Warning: Use of undefined constant cms_navigation_js - assumed 'cms_navigation_js' (this will throw an Error in a future version of PHP) in /var/www/journalist.at/www/htdocs/wp-content/plugins/cms-navigation/CMS-Navigation.php on line 361
Social Media first! - Der Österreichische Journalist - medien journalismus zeitung print magazin radio tv online

ARCHIV » 2012 » Ausgabe 02-03/2012 »

Beruf und Medien

Social Media first!

Von Martin Langeder

Social-Media-Dienste wie Facebook, Twitter oder Youtube bestimmen zunehmend den (Arbeits-)Alltag von Journalisten. Und den ihrer Leser. Wie damit richtig umgehen? Online-Consultant Michael Praetorius über Twitter als Korrespondenten-Netzwerk, Web-2.0-Redakteure und alte Modelleisenbahnen.

Herr Praetorius, was passiert mit Journalisten, die sich gegenüber Facebook, Twitter und Co. verschließen?

Michael Praetorius: Ich glaube, dass alle, die soziale Netzwerke nicht in ihre Arbeit einbeziehen, irgendwann einfach nicht mehr an den wichtigen Storys dran sein werden. Zu warten, bis über die Nachrichtenagentur aktuelle Informationen kommen, ist eine brandgefährliche Strategie.

Wie lautet die Gegenstrategie?

Journalisten müssen heute einfach wissen, welche Themen die Menschen wirklich beschäftigen. Das lässt sich in den sozialen Netzwerken herausfinden. Die Verlage und Journalisten sollten aufhören, ihre eigene technologische Behäbigkeit zu pflegen. Sie müssen raus ins Social Web drängen und beginnen, es als Infrastruktur zu begreifen. Bei Youtube lassen sich einfach Videos hochladen, auf Flickr schnell Fotoslideshows publizieren, bei Facebook kann man mit Lesern diskutieren.

Also den direkten Dialog mit den Lesern aufbauen?

Genau. Man kann Facebook außerdem ganz gezielt als Recherchetool verwenden. Das heißt: Man kann seine Leser frühzeitig über eine geplante Geschichte informieren und um Tipps für geeignete Interviewpartner bitten oder Fragen sammeln. Der veröffentlichte Beitrag ist dann auch nicht das Ende einer Wertschöpfungskette. Im Gegenteil: Es geht dann erst richtig los. Durch den Dialog ergeben sich neue Aspekte, die wiederum Stoff für eine weitere Story liefern, und so weiter. Die neue Strategie muss lauten: Social Media first! Nur so können Journalisten ein Produkt gestalten, das nah am Menschen ist. Wenn man aber nur auf sein eigenes Bauchgefühl hört oder in der Redaktion mit den seit 25 Jahren zur Verfügung stehenden Quellen arbeitet, dann ist man irgendwann sehr isoliert.

Anders als etwa Facebook ist Twitter bislang noch kein Massenphänomen. Wie können Journalisten dennoch von diesem Kurznachrichtendienst profitieren?

Sie können Twitter als hervorragendes Korrespondenten-Netzwerk nutzen, durch das sie relativ einfach an Originalquellen und Originaltöne kommen. Die Aufgabe von Journalisten wird es sein, dass sie sich mit diesen O-Ton-Gebern vernetzen. Es wird aber auch zu ihrer Aufgabe gehören, die Echtheit dieser Nachrichten zu überprüfen. Für Journalisten ist es wichtig, sich via Twitter mit den richtigen, für sie interessanten Menschen zu vernetzen. Mit Politikern, Wissenschaftern, Sportlern, Schauspielern – oder auch Kollegen.

Wie wirken sich soziale Netzwerke auf die Zusammenstellung der journalistischen Inhalte aus?

Bisher waren Journalisten diejenigen, die in der Redaktionskonferenz bestimmt haben, was für ihre Leser interessant ist. Facebook und Twitter würfeln die althergebrachten Nachrichtenfaktoren durcheinander. Anstelle der Journalisten kommen neue Kuratoren ins Spiel – die Kontakte in den sozialen Netzwerken. Ein gutes Beispiel ist die Anwendung Flipboard. Sie bereitet alle Links zu Artikeln, die von den Social-Media-Kontakten empfohlen werden, als Online-Magazin zum Durchblättern auf. Die Social-Media-Nutzer, denen ich folge, entscheiden also darüber, welche Inhalte ich am Frühstückstisch liegen habe.

