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Trollen trauen oder nicht

Von Leo Lagercrantz

Gute alte (Medien-)Zeit: Der Redakteur ist Gatekeeper. Er bestimmt, was Zeitung und Lesern frommt und was nicht. Leser sind jetzt aber Nutzer. Eine Analyse aus schwedischer Perspektive, erschienen im „Jahrbuch für Journalisten 2012“ (siehe auch Seite 81). Der Autor Leo Lagercrantz war Chefredakteur des Internet-Magazins Newsmill.

Es ist 2010. Mein Wohnzimmer ist schwach erleuchtet durch den blauen Schein, den der Bildschirm meines MacBook ausstrahlt. Es ist bald Mitternacht. Stockholm liegt im Dunkeln. Ich sitze vor dem Computer, in Beschlag genommen von einem langen E-Mail-Wechsel mit einer Benutzerin des Internet-Magazins, das ich betreibe: Newsmill, ein redaktionell betreutes Online-Debattenorgan. Ich habe von ihr verfasste Kommentare von der Seite genommen, Kommentare, die auf der Grenze zwischen einer legitimen Kritik der Einwanderung und Rassismus liegen. Jetzt will sie genau wissen, was ich mir dabei gedacht habe. Die Kommentatorin ist – im weitesten Sinne des Wortes – das, was man im Internet einen „Troll“ nennt. Rund um die Uhr scheint sie Kommentarfelder und Benutzerforen mit Texten zu überschwemmen, die sich entweder gegen Migranten oder bekannte Feministinnen wenden. Ihre Texte sind aggressiv, aber stets gut formuliert und nie drohend. Dennoch will ich ihre Kommentare nicht auf Newsmill, auf meiner Seite. Sie tragen dazu bei, uns ein braunes Gepräge zu geben. Immer häufiger höre ich, dass Leute deshalb nicht mehr für uns schreiben wollen. Der Troll verschreckt sie. Es gibt mehrere Arten von Trollen. Viele überfluten die Kommentarfelder mit Propaganda, Hassreden und Verleumdungen (…). Andere beschäftigen sich mit einem Gegenstand, der nichts mit dem Artikel zu tun hat, zu dem das Kommentarfeld gehört. Es wird eine lange Nacht. Meine Versuche, die Frau an einer Mitarbeit auf meiner Seite zu hindern, verlaufen bei Weitem nicht so schmerzfrei, wie ich mir das gedacht habe.

Vor zehn Jahren war ich, als junger politischer Redakteur, für die Meinungsseite der schwedischen Abendzeitung „Expressen“ verantwortlich. In Schweden hat es immer vier Tageszeitungen gegeben, die im ganzen Land gelesen werden. Wenn jemand mit einem Debattenbeitrag Wirkung erzielen wollte, war er auf die Meinungsseiten dieser Zeitungen angewiesen. Den höchsten Respekt erwarb man sich auf der Meinungsseite von „Dagens Nyheter“. Im Rang folgte die Meinungsseite von „Svenska Dagbladet“, der anderen Morgenzeitung. Die Meinungsseite von „Expressen“ galt jedoch – nicht zuletzt unter Politikern – als besonders wirkungsvoll. Und es war schwierig, einen Text dort unterzubringen. (…) Jeden Tag lehnte ich, zufrieden, ein paar Dutzend eingesandte Texte ab. Ein Redakteur dieser Seite war ein echter Gatekeeper (…).

Ich kenne Redakteure, in den Feuilletons und den politischen Redaktionen, die es nicht nötig hatten, auf Briefe oder Mails von Lesern zu antworten (…). Und mit den angenommenen Texten ging der Redakteur nach eigenem Gutdünken um (…). Wenn der Verfasser böse oder traurig wurde, galt das als Nachweis für die Integrität der Redaktion. Und der Autor kehrte ja immer wieder zurück. Was hätte er sonst auch tun sollen? Es gab ja so wenige Seiten, auf denen er publizieren konnte.

