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Praxis

Wo ist bloß „Staberl“ geblieben, warum klagt „Österreich“ gegen Österreich und warum stören Hermann Petz Schulden nicht?

Was Sie schon immer über Medien wissen wollten. Dr. Media beantwortet drängende Fragen der Branche.

Wie neu ist die „Krone“ mit „Staberl“?

Dr. Media: Aus der „Kronen Zeitung“ drangen 2011 zwei Sensationen durch. Erstens, dass die größte Tageszeitung an einer Layoutreform arbeite, und zweitens, dass Richard Nimmerrichter „Staberl“ zurückkehre. Letzteres war nicht bloß ein Gerücht, sondern wurde von der Zeitung zwischen Nimmerrichters 90. Geburtstag und der Meldung vom 26. Juni „Staberl – eine Legende kehrt zurück“ gut dramatisiert dargestellt. Jetzt fragen wir uns: Wo ist er? Das ist keine Bosheit ihm gegenüber, denn wir würden dem inzwischen 91-Jährigen aus humanitären und sonstigen Gründen Ruhe gönnen, auch wenn ihm Innenpolitiker Claus Pándi „eine genetisch glückliche Voraussetzung“ bescheinigt. Aber genügt der Zeitung dann und wann eine Routinemeldung, dass „Staberl“ werkt und wirkt? Sein Vorwort zum „Schlagzeilenbuch 2011“ zu 24,95 Euro kann ja auch nicht alles gewesen sein.

Die Entbehrung, die sich bei uns Lesern breitmacht, lässt uns auch nach dem ersten Teil aller Neuerungen fragen: Wo ist der Relaunch? Kundige, die mit dem Zeitgefühl der „Krone“ vertraut sind, zählen die Novitäten dick auf: mehr Interviews, mehr Zitate, mehr Grafiken, mehr Umfragen, ein höheres Bildbewusstsein und mehr redaktionelle Seiten. An diesen Neuerungen, die uns zugegebenermaßen nicht gleich aufgefallen sind, ist manches dran. Aber, und das ist jetzt die dritte Frage: Wo ist der von der „Krone“ engagierte Zeitungserneuerer Mario Garcia und was macht er? Denn auf das, was wir soeben aufgezählt bekamen, pflegen sich die Zeitungsmacher anderer Häuser in einer Montagmittags-Konferenz einig zu werden, ganz ohne Mediendesigner.

Ab wann sind Schulden besorgniserregend?

Dr. Media: Wie viele Millionen die Tiroler Moser Holding bei ihrem medialen Einbruch in Oberösterreich in den dortigen Sand gesetzt hat, kann mangels näherer Angaben immer nur spekulativ beantwortet werden. Vorstandsvorsitzender Hermann Petz ermöglichte überraschenderweise eine Umwegkalkulation, und das ausgerechnet bei einem weihnachtlichen „Mitarbeiterabend“ am 17. Dezember im Salzlager Hall. Er wurde von einer Moderatorin auf offener Bühne gefragt, wie das mit den Schulden des Unternehmens sei, über die es immer wieder Gerüchte gebe. Petz bezifferte sie ohne Umschweife auf 50 Millionen Euro. Und die müsse man in Relation zum Jahresumsatz von 200 Millionen Euro setzen. Also kein Anlass, sich aufzuregen. In der Tat – das regt Petz überhaupt nicht auf.

Ist Online-Journalismus ohne Internet möglich?

Dr. Media: Leider nein. Ab und zu muss man darauf aufmerksam machen, dass Journalisten ihre Leistungen nicht nur auf dem eigenen Hirn aufbauen, sondern auch auf der technischen Infrastruktur. Somit sei als nicht repräsentativer Einzelfall das Leiden des ehemaligen „Krone“-Journalisten Lothar Schwertführer geschildert, der drei Nachrichtenportale betreibt, unter ihnen das respektable mein-perchtoldsdorf.at. Ende Jänner war es für die Perchtoldsdorfer fünf Tage finster, weil Schwertführer in die eigenen, über den Webhoster 1&1 betriebenen Portale nicht mehr hineinkonnte. Mehrere Telefonate mit 1&1 sowie Mails, die immer heftiger formuliert wurden, blieben in der Kundenservice-Watte hängen: „Wir bedauern sehr, dass Sie von diesem Fehler betroffen sind. Wir konnten den Sachverhalt nachvollziehen und arbeiten bereits an einer Lösung für Sie. Bitte haben Sie Verständnis dafür, dass dies ein wenig Zeit beanspruchen kann.“ Schwertführer unruhig: Fünf Tage seien in diesem Geschäft nicht „ein wenig Zeit“, sondern ein Signal, dass er wohl bald zusperren müsse, wenn einer der größten Provider mit seiner Technik nicht zurande komme. Er gebe ja zu, dass 1&1 kostengünstige Angebote habe und Privaten wie Firmen zu professionellen Homepages verhelfe. Aber tagelang von einem Callcenter bedient zu werden, dessen Besatzung „freundlich, aber inkompetent“ sei, stimme nicht mit der großspurigen Kundenwerbung in Deutschland und Österreich überein.