Besteht dabei nicht die Gefahr, sich ständig in seiner eigenen Blase zu bewegen?

Sicherlich. Aber wenn ich täglich immer eine bestimmte Zeitung lese, dann kriege ich auch nur das, was mir die Redakteure zur Verfügung stellen. Der Mehrwert durch Social Media liegt in den personalisierten Medieninhalten. Statt 50 Zeitungsredakteuren stellen mir nun 500 Menschen die Inhalte für mein Flipboard zusammen. Natürlich kann es vorkommen, dass interessante Geschichten durch das Raster fallen. Aber genau darin besteht die Riesenchance für Journalisten. Sie können den Nutzern über diese personalisierten Inhalte hinausgehend Angebote machen. Nach dem Motto: „Das ist etwas Neues für dich, das ist relevant, das musst du lesen!“

Hat die gedruckte Zeitung da überhaupt noch eine Chance?

Papier vereint zwar die Vorteile der unendlichen Batterielaufzeit und der wunderbaren Haptik, dennoch werden Tablets die gedruckte Zeitung eher früher als später ablösen. Viele Menschen haben heute schon in Zügen oder in Business Lounges ihre iPads dabei. Kunden- und Bordmagazine müssen für diese Nutzer nicht mehr ausgedruckt ausliegen.

Wie sind die deutschsprachigen Medienhäuser im Hinblick auf Social Media aufgestellt?

Sehr unterschiedlich. Es gibt Verlage, die überhaupt noch nicht bei Facebook und Twitter präsent sind, es gibt Verlagshäuser, die noch immer Print und Online strikt trennen, und es gibt Online-Redaktionen wie Spiegel Online oder bild.de, die alleine durch gepostete Links bei Facebook und Twitter unglaublich viele Leser auf ihre Seiten lotsen. Viele Zeitungen haben in den vergangenen Jahren sehr viel in die Infrastruktur ihrer Präsenz im Internet investiert, die Lust macht, Inhalte zu teilen und zu kommentieren. Es geht in erster Linie nicht darum, soziale Netzwerke als Vermarktungsplattform zu begreifen, sondern als Infrastruktur, damit die eigenen Inhalte von möglichst vielen Nutzern möglichst schnell gefunden und weiterverbreitet werden. Die Inhalte finden sich also nicht mehr nur exklusiv auf der eigenen Internetseite, sondern ich schmeiße sie unter die Leute. Man muss den potenziellen Lesern einen Köder zuwerfen, damit sie kommen. Inhalte waren für Verlage immer schon der Köder. Eine Zeitung hat sich noch nie – man möge mir diesen Satz nicht übel nehmen – über den Inhalt finanziert, sondern über die Werbung.

Was empfehlen Sie: Sollen die Verlage ein, zwei Web-2.0-Redakteure einstellen – oder sollen alle in die Online-Strategie eingebunden werden?

Es bringt nichts, Mitarbeiter einzustellen, die sich ausschließlich um Social-Media-Angebote kümmern. Sie werden in den Augen ihrer Kollegen immer als diejenigen gelten, die nicht richtig arbeiten, sondern den ganzen Tag bei Facebook und Twitter rumhängen. Vielmehr sollten alle Mitarbeiter durch Social Media neue Impulse bekommen. Ich kenne viele Journalisten, die sich langweilen, weil sie einfach keinen Bock mehr auf den klassischen Zeitungsjournalismus mit all seinen Beschränkungen haben. Sie starten dann private Blogs, weil sie da die Geschichten so gestalten und erzählen können, wie sie wollen. Es wäre sehr ehrbar von den Verlagen, wenn sie zu ihren Mitarbeitern sagen würden: Bloggt, schreibt auf Facebook und twittert. Und macht das vor allem in eurer Arbeitszeit! Wenn die Redakteure den Freiraum bekommen, die sozialen Netzwerke zu nutzen, dann entsteht daraus nicht nur eine Wohlfühlsituation, sondern diese Journalisten können ihre neu gewonnene Online-Kompetenz in ihre tägliche Arbeit einbringen.

Der Einwand der Geschäftsführer wird lauten: Aber damit lässt sich nichts verdienen!