Aber das war damals. Vor der Revolution. Vor der großen Meinungsflut in den Blogs, den Foren, in den sozialen Medien und auf Twitter. Sie hält noch immer an, und keiner weiß, wie die Welt der Medien in Zukunft aussehen wird. Bis zum Jahr 2006 war ich oft der schnellste Journalist in Schweden, mit den interessantesten Kommentaren zu den interessantesten Nachrichten. In den sozialen Medien wurde ich abgehängt. Experten und andere Autoren, die etwas zu sagen hatten, taten das immer öfter in Blogs und auf den Internetseiten der Zeitungen. Für uns Papiermenschen war die Schlacht verloren. Worauf ich kündigte und ein Meinungsforum im Internet startete, eben Newsmill.

Alsbald erwies sich die Debatte im Internet als unendlich viel lebendiger. Innerhalb von wenigen Stunden konnten wir mehr Perspektiven auf das interessanteste Ereignis des Tages anbieten, als meine alte Zeitung in einer ganzen Woche zustande brachte. Schnell wurden wir zu einer echten Konkurrenz für die Meinungsseiten der Tageszeitungen. Die aufregendsten Texte entstanden in den Kommentarfeldern (…).

Im Jahr 2008 war es ein Fest, Redakteur eines Meinungsforums im Internet zu sein. Vielleicht war es diese Euphorie, vielleicht war es aber auch Ignoranz: Aber ich merkte nicht, wie der Troll kam, sich niederließ und die Kommentarfelder in Beschlag nahm. Wer ein Troll ist, und wer ein gewöhnlicher anonymer Kommentator, ist nicht leicht zu sagen. Der Troll selbst ist davon überzeugt, dass er oder sie ein mutiger Verfechter der Wahrheit ist, innerhalb einer Gesellschaft, die nach falschen Kompromissen strebt, in einer medialen Welt, die von „Feministinnen“, „Gutmenschen“ oder „Zionisten“ beherrscht wird, die – natürlich – insgeheim von den „Muslimen“ übernommen werden.

Solche Menschen, die heute Trolle sind, hat es immer gegeben. Der Unterschied aber besteht darin, dass sie früher keine Machtbasis besaßen. Diesen oft einwandererfeindlichen und immer bitteren Stimmen die Seiten der Papierzeitung zur Verfügung zu stellen, dieser Gedanke war uns völlig fremd. Nicht einmal auf den Leserbriefseiten waren sie willkommen. Doch dann wurde das Kommentarfeld im Netz erfunden. Der Einzug der Trolle in die Öffentlichkeit war ein Faktum. Es wurde unmöglich, sie zu übersehen. (…) Eines gibt es, was alle Trolle gemein haben: Sie geben nicht auf. Der durchschnittliche Troll liefert zehnmal so viel Textmenge wie ein gewöhnlicher Journalist. Und die Qualität seiner Arbeit ist, trotz allen Gerüchten, oft nicht schlechter als die eines etablierten Journalisten.

Der Troll ist nicht immer ein Internet-Nerd. Er kann ein Frührentner auf dem Land sein. Oder ein pensionierter Diplomat mit einer beachtlichen Karriere. Oder eine erfolgreiche, eher melancholische Geschäftsfrau. Mehr als durch Klassenzugehörigkeit oder Geschlecht zeichnen sich die Trolle dadurch aus, dass sie traurig und einsam sind. Das ist meine Erfahrung. Während meines letzten Jahres bei Newsmill war ich gezwungen, den größten Teil der Zeit, in der ich nicht schlief, mit der Jagd nach ihnen zu verbringen. (…) Dass auf unserer Seite keine Werbung erschien, deutete darauf hin, dass die Anzeigenkunden sie scheuten wie die Pest.

Der Troll hatte schneller als ich verstanden, dass publizistische Macht nicht mehr durch eine Familie von Eigentümern oder durch eine Konzernführung verliehen wurde. Heute nimmt man sich publizistische Macht. Ich fühlte mich wie ein Kammerjäger. Ich hatte ernsthaft vor, die Seite auszuräuchern und mein Haus wieder herzurichten, sauber und ordentlich. Ich schloss Debatten und zwang anonyme Autoren, sich erkennen zu geben. Einige warf ich einfach hinaus. Die Antworten ließen nicht lange auf sich warten. Meine Mailbox wurde mit wütenden und oft anonymen Nachrichten überschwemmt. Einige Benutzer, viel mehr, als ich erwartet hatte, wandten sich an mich, ohne ihre Identität zu verbergen, und warfen mir „Zensur“ vor.

Ich versuchte, mein Verhalten zu erklären, in Foren, Mails und Blogeinträgen: kein Rassismus und kein Frauenhass auf der Seite, deren Redakteur ich bin, nein danke. Doch die Hoffnung, dass der Kampf gegen den Troll so leicht zu gewinnen wäre, erwies sich als Irrtum. Der Troll reagierte nicht, indem er aufhörte, auf der Seite zu schreiben. Er forderte mich auch nicht auf, meine Sachen zu packen und zu verschwinden. Nein, viel schlimmer: Er fing an, mit mir zu diskutieren. Und er hörte nicht mehr auf.

(…) Es war nun nach Mitternacht. Es gibt eine Grenze, versuchte ich zu erklären, wie viele politisch unkorrekte Texte man als Redakteur unterbringen kann. Der Troll, der sich für mich nun in eine Autorin verwandelt hatte, bat um Entschuldigung für ihre undeutliche Aussprache. Sie habe ein Glas Wein getrunken. Dann sagte sie, dass es aber offenbar keine Grenze dafür gebe, wie viele korrekte und nichtssagende Kommentare ich auf der Seite veröffentlichen könne.

Zu meiner Verteidigung konnte ich nicht mehr viel
anführen. Auch ich trank ein Glas Wein. Als wir auflegten, war ich äußerst unsicher, ob sie oder ich im Recht war. Doch als ich am nächsten Morgen aufwachte und die Kommentarfelder wieder übervoll waren mit „einwanderungskritischen“ Kommentaren, hatte ich das Gefühl, dass der Fortschritt der Medien in einem einzigen großen Kater bestand. Kurze Zeit darauf verließ ich Newsmill. Ich tat es nicht nur mit dem Gefühl, vom Troll besiegt worden zu sein, sondern auch im Wissen, dass mein Kampf sinnlos gewesen war. Jedes Mal, wenn ein einsamer Täter ein extremistisches Attentat begeht, taucht der Vorwurf auf: „Es waren die rechten Medien (alternativ: die populistischen Politiker), die den Verrückten inspirierten.“ Diese Debatte wurde zum Beispiel in Schweden nach dem Mord an Olof Palme geführt. (…) Doch nach den Anschlägen von Utøya wurde der Troll zum ersten Mal zur Rechenschaft gezogen. Vieles deutet darauf hin, dass Anders Breivik selbst ein Troll war. Mehrere große Tageszeitungen in Skandinavien fassten darauf drastische Beschlüsse – wie etwa, die Kommentarfelder wenn nicht ganz, doch bis auf Weiteres zu schließen. Persönlich verstärkte das Massaker in Norwegen mein Gefühl, gescheitert zu sein. Nicht weil ich „zensierte“. Sondern weil ich es nicht früher und entschlossener tat.

Erschienen in Ausgabe 02+03/202012 in der Rubrik „Rubriken“ auf Seite 20 bis 23 Autor/en: Leo Lagercrantz. © Alle Rechte vorbehalten. Der Inhalt dieser Seiten ist urheberrechtlich geschützt. Für Fragen zur Nutzung der Inhalte wenden Sie sich bitte direkt an die Redaktion.

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