internet.

1 Wer täglich von Tragödien oder Dramen in den Zeitungen liest, der sehnt sich danach, ab und zu gekitzelt zu werden, ab und zu unbeschwert lächeln zu können. Diese Funktion, noch dazu mit einem kritischen Unterton, haben seit einiger Zeit Satire-Magazine im Internet übernommen. Parodien auf das Zeitgeschehen werden da veröffentlicht – bei denen man nie so ganz genau weiß, wie nahe sie der Wirklichkeit sind. In Österreich veröffentlicht Niko Formanek auf der Seite www.salaminews.at regelmäßig derartige Berichte. Etwa ein erfundenes Interview mit Sozialminister Rudolf Hundstorfer, dessen Satzstellung und Wortwahl fast schon ein Originalton sein könnte: „Ich muss zur Kenntnis nehmen, dass ich jetzt Kenntnis darüber habe, dass wir erkannt haben, dass es einen Umsatzverlust gibt.“ Formanek ist derzeit als Berufs-Humorist vor allem im Internet unterwegs. Vielen sind noch seine kritischen Seiten über die „Kronen Zeitung“ in Erinnerung, die er vor mehr als zehn Jahren nach einem langwierigen Rechtsstreit mit Hans Dichand einstellen musste. Damals geißelte er Recherchefehler und Manipulationen des Massenblattes. Nach dem Ende dieser Online-Auftritte trat Formanek bei zahlreichen Veranstaltungen auf, daraus ergab sich der jetzt in der Margaretner Hamburgerstraße residierende „Wiener Schmähstadl“, in dem regelmäßig Humoristen zu Gast sind. Jetzt veröffentlicht er wieder im Internet. Es sind erheiternde Satiren auf das Zeitgeschehen. Alle Geschichten sind erfunden, wie betont wird, aber viele könnten, nur etwas abgeändert, auch als bloße Übertreibungen durchgehen. Auf der Seite www.salaminews.at wird vermerkt, dass der ORF auf die stetig fallenden Quoten von Heinzls Society-Show „Chili“ reagiert. Generaldirektor Alexander Wrabetz ließ ohne Rücksprache mit dem Betriebsrat die Bedingung in die bestehenden Dienstverträge hinzufügen, dass jeder Angestellte dazu verpflichtet wird, am Feierabend Dominic Heinzls Sendung zu sehen, dass es „die natürliche Pflicht eines jeden ORF-Angestellten“ sei, sich auch solche Dinge anzusehen. Wie bekannt wurde, soll der Generaldirektor samt Assistententeam persönlich auf Stichprobenjagd gegangen sein und gestern Abend einige Kollegen in ihren Wohnungen aufgesucht haben. Auch erste Kündigungen soll es bereits geben, weil jemand zur „Chili“-Sendezeit in der Küche angetroffen wurde und das Abendessen zubereitete. Dominic Heinzl äußerte sich nicht zu diesem Thema.

In Deutschland erscheinen eine Reihe von Internet-Satiremagazinen. „Eine Zeitung“ etwa ( www.eine-zeitung.net) ist die Weiterentwicklung eines kritischen Blogs über die „Bild“-Zeitung, in dem auf Recherchefehler und bedenkliche Veröffentlichungen hingewiesen wird.

Für „Eine Zeitung“ wählten die Herausgeber Philipp Feldhusen und Peer Gahmert die pure Utopie. Auf dem ersten Blick unterscheidet sich ihr Online-Auftritt optisch kaum von jenen der „richtigen“ Zeitungen, es gibt ähnliche Rubriken da und dort. Zuletzt brachten die Journalisten eine Kurz-Kritik zur in Deutschland heiß diskutierten Neuauflage von Adolf Hitlers „Mein Kampf“. Die Pointe: Etliche Original-Seiten des Buches sind mit einer Art Stempelabdruck mit dem Vermerk „Schwachsinn“ versehen. Bedenklich nahe an mögliche wahre Meldungen kommt ein Artikel, wonach der Tapir zum hässlichsten Tier des Regensburger Zoos gewählt worden ist. Immerhin werden ja tatsächlich auch liebe Tiere (etwa der Eisbär) gekürt, warum nicht auch das Gegenteil?

Ein anderes, im Internet erscheinendes deutsches Satiremagazin nennt sich „Der Kojote“ ( www.kojote-magazin.de). Geleitet wird es von Bernhard Pöschla, 46, der sein Produkt als „Deutschlands seriösestes Nachrichtenmagazin“ bezeichnet. Dort liest man etwa die Meldung, der letzte Ur-Berliner in Prenzlauer Berg sei verstorben: Albert Schlotz, dessen Miete „aufgrund einer Datenpanne noch nicht auf die ortsüblichen 35 Euro pro Quadratmeter erhöht worden war“. Mit mehr als 60.000 Aufrufen gehört diese Meldung zu den erfolgreichsten seit dem Start des „Kojoten“ Mitte November.

Mit 20.000 bis 25.000 täglichen Besuchern ist die Satire-Seite www.der-postillion.com des in Fürth wohnenden Stefan Sichermann, 31, ebenfalls sehr beliebt. „Meist sind es tagesaktuelle Artikel, die viele Leser anziehen, der komplette Nonsens schafft es nicht so oft zur ganz großen Popularität“, meint Sichermann. Ein typischer Beitrag: „Mit einer pompösen Parade feierte der Iran heute den Umstand, dass das Land seit nunmehr 20 Jahren kurz davor steht, eigene Atomwaffen zu entwickeln. Damit ist das Land länger als jedes andere in der Welt beinahe eine Atommacht.“ Ein anderer: „Einem neuen Gutachten der Naturschutzorganisation WWF zufolge ist der gemeine Purzelbaum vom Aussterben bedroht. Früher gab es – vor allem in kinderreichen Regionen Deutschlands – ganze Purzelwälder, wird geklagt.“

tozzer@aon.at

Kurt Tozzer ist freier Journalist in Wien.

Erschienen in Ausgabe 02+03/202012 in der Rubrik „Rubriken“ auf Seite 12 bis 13 Autor/en: Kurt Tozzer. © Alle Rechte vorbehalten. Der Inhalt dieser Seiten ist urheberrechtlich geschützt. Für Fragen zur Nutzung der Inhalte wenden Sie sich bitte direkt an die Redaktion.

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