Gibt es Online-Gerechtigkeit?

Dr. Media: Keinesfalls mehr als in der materiellen Welt. Peter Zöchbauer, Medienanwalt von „Österreich“, ist empört. Nicht nur, dass die Mediengruppe Österreich GmbH samt ihrer Media Digital GmbH in einem von Mediaprint angestrengten Prozess unterlagen, musste das Urteil auch auf prominentem Platz der Startseite von oe24.at verkündet werden. „Österreich“ und oe24.at müssen es unterlassen, „eine allgemeine Spitzenstellung und/oder einen Vorsprung gegenüber Mitbewerbern, insbesondere der, Kronen Zeitung‘, zu behaupten und/oder zu verbreiten, insbesondere die Tageszeitung, Österreich‘ als, neue Nummer 1‘ zu bezeichnen“. Das wird im Reich Wolfgang Fellners schon allein als Zumutung empfunden werden, denn was Fellner macht, ist immer spitze. Als bisher einmalig bezeichnet Zöchbauer aber die vom Oberlandesgericht Wien bestätigte Anweisung, dass das Urteil auf der Homepage (Startseite) und nicht nur auf einer (Unter-)Seite veröffentlicht werden müsse. Begründung: „Lediglich die Unterrubrik ist hierfür nicht ausreichend, weil nicht gesichert davon ausgegangen werden kann, dass ein Nutzer, der einmal diese Unterseite besucht hat, nach Jahren wieder darauf zurückkommen wird.“

Zöchbauer fragt, warum das Gerichtsverfahren Jahre in Anspruch genommen habe, sodass sich heute kaum noch jemand an die Sache erinnere, und stellt fest, dass der Spruch des Oberlandesgerichts „unvertretbar“ sei: „Eine Veröffentlichung auf einer Untersite rechtfertigt niemals eine Veröffentlichung auf der Startseite. Schließlich gilt das Talionsprinzip. Und die Rechtfertigung der Verletzung dieses Prinzips mit einer von der Republik Österreich zu verantwortenden Verfahrensdauer ist ein klarer Verstoß gegen Art. 6 EMRK (faires Verfahren). Schließlich darf ein überlanges Verfahren niemals zulasten des Beklagten gehen.“ Er kündigt ein Amtshaftungsverfahren gegen die Republik an.

Auch Hugo Portisch in die Rumpelkammer?

Dr. Media: Unbeachtet von den übrigen Medien trug „Die Furche“ einen Historikerstreit aus, der bemerkenswert ist. Der Zeithistoriker Gerhard Botz wurde von dem Blatt zur Rolle der Geschichtswissenschaft interviewt und fiel nicht zum ersten Mal dadurch auf, dass er sein Ego auf wissenschaftlichen Geleisen flott zu transportieren vermochte. Indem er Wissenschaftlichkeit richtigerweise vom bloßen „Storytelling“ abgrenzte, kam er unvermutet auf den Publizisten Hugo Portisch und dessen klassisch gewordenen „Österreich“-Dokumentationen im Fernsehen zu sprechen: „Dadurch, dass er dieses Monsterprojekt Österreich II und I machen konnte, hat er sozusagen eine für beide damals noch großen politischen Lager akzeptable Geschichtserzählung konstruieren können. Es war eine deskriptive, erzählende Politikgeschichte.“ Und würgte das Ansinnen, Portisch sei der Geschichtsvater der Nation, behände ab: „Aber da beginnt das Storytelling. Und welche Rolle haben die Zeitgeschichtler gespielt? Er hat sich manche eingekauft, als Berater. Mir hat er 100.000 Schilling angeboten. Ich hab gesagt ja – wenn ich gestaltend eingreifen kann. Das wollte er nicht.“

Nun hat Botz zwar ein professorales Leben lang für die „Problematisierung“ der Historie gesorgt, die er bei Portisch vermisst, lässt aber in seinen Ausfällen gegen Portisch, der sich verständlicherweise wehrt und für den inzwischen der Historiker Manfried Rauchensteiner ein ausführliches Plädoyer schrieb, eine Problematisierungslücke übrig. Wenn die Österreicher nicht die zur Zeit des ORF-Generalintendanten Gert Bacher mit Akribie und Geldaufwand produzierten Portisch-Serien bekommen hätten, wo sollten sie sich sonst über ihre jüngste Ges
chichte informieren? Viele der Zeitzeugen, die Portisch staffelweise vor der Kamera interviewen ließ, wären heute gar nicht mehr greifbar. Der Geschichtswissenschaft ist eine ähnliche und in ihrem Wert unverzichtbare Dokumentation nicht rechtzeitig gelungen.

Erschienen in Ausgabe 02+03/202012 in der Rubrik „Praxis“ auf Seite 96 bis 96. © Alle Rechte vorbehalten. Der Inhalt dieser Seiten ist urheberrechtlich geschützt. Für Fragen zur Nutzung der Inhalte wenden Sie sich bitte direkt an die Redaktion.

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