Darum geht es nicht, sondern um die Frage: Wie viel lässt sich noch mit den alten Erlösmodellen verdienen? Die klassischen Print-Erlösmodelle haben ausgedient. Die Aufgabe ist es, aus der neuen Medienwelt neue Geschäftsmodelle, neue Distributionskanäle und neue Inhalte zu entwickeln. Es wird noch eine ganze Weile dauern, bis das perfekte Geschäftsmodell gefunden ist. Ein guter Weg könnte es vielleicht sein, sich wie der Axel-Springer-Verlag an einer Online-Bettenbörse wie Airbnb zu beteiligen. Auch Burda hat starke Beteiligungen im E-Commerce-Markt. Das hat dann zwar nichts mehr mit Journalismus zu tun, aber auch das Drucken von Stellenangeboten oder Todesanzeigen war kein journalistisches Konzept.

Womit lässt sich derzeit für Verlage im Netz Geld holen?

Derzeit gibt es einen Trend zum Mehr-Säulen-Modell. Erstens: Abo-Einnahmen durch Apps. Zweitens: klassische Online-Werbung. Drittens: E-Commerce-Projekte wie der Einstieg von Springer bei Airbnb. Damit sichert man sich im Onlinebereich Einnahmequellen, die sich wiederum in den eigenen Verlagsprodukten und sozialen Netzwerken mit hoher Reichweite bewerben lassen. Die vierte Säule gehört dem Ausprobieren. Lassen sich durch den Bezahlservice Flattr ode
r Ähnliches aufwendige Reportagen finanzieren? Oder: Lassen sich durch Crowdfunding genügend Investoren für einen Kinofilm auftreiben?

Was bedeutet das Web 2.0 für das Verhältnis von Journalisten zu ihren Lesern?

Jeder kann heute publizieren. Etwa via Blogs. Gleichzeitig haben die Journalisten eines ihrer größten Privilegien verloren. Denn die Macht der Öffentlichkeit steht nicht mehr nur einem kleinen Kreis von Medienmenschen zur Verfügung. Aber nur weil eine Flöte auf der Straße liegt, wird nicht jeder automatisch zum Flötenspieler. Auch wenn heute jeder journalistische Inhalte sehr einfach publizieren kann, heißt das nicht, dass das auch jeder will. Jeder wird diese Flöte so benutzen, wie er Bock darauf hat. Und mancher wird vielleicht nur kurz reinpfeifen.

Kurzer Ausblick bitte: Was bringt die Zukunft für die sozialen Netzwerke?

Nehmen wir als Beispiel Facebook, das sich derzeit in einer spannenden Übergangsphase befindet. Ich vergleiche die Entwicklung von sozialen Netzwerken gerne mit der Modelleisenbahn aus unserer Kindheit. Wir hatten sehr viel Spaß dran, die Schienen zusammenzustecken, die Häuser zusammenzukleben, und die Landschaft entlang der Strecke zu basteln. Sobald aber der Zug gefahren ist, wurde es schnell uninteressant. Ähnlich ergeht es uns mit sozialen Netzwerken. Solange wir unsere Netzwerke bauen und unsere Freunde zusammensuchen, sind wir sehr aktiv, aber irgendwann kommt der Moment, wo der Sättigungsgrad erreicht ist. Die große Herausforderung für die Netzwerke besteht nun darin, ihren Nutzern über die bisherige Vernetzungs-Funktion hinaus einen wirklichen Mehrwert zu liefern. Zum Beispiel indem sie mir anzeigen, dass fünf meiner Freunde einen bestimmten Artikel gelesen haben, also ist er vielleicht für mich auch interessant. Eine weitere Revolution kündigt sich für den Herbst an: Dann wird Apple wahrscheinlich seinen Fernseher auf den Markt bringen. Statt des normalen Fernsehprogramms werden Videos zu sehen sein, die gerade in dieser Sekunde von meinen Kontakten auf den sozialen Netzwerken konsumiert werden.

Martin Langeder ist freier Journalist in München.

langeder@gmail.com

European Newspaper Congress

Michael Praetorius erklärt beim Kongress in Wien (6. bis 8. Mai), wie Medien erfolgreich Social Media nutzen können.

Erschienen in Ausgabe 02+03/202012 in der Rubrik „Beruf und Medien“ auf Seite 68 bis 69 Autor/en: Martin Langeder. © Alle Rechte vorbehalten. Der Inhalt dieser Seiten ist urheberrechtlich geschützt. Für Fragen zur Nutzung der Inhalte wenden Sie sich bitte direkt an die Redaktion.

;