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ARCHIV » 2012 » Ausgabe 02-03/2012 »

Beruf und Medien

Urteil alla turca

„Da lachen ja die Hühner.“ Kommentar eines türkischen Kolumnisten zum Urteil im Prozess gegen die Drahtzieher des Mordes an dem armenisch-türkischen Publizisten Hrant Dink. Denn einer der Hauptverantwortlichen, ein Rechtsextremist, wurde jüngst zu lebenslanger Haft verurteilt, der andere jedoch, ein Polizeispitzel, wurde freigesprochen. Das klingt wie Messen nach zweierlei Maß. Der Richter beharrte auf der These eines Einzeltäters, sah keine Beweise für ein Komplott.

Die Gendarmerie, der Sicherheitsapparat, selbst der Gouverneur – sie alle wussten, dass etwas gegen den prominenten Herausgeber der Zeitschrift „Agos“ im Busch war, schrieb Mehmet Ali Birand. Dink wurde gewarnt, aber nicht beschützt. Am 19. Jänner 2007 erschoss ihn ein Jugendlicher, offenbar ein Handlanger von Ultranationalisten, vor der Redaktion in Istanbul auf offener Straße. Birand: „Das hat Hrant nicht verdient.“ Dieses Urteil, das fast auf den Tag genau fünf Jahre später gefällt wurde, sei „wie ein zweiter Mord“ an Dink.

Vergeblich verlangten die Anwälte der Familie Dink die Herausgabe von Telefonmitschnitten des Todesschützen. Der Richter schien an einer gründlichen Aufklärung des Verbrechens nicht interessiert. Es hagelte scharfe Kritik an dem offensichtlichen Fehlurteil. Dies veranlasste sogar den Justizminister sowie Premier Recep Tayyip Erdogan, auf das Berufungsverfahren zu pochen. Das Berufungsgericht solle „gerecht“ urteilen, suchte Erdogan zu kalmieren. Hoffentlich werde das Urteil revidiert, meinte ein Journalist, sonst würde die türkische Justiz, an die ohnehin nur mehr wenige Türken glauben, zu einer glatten Farce.

Das „politische Urteil“, wie es die Anwältin der Dink-Familie nannte, trieb zwei Tage später, am Todestag des Ermordeten, in Istanbul Zehntausende Türken auf die Straße. Der Dink-Gedenktag verwandelte sich in einen öffentlichen Protest, „eine Lektion“ für jene nationalistisch Gesinnten, die den Minderheiten negativ entgegentreten. Die Demonstranten forderten Gerechtigkeit für einen armenischen Mitbürger. Dem Berufungsgericht werde gar nichts anderes übrig bleiben, als das umstrittene Urteil zu reparieren, hoffen aufgeklärte Türken.

Erschienen in Ausgabe 02+03/202012 in der Rubrik „Beruf und Medien“ auf Seite 76 bis 77. © Alle Rechte vorbehalten. Der Inhalt dieser Seiten ist urheberrechtlich geschützt. Für Fragen zur Nutzung der Inhalte wenden Sie sich bitte direkt an die Redaktion.